Interview : "Es muss nicht alles
auf Biegen und Brechen automatisiert werden"

FACTORY: Sie sind seit 2018 bei ENGEL als Produktmanagerin Automatisierung tätig. Markiert dieser Zeitpunkt auch einen Wandel im Unternehmen in Richtung Automation?

Deborah Lidauer: Jein, also nicht konkret mit meinem Einstieg. ENGEL hat 1989 mit der Automatisierung von Spritzgießmaschinen angefangen. Aber man merkt in den letzten 2-3 Jahren einen Anstieg an Anfragen in der Automatisierung. Wir von Engel bieten ja Spritzgießmaschinen mit zugehörigen Robotiksystemen aus einer Hand. Und hier merkt man von den KundInnen einen extremen Pull.

Und wie erklären Sie sich den Zeitpunkt?

Das hängt stark mit der Coronakrise und dem Arbeitskräftemangel zusammen. Automatisieren ist mittlerweile ein Muss. Den Unternehmen bleibt fast nichts anderes mehr übrig.

Es setzen ja viele Branchen immer stärker auf Automatisierung. Wo liegen speziell in der Spritzgussindustrie die Anforderungen?

Ein Linearrobotiksystem ist, salopp gesagt, schnell gebaut. Worauf es ankommt, das ist die Steuerungstechnik. Bei uns handelt es sich um eine vollintegrierte Steuerung, wodurch wir eine einheitliche Bedienoberfläche haben und einen intensiven Datenaustausch zwischen Spritzgießmaschine und Roboter ermöglichen. Der Roboter weiß extrem viel von der Maschine und vice versa. Das ist bei Fremdlösungen, die durch eine Standardschnittstelle mit der Maschine verbunden sind, nicht der Fall. Da gibt es nur einen rudimentären Informationsaustausch. Zudem sind unsere Roboter mit vordefinierten Programmen und Abläufen, die genau auf den Spritzgießprozess ausgelegt sind, ausgestattet. Das heißt, der Bediener hat zum Beispiel für einen simplen Entnahme- und Ablageablauf ein fertiges Programm. Er selbst muss dann nichts mehr programmieren, sondern nur noch teachen, im Sinne von Positionen lernen. Aber die Positionen im Ablauf sind bereits vorhanden.

Deborah Lidauer
Deborah Lidauer ist seit Februar 2018 bei ENGEL Produktmanagerin für den Bereich Automation, wo sie sich dafür einsetzt, Automatisierungslösungen auf die Spritzgießbranche abzustimmen. Davor war sie 4 Jahre bei der österreichischen Niederlassung von KUKA Roboter im Vertrieb und Marketing tätig. - © ENGEL
Alles, was man automatisiert, muss danach auch gewartet und bedient werden können.
Deborah Lidauer

Wie weit kommen die Komponenten von Engel selbst und wer sind bei zugekauften Komponenten die Kooperationspartner?

Wir haben Anguss-Picker, die zu 100 Prozent von uns am Standort Dietach produziert werden. Ebenso werden die Linearroboter vollständig bei uns im Haus entwickelt und produziert. Für bestimmte Anwendungen und komplexere kundenspezifische Automatisierungslösungen haben wir integrierte 6-Achs-Kinematiken, also Knickarm-Roboter. Diese kommen vor allem für vor- und nachgelagerte Prozesse, wie zum Beispiel die Vorsortierung, Verpackung oder Assemblierung zum Einsatz. Unser Partner ist hier die Firma KUKA. Dennoch lassen sich auch die Knickarmroboter von ENGEL in die Steuerung der Spritzgießmaschinen integrieren.

Sie waren ja davor vier Jahre bei KUKA im Marketing beschäftigt. Was waren da die wichtigsten Learnings, die Sie für Ihre jetzige Tätigkeit mitnehmen konnten?

Bei KUKA habe ich die ganze Bandbreite von Knickarm-Robotern gesehen. In der Spritzgießindustrie nutzen wir ja nur einen Teil deren Anwendungsbereiche. Und, was sehr positiv ist: jeder, der schon einmal einen Knickarm-Roboter programmiert hat, weiß, dass das gar nicht so einfach ist. Normalerweise hat jeder Hersteller von Knickarmrobotern eine eigene Sprache. Wir verbinden unsere Spritzgießmaschinen über eine definierte Schnittstelle mit den KUKA-Robotern – und somit kann der Bediener mit unserer Steuerungslogik den Knickarm-Roboter sehr einfach bedienen. Das war für mich ein Aha-Moment.

Für komplexere Anwendungen setzt Engel auf Knickarm-Roboter von KUKA.

- © ENGEL

Es gibt, trotz aller Automatisierungsnotwendigkeit, noch Unternehmen, die noch nicht so viel mit Robotik anfangen können, oder die noch Berührungsängste haben. Wie gehen Sie auf solche Unternehmen zu?

Mit unseren Kompetenzzentren in Schwertberg, in Hagen, in York und auch in Shanghai wollen wir genau solche KundInnen adressieren. Wir vertreten keinesfalls die Meinung, dass alles, was automatisiert werden kann, auch auf Biegen und Brechen automatisiert werden soll. Ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, dass der Kunde zu schnell zu viel automatisieren wollte, obwohl er intern nicht zeitgleich die Expertise dazu aufbauen konnte. Da muss man das Bewusstsein schaffen, dass alles, was man automatisiert, danach auch gewartet und bedient werden können muss.

Kann man generell sagen, dass die Wartungsarbeit im Vorhinein unterschätzt wird?

Es kommt auf die Komplexität an. Wenn man eine Spritzgießmaschine für die Entnahme automatisiert, was State of the Art ist, ist das kein großer Aufwand. Aber die vor- und nachgelagerten Prozesse werden schon teilweise unterschätzt, weil da einfach viel Know-how dahintersteckt. Speziell wenn da auch Fremdperipherien integriert sind, kann das Programm sehr komplex werden. Da geht es etwa um Signalübergaben, Schnittstellenübergaben – und das muss man als Kunde beherrschen können.

ENGEL wird ja auf unserer Industrierobotik-Konferenz vortragen, die FACTORY gemeinsam mit dem Technikum Wien organisiert. Worauf dürfen sich die BesucherInnen freuen?

Ich denke, wenn man so spezifische Beispiele aus anderen Industrien kennenlernt, kann das extrem spannend sein. Ich habe in der Automatisierung die Spritzgießbrille auf, weiß aber schon von KUKA, dass es da noch viel mehr gibt. Und genau dieser Perspektivenwechsel macht das Event so spannend. Man kann viel mehr von anderen Industrien lernen, als man glaubt.

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Am 27. September 2022 wird Lidauer auf der INDUSTRIErobotik-Konferenz bei CNH Industrial in St. Valentin sprechen. Thema ihres Vortrages ist: „Innovative Automatisierungslösungen rund um´s Spritzgießen“.