50 Jahre KR Famulus : So entstand der erste Industrieroboter mit Elektromotor

KUKA

Richard Schwarz war damals Teil des Entwicklerteams des weltweit ersten Roboters mit Elektromotor, der in der Industrie eingesetzt wurde.

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Im Jahr 1920 bezeichnete der tschechische Schriftsteller Josef Čapek in einem Theaterstück künstlich geschaffene Arbeiter zur Übernahme menschlicher Tätigkeiten als "Roboter". Damit wurde der Begriff "Roboter" geprägt, der neben der Technologie auch das Verhältnis von Mensch und Maschine in den Fokus der Produktionsverantwortlichen stellte.

Das müssen sich auch die Konstrukteure von KUKA gedacht haben, als sie Anfang der siebziger Jahre einen Namen für den weltweit ersten Industrieroboter mit elektrischem Antrieb suchten. Das Ergebnis: KR Famulus. „Famulus" war im alten Rom die Bezeichnung für einen Diener oder Knecht. Für den Industrieroboter sollte der Name also Programm sein: als „Helfer“, der dem Menschen die Produktion von Gütern und die damit verbundenen industriellen Prozesse erleichtert.

Anfang der 1970er Jahre schien der Weg zu leistungsfähigen und flexiblen Industrierobotern noch weit. Sehr weit. Vor allem in der Automobilindustrie hatten hydraulisch angetriebene Roboter aus amerikanischer und japanischer Produktion bereits die damals noch überschaubare Automatisierung der Fertigungsstraßen erobert. Der Wunsch nach einer anderen, sauberen und flexiblen Lösung wurde jedoch durch immer wieder auftretende Pannen wie Öllecks und ein sehr eingeschränktes Bewegungsspektrum geweckt.

Hydraulische Roboter wurden vor der Entwicklung des weltweit ersten elektrisch betriebenen Industrieroboters in Fertigungsstraßen von KUKA eingesetzt.

Technologiewandel der Roboter-Geschichte

Eine Entwicklung weg vom eher unhandlichen und störanfälligen hydraulischen Roboter hin zum modernen 6-achsigen elektrisch angetriebenen Roboter KR Famulus. Und genau daran arbeiteten vor 50 Jahren ein knappes Dutzend Anlagenbauer bei KUKA in Augsburg. „Die Idee des KR Famulus und seine Umsetzung sind auch nach 50 Jahren noch richtig und aktuell: KUKA Roboter sind zuverlässige Helfer in der industriellen Produktion mit Steuerungen und Betriebssystemen, die mit Anwendern für Anwender entwickelt werden. Dieser besondere Mehrwert wird uns von unseren Kunden, aber auch im eigenen Produktionsalltag immer wieder bestätigt“, erklärt Edmund Bahr, Leiter Qualität und Produktion bei KUKA Deutschland. Bahr ist seit 34 Jahren im Unternehmen und hat die Geschichte der Robotik hautnah miterlebt und mitgestaltet.

Weltpremiere nach 3-jähriger Entwicklungszeit

Was es bedeutet, Leidenschaft für Robotik zu besitzen, kann Richard Schwarz aus eigener Erfahrung berichten. Der Elektromeister kam 1973 ins Unternehmen. Und war sofort von der Idee des elektrisch betriebenen Industrieroboters KR Famulus begeistert. „All das war damals komplettes Neuland“, erinnert sich der heute 71-jährige Robotik-Pionier. „Es gab für unser Robotik-Projekt keine Vorlage, wir mussten alles neu denken. Wir hatten kein Internet oder Google, allenfalls ein paar Fachzeitschriften und Kongressmitschriften. Das hieß zugleich aber auch: freie Bahn für unsere Bastlertruppe. Alles, was wir brauchten, haben wir einfach selbst hergestellt. Wir haben Leiterplatten getapt, geätzt, gebohrt und bestückt. Dass wir nicht noch den Transistor selbst gebaut hatten, war alles.“

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Etwas mulmig wurde es Richard Schwarz und seinen Mitstreitern, als der KR Famulus nach dreijähriger Entwicklungszeit seine Weltpremiere feierte. Er wurde erstmals als Schweißroboter in einer Fertigungsstraße eines deutschen Industrieunternehmens eingesetzt. „Die Werker wollten den KR Famulus nicht haben“, erinnert sich Schwarz. Sie meinten, dass der Roboter ihnen die Arbeit wegnähme. Anfangs seien immer wieder unerklärliche Störungen aufgetreten, kaum hatte das KUKA Montage-Team das Werk verlassen. „Aber irgendwann hatte sich das Blatt gewendet. Die Werker hatten nun andere, körperlich deutlich leichtere Aufgaben. Der KR Famulus war plötzlich ein sehr willkommener Helfer in der Produktion geworden“, berichtet Schwarz. „Heute muss ich schmunzeln, wie sich der Blick auf den Roboter und die damit verbundene Humanisierung der Arbeitsplätze ganz schnell um 180 Grad drehen konnte.“

1970: Das Entwicklerteam des KR FAMULUS - der erste Industrieroboter der Welt mit elektrisch angetriebenen Achsen.

Der große Durchbruch

Den großen Durchbruch konnte der KR Famulus aber auch nach seinem ersten öffentlichen Auftritt auf der Hannover Messe 1974 nicht erreichen. Vielmehr als eine Handvoll des innovativen Industrieroboters wurden nicht gebaut. Erst 1977 – fast 5 Jahre nach seiner Erstpräsentation - bestellte ein namhafter deutscher Automobilhersteller für eine neue Anlage 20 Roboter der nächsten Generation von KUKA. Ein Großauftrag, dem viele weitere folgen sollten. „Aus unserer Roboter-Manufaktur mit 10 bis 20 Leuten war dann sehr bald ein Unternehmens- und Fertigungsbereich mit über 100 Mitarbeitenden geworden“, sagt Richard Schwarz.

Schwarz erinnert sich noch heute gerne an den German Engineering Spirit, der vor 50 Jahren im Entwicklerteam gelebt wurde und heute noch in jedem KUKA Roboter steckt. „Wir waren absolut davon überzeugt, mit dem KR Famulus etwas völlig Neues für die industrielle Fertigung zu schaffen. Auch wenn wir ziemlich hemdsärmelig gearbeitet haben, über allem stand echtes Teamwork, ohne große Hierarchien, immer in erster Linie an praktikablen Lösungen interessiert“, erinnert sich Schwarz. Er selbst habe es deshalb nie wirklich als Arbeit empfunden, sondern eher als Privileg.