Elisabeth Biedermann : Würden Sie sich einen Chip einpflanzen lassen?

Elisabeth Biedermann
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Grausig, gruselig, kommt mir nicht unter die Haut. Die Reaktionen auf meinen Beitrag über die Chip-Implantate bei Sandvik Coromant waren freilich absehbar. Aber für mich leisten die Schweden Pionierarbeit. Chip-Implantate sind die Zukunft. Streng genommen keine Zukunft, sondern bereits Gegenwart. Immer mehr Manager lassen sich ein elektronisches Bauteil injizieren, um damit Türen zu öffnen, Autos zu starten, Kontaktdaten zu übermitteln. Sie werden damit zum "kybernetischen Wesen", kurz Cyborgs. Gruselig? Ach was, praktisch. Schon mal früh morgens vor allen anderen im Büro gewesen und die Chipkarte für die Tür ohne Schlüsselloch vergessen? Ich schon.

Die ID unter der Haut

Schweden war heuer das Partnerland der Hannover Messe. Die Messe will Visionen für die industrielle Zukunft liefern. Ein netter Zufall, dass ausgerechnet die Skandinavier die Ersten sind, die auf diesen kybernetischen Zug aufspringen. Den Claes Nord von Sandvik Coromant ist nur einer von über 5.000 Menschen, die sich schon Chips unter die Haut jagen ließen. Sie bezahlen damit ihre Fitnessclub-Gebühr, kaufen Konzert-Karten oder holen sich ihre Zugtickets. Einen Reisepass im Ausland zu verlieren, sich daraufhin einem bürokratischen Wahnsinn stellen zu müssen, wäre Schnee von gestern, wenn die ID unter der Haut sitzt. An dieser Stelle kommt jetzt gerne der Aufschrei: Ob ich denn wahnsinnig sei, denn damit wäre ich immer und überall erfassbar. Gegenfrage: Apple Watch, Fitnesstracker-Armband, Smartphone - sind wir das nicht schon längst?

Skandinaviens Umgang mit Transparenz

Während bei uns ein Datenschutz-Aufschrei den nächsten jagen würde, geht man in Skandinavien mit dieser Transparenz viel gelassener um. Aber klar, ein Land, wo selbst das Einkommen des Nachbarn kein Geheimnis ist, hat freilich einen anderen Zugang als wir. Übrigens: Meiner Meinung nach eine weitere Pionierleistung. Lohn- und Gehaltstransparenz ist ein Thema, dass in Österreich längst überfällig ist. Dann würde sich der "Gender-Gap" schnell erledigt haben, wenn sich plötzlich Arbeitgeber für unfaire Gehälter bei gleicher Leistung rechtfertigen müssten. "Über Gehalt spricht man nicht" ist dämlich und spielt nur einem in die Hände: Einem Arbeitgeber, der genau weiß, dass er unfair bezahlt.

Erweiterung des menschlichen Körpers

Claes Nord ist also einer von fünf Angestellten bei Sandvik Coromant, die sich vor einem Jahr einen Reiskorn-großen NFC-Chip in die Hand implantieren ließen, um damit unter anderem Maschinendaten abrufen zu können. Ein Pilotprojekt, das Ende des Jahres auf die ganze Belegschaft ausgerollt werden soll, heißt es. Dabei ist das nur der Anfang: Mit seinem Neuralink-Programm macht Elon Musk deutlich, wie weit diese Technologie gehen kann. Das kurzfristige Ziel von Neuralink ist es, schwere Erkrankungen des Gehirns sowie des zentralen Nervensystems (z.B. Parkinson) besser behandeln zu können. Langfristig soll es zur technischen Erweiterung des menschlichen Körpers führen. Wir verschmelzen also mit Maschinen. Klingt nach Science Fiction? Ja, aber Beinprothesen mit Gedanken steuern, ist bereits heute in Pilotprojekten möglich. "Menschen mit Behinderung werden die Pioniere sein", sagte schon Musk. Denken Sie nur an Diabetes-Patienten, die nie wieder spritzen müssen, da ein implantierter Chip automatisch für die richtige Insulinmenge sorgt. Auch das gibt es schon im Pilot-Stadium. (Hier ein spannendes und äußerst lesenswertes Interview zum Neuralink-Programm von Tim Urban) Der Mensch ist anpassungsfähig und kann sich an alles gewöhnen. Und ich bin mir sicher, dass auch Chip-Implantate dazu gehören werden.

Das Pferd, das Auto, das Implantat

“Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung.” Ein Zitat von Kaiser Wilhelm II., König von Preußen. Ein Zitat und eine absolute Fehleinschätzung. Ist das so anders als Chip-Implantate? Ja, die Kehrseite lässt sich leider nicht ignorieren und die Wahrscheinlichkeit, dass große Mächte diese Technologie für sich nutzen könnten, leider auch. Aber abgesehen davon, habe ich zum Schluss eine einfache Frage: Wann sind Sie das letzte Mal ohne Handy aus dem Haus gegangen? Lange her, stimmts? Sind wir durch die ständige Nutzung von Telefon und Computer nicht schon heute sowas wie Cyborgs? (eb)