Weihnachtsfrieden bei Volkswagen? : VW-Tarifstreit: die nächste Runde startet

Ab Montag um 11:00 Uhr beginnt die fünfte Verhandlungsrunde, die diesmal in einem Hotel in Hannover stattfindet. Wie lange die Gespräche dauern werden, ist laut IG Metall noch unklar – es könnte bis spät in den Abend gehen, und falls nötig, wird auch der Dienstag in Anspruch genommen.
- © Birgit Reitz-Hofmann - stock.adobe.comBeim kriselnden deutschen Autobauer VW geht es in einer weiteren Tarifrunde ab Montag ums Erreichen eines Weihnachtsfriedens. Ob dieser gelingt, ist im Vorfeld aufgrund weit auseinanderdriftender Positionen von Konzern und Arbeitnehmervertretern allerdings fraglich. Auch wenn sich die öffentlichen Töne der Player zuletzt gelindert haben, sprach keine der beiden Seiten bisher von einer Annäherung.
Ab dem späten Montagvormittag um 11:00 Uhr treffen sich beide Seiten diesmal in einem Hotel im norddeutschen Hannover und nicht am VW-Stammsitz in Wolfsburg. Wie lange die fünfte Runde der Verhandlungen dauern wird, ist nach Angaben der IG Metall nicht abzuschätzen. Es könnte spät werden und wenn nötig soll der Dienstag drangehängt werden.
VW-Beschäftigte protestieren vor fünfter Tarifrunde
Rund 100 Beschäftigte protestierten in Hannover vor dem Verhandlungshotel gegen die Sparpläne des Konzerns. "Arbeit für alle Standorte", wurde auf einem Transparent gefordert. "Wir kämpfen um unsere Tarifverträge", stand auf einem anderen. "Wir erwarten jetzt endlich, sich konstruktiv mit uns gemeinsam auf diesen Weg zu begeben und vor Weihnachten zu guten Lösungen zu kommen", sagte IG-Metall-Verhandlungsführer Thorsten Gröger bei einer kleinen Kundgebung auf dem Fußweg vor dem Hotel. "Wir wollen nicht in den Weihnachtsurlaub gehen mit dieser Unsicherheit, mit der Angst, ob es hier betriebsbedingte Kündigungen gibt, ob es Standortschließungen gibt", sagte Betriebsratschefin Daniela Cavallo.
Volkswagen fordert wegen der Konzernkrise von den 130.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine zehnprozentige Lohnkürzung und will diverse Boni sowie Zulagen streichen. Auch Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen sind weiter angedroht. Die zuständige deutsche Gewerkschaft IG Metall fordert hingegen den Erhalt aller Standorte und eine Beschäftigungsgarantie. Dauerhafte Einschnitte beim Monatslohn lehnt sie ab.
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Nun heißt es: Entweder wird kurz vor Weihnachten seitens des Unternehmens die Weiche richtig gestellt, oder wir laufen 2025 in eine massive Eskalation.Thorsten Gröger, IG-Metall-Verhandlungsführer
Weitere Warnstreiks angedroht
Zumindest verbal hatten beide Seiten bei der vorangegangenen Tarifrunde spürbar abgerüstet. VW-Verhandlungsführer Arne Meiswinkel sprach nach sieben Stunden Verhandlung von konstruktiven Gesprächen und Fortschritten in der Diskussion. Verhandlungskreisen zufolge wurde erstmals ernsthaft verhandelt, statt nur festgefahrene Positionen auszutauschen.
Auch IG-Metall-Verhandlungsführer Thorsten Gröger berichtete von einem deutlich konstruktiveren Gesprächsklima. Beide Seiten betonten aber, inhaltlich liege man noch weit auseinander. "Die Atmosphäre unserer jüngsten Gespräche kann man vielleicht am ehesten als "bedingt gestaltungsbereit" beschreiben", sagte Betriebsratschefin Daniela Cavallo, die für die IG Metall mit am Verhandlungstisch sitzt.
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Zugleich droht die IG Metall: Sollte es vor Weihnachten keine Einigung geben, behalte sie sich vor, die Warnstreiks im neuen Jahr deutlich auszuweiten. "Nun heißt es: Entweder wird kurz vor Weihnachten seitens des Unternehmens die Weiche richtig gestellt, oder wir laufen 2025 in eine massive Eskalation", sagte Gröger.
Bereits die vergangene Tarifrunde war von einem erneuten Warnstreik an neun der zehn deutschen VW-Standorte begleitet worden. Laut IG Metall beteiligten sich insgesamt 103.000 Beschäftigte an dem inzwischen zweiten Ausstand. VW sprach dagegen nur von 55.000 Teilnehmern, die bei der Arbeitsagentur gemeldet wurden. Die Gewerkschaft erklärte die Abweichungen mit unterschiedlichen Ansichten über die Meldepflicht von Warnstreikteilnehmern.
Einigung vor Weihnachten "schwer vorstellbar"
Kommt es nun zum Durchbruch? "Eine Beschleunigung der Verhandlungen vor Weihnachten könnte mehr Bewegung in die verfahrene Situation bringen", sagt Branchenexperte Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands in Hannover. Eine Einigung vor Weihnachten sei angesichts der noch "meilenweit auseinanderliegenden" Positionen aber nur schwer vorstellbar.
"Allerdings geht es manchmal dann doch schnell", fügt Schwope hinzu. Vorstellbar sei etwa eine Reduzierung der Arbeitszeit auf eine Vier- oder Viereinhalb-Tage-Woche. Mit einer ähnlichen Lösung war bei VW 1993 schon einmal ein massiver Stellenabbau verhindert worden.
Nahendes Fest erhöht den Druck
Das nahende Weihnachtsfest hat bei VW bereits in der Vergangenheit wiederholt den Druck erhöht, Konflikte vorher beizulegen. Vor einem Jahr einigten sich Konzern und Betriebsrat am 19. Dezember nach monatelangem Ringen auf Eckpunktes eines ersten Effizienzprogramms. Schnell erwies sich dieses als nicht ausreichend - deshalb will VW jetzt nachlegen.
Auch der Machtkampf zwischen Cavallo und dem damaligen Konzernchef Herbert Diess wurde 2021 am 9. Dezember entschärft – zumindest vorläufig. Acht Monate später musste der Vorstandsvorsitzende trotzdem seinen Hut nehmen. Auch im aktuellen Tarifstreit haben beide Seiten mehrfach erklärt, den Konflikt bis zum Fest beilegen zu wollen.
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Teurer "Schattentarif" als Risiko für VW
Was den Einigungsdruck dieses Mal zusätzlich erhöht: Sollte es bei der Beschäftigungssicherung keine Einigung geben, tritt Mitte 2025 ein sogenannter "Schattentarif" in Kraft, der seit 1993 auf Eis lag. Statt billiger würde es für VW dann sogar teurer werden. Betroffen wäre rund die Hälfte der Belegschaft, die bereits vor 2005 an Bord war. Laut "Handelsblatt" würde es im Schnitt eine Erhöhung um 4,5 Prozent geben – ganz ohne Tarifabschluss. Ein bis zwei Milliarden Euro würde das VW am Ende kosten.
Sollte es dazu kommen, so drohte VW bereits, wären erst recht betriebsbedingte Kündigungen notwendig. Möglich wäre das ab Juli 2025. Auch das Unternehmen strebt daher eine Anschlussregelung an, die das verhindert. Die bisher bestehende Vereinbarung, die betriebsbedingte Kündigungen seit 1993 ausschloss, hatte der Konzern im September gekündigt.
Warnung vor zu großen Zugeständnissen
Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach warnt davor, auch diesmal allzu große Zugeständnisse zu machen. Er befürchte, dass man sich am Ende wieder nur auf einige kleine Maßnahmen verständige, die aber nicht reichten.
"Man schraubt hier ein bisschen, schraubt da ein bisschen. Aber nicht so grundlegend, dass VW wieder an die Spitze kommt", befürchtet Bratzel. "Das wäre aus meiner Sicht die schlechteste Variante." Die Probleme wären dann in einigen Jahren nur umso größer.