Im Gespräch: Christoph Ungersböck : „Industrie 4.0 wird in vielen Bereichen von KMU vorangetrieben“

Sick

Christoph Ungersböck absolvierte die HTBLuVA Mödling im Fachbereich Elektrotechnik und studierte berufsbegleitend Elektronik & Wirtschaft an der FH Technikum Wien. Seine Karriere begann bei Watt Drive Antriebstechnik als Produktmanager-Assistent für das Exportgeschäft in Osteuropa und Deutschland. Nach weiteren Stationen in Vertrieb und Produktmanagement bei Schrack Energietechnik GmbH, Fest GmbH und Schneider Electric, trat er 2009 in die österreichische Tochtergesellschaft des Sick-Konzerns ein. 2016 wurde er Mitglied der Geschäftsführung – seit 2018 leitet er die Gesellschaft alleine.

- © Sick

Die Nachfrage nach IoT-Lösungen und der Boom der Künstlichen Intelligenz haben die geschäftliche Entwicklung von Sick in den letzten Jahren erheblich vorangetrieben. Dennoch blieb das Unternehmen von der globalen Chipkrise weitgehend unberührt. Wie schätzen Sie die aktuelle Marktlage ein?

Christoph Ungersböck: Diese Zeit lässt sich rückblickend als besonders erfolgreich beschreiben, und auch aktuell können wir uns über die Marktlage nicht beklagen. Einige sehr große Projekte kommen uns entgegen, sodass das laufende Geschäft insgesamt als stabil bezeichnet werden kann. Die vergangenen Jahre waren durch die globale Lieferkettenproblematik geprägt, die auch uns vor Herausforderungen stellte. Unser Stammhaus in Deutschland hat jedoch hervorragende Arbeit geleistet und viele Probleme lösen können, indem alternative Wege gefunden wurden. Diese Lösungen haben sich bewährt. Natürlich gab es auch bei uns schwierige Phasen mit Engpässen. Insgesamt betrachtet sind wir jedoch gut durch die Krisenjahre gekommen, was ein wesentlicher Grund für unsere derzeitige positive Entwicklung ist.

Das dürfte auch am Produktportfolio liegen, das auf die aktuellen Trends gut abgestimmt ist. Welche Lösungen suchen derzeit Ihre Kunden?

Ungersböck: Hochwertige, zuverlässige Sensoriklösungen punkten in allen Bereichen. Als Lieferant legen wir großen Wert auf technische Exzellenz und marktorientierte Innovation. Unsere Systeme bieten bewährte Qualität zu vernünftigen Preisen. Zudem steigt die Nachfrage nach Komplettlösungen. So bieten wir zum Beispiel im Bereich Logistik umfassende Pakete an, die nicht nur Sensoren, sondern auch Systemtechnik und Services umfassen. Diese ganzheitlichen Lösungen eröffnen wertvolle Vorteile für unsere Kunden. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Automatisierung. Der Bedarf an automatisierten Lösungen wächst stark – das verlangt nach entsprechender Sensorik – was unsere Entwicklung ebenfalls positiv beeinflusst.

Ist das Versprechen der Industrie 4.0 nun endgültig auch bei den KMU angekommen?

Ungersböck: Ja, das sieht man in der Praxis. Industrie 4.0 wird in vielen Bereichen besonders von kleinen und mittleren Unternehmen vorangetrieben. Diese sind oft experimentierfreudig und suchen nach einzigartigen Verkaufsargumenten. Als Lieferant unterstützen wir sie dabei, indem wir gemeinsam mit ihnen Lösungen entwickeln, die helfen, ihre Maschinen, Prozesse und Produkte zu optimieren. Wir bieten nicht nur die passenden Produkte, sondern auch das notwendige Know-how, um diese erfolgreich in der Praxis anzuwenden. KMU setzen neue Technologien schnell um, besonders wenn diese leicht zu integrieren und zu nutzen sind. Dies gilt beispielsweise für KI-Lösungen, die komplexe Programmierungen überflüssig machen und einfach zu bedienen sind. Das trifft auch auf den Bereich der kollaborativen Roboter und andere Automatisierungslösungen zu, die zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Ein großer Vorteil von eingebetteter KI ist, dass die Daten nicht in eine Cloud hochgeladen werden müssen, sondern direkt auf dem Gerät verarbeitet werden.

Welche neuen Entwicklungen gibt es bei Sick? Woran arbeitet das Unternehmen aktuell?

Ungersböck: Wir haben heuer schon zwei große Produktreihen erfolgreich auf den Markt gebracht – den vielseitig einsetzbaren Lichttaster W10 und den 2D-Vision-Sensor Inspector 83x mit KI-Unterstützung.

KI ist für Sick kein neues Terrain. Schon vor Jahren gab es ein Portfolio an Deep-Learning-Apps. Mit dem neuen Inspector83x 2D-Vision-Sensor gibt es nun sofort einsetzbare industrielle Bildverarbeitung mit integrierter KI. Was ändert sich jetzt durch die Large-Language-Models?

Ungersböck: Heute steht die Einfachheit in der Anwendung im Fokus. Man braucht keinen Programmierer oder Integrator mehr. Als Endverbraucher oder Maschinenbauer kann man KI-basierte Lösungen selbst in die Produktion bzw. einen Prozess einfließen lassen. Das ist ein wichtiger Schritt, der Einstiegshürden abbaut.

Mit dem neuen Inspector83x 2D-Vision-Sensor bringt Sick sofort einsetzbare industrielle Bildverarbeitung mit Künstlicher Intelligenz für typische Inline-Inspektionsaufgaben in der anspruchsvollen Hochgeschwindigkeitsproduktion auf den Markt. Die Einlernfunktionen des Inspector83x ermöglichen auch Laien die Konfiguration leistungsstarker, hochpräziser KI-basierter Inspektionen bei vollem Produktionstempo. Erste Überprüfungen lassen sich innerhalb weniger Minuten einrichten.

Beim Thema KI in Verbindung mit Sensorik geht es auch um sensible Daten und den Datenschutz. Wie geht Sick mit dieser Herausforderung um?

Ungersböck:
Sicherheit ist eine Grundvoraussetzung – niemand kann es sich leisten, den Schutz der Daten zu vernachlässigen. Diese grundlegenden Sicherheitsaspekte müssen vorher festgelegt und überprüft werden. Deshalb sind Regularien wie der AI-Act von entscheidender Bedeutung. Sie stellen sicher, dass der Umgang mit KI-Daten sicher und verantwortungsvoll erfolgt. Ein großer Vorteil von eingebetteter KI ist, dass die Daten nicht in eine Cloud hochgeladen werden müssen, sondern direkt auf dem Gerät verarbeitet werden. Das minimiert Risiken und erhöht die Datensicherheit erheblich.

Sick gehört zu den Unternehmen, die aktiv am industriellen Metaverse arbeiten. Was genau ist die Vision hinter diesem Konzept?


Ungersböck:
Ein zentrales Thema ist die Remote-Inbetriebnahme, besonders in Zeiten, in denen es immer weniger qualifizierte Mitarbeiter gibt. Das führt dazu, dass ein Experte an verschiedenen Orten gleichzeitig gebraucht wird. Der Ansatz, solche Prozesse und Tätigkeiten aus der Ferne abzuwickeln, bietet erhebliche Vorteile. Das ermöglicht schnelleren Support und da die Reisezeiten entfallen, können in der gleichen Zeit mehr Supportanfragen bearbeitet werden. Das bedeutet auch, mit weniger Personaleinsatz – der ohnehin ein limitierender Faktor ist – kann mehr erreicht werden. Das führt zu einer effizienteren Nutzung der Ressourcen, mehr Flexibilität und senkt die Kosten.