Interview

Was braucht es für die Digitalisierung der Produktion?

Jedes zweite Unternehmen in Österreich bewertet die Digitale Transformation wenig weit fortgeschritten, so die Ergebnisse einer Umfrage. Klar ist, es liegt in der Verantwortung der Unternehmen hier entsprechende Schritte zu setzen. Doch auch Anbieter haben einiges nachzuholen, um Kunden bei der Digitalisierung zu unterstützen.

DSAG SAP Digitalisierung

Die Corona-Krise hat die Defizite vieler Unternehmen bei der Digitalisierung deutlich aufgezeigt. Zu diesem Ergebnis kommt die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) im Investitionsreport 2020. Mehr als die Hälfte der befragten Österreicher bewerten ihr Unternehmen als „nicht sehr weit“, wenn es um die Digitale Transformation geht. Trotz hohem Digitalisierungsgrad zeigt sich beispielsweise bei Zahlungsverfolgung, Lieferströmen oder der Anpassung der Produktion, wie unflexibel manche Unternehmen sind. Aus Sicht der DSAG liegen die Gründe darin, dass viele Unternehmen lediglich auf Prozessebene optimieren, die Geschäftsmodelle jedoch gleichbleiben. FACTORY hat bei Walter Schinnerer, DSAG-Ländervorstand Österreich, und Florian Gstir, Sprecher der österreichischen Arbeitsgruppe Fertigung bei der DSAG, nachgefragt.

FACTORY: Herr Schinnerer, aus Ihrer Sicht wird in der aktuellen Situation deutlich, welche Auswirkung es hat, wenn Unternehmen nicht in der Lage sind, sich kurzfristig anzupassen und angemessen zu reagieren. Wie zeigt sich das?

Walter Schinnerer: Ich bemerke es in meinem eigenen Arbeitsumfeld; hauptberuflich leite ich das SAP-Kompetenzzentrum der österreichischen Sozialversicherung. Die Corona-Krise hat bei uns einen Digitalisierungsschwung ausgelöst, selbst bei Mitarbeitern und in Fachbereichen, bei denen ich es zuvor nicht gedacht hätte. Hinsichtlich Digitalisierung bewegt sich der Markt durch COVID-19 sehr stark.

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FACTORY: Abseits von Corona, welche Herausforderungen stellen sich mit der Digitalisierung mit SAP?

Schinnerer: Die meisten Firmen betreiben das SAP-System nach dem Motto: "Never Change a Running System". Die Digitalisierung erfordert von Fachbereichen jedoch ein Umdenken und Neudenken von Geschäftsprozessen. Jene Firmen, die jetzt nicht digitalisieren oder ihre Geschäftsprozesse anpassen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in ein paar Jahren nicht mehr präsent sein.

NL, Aufsteiger © Fotolia/FACTORY

FACTORY: Herr Gstir, Sie sind Sprecher der österreichischen Arbeitsgruppe Fertigung bei der DSAG, wie sehen Sie das Thema Digitalisierung in der produzierenden Industrie?

Florian Gstir: Die Fertigungsindustrie hat meist eine sehr umfangreiche Verwendung von SAP. Es hängen Produktionsplanung und Produktionsausführende-Module daran, Arbeiter und viele reale Prozesse werden unterstützt. Das macht jeglichen Wandel schwerer.

FACTORY: Denken Unternehmen noch ernsthaft darüber nach, das IT-System grundlegend neu anzulegen – sprich, einen Greenfield-Ansatz zu verfolgen?

Gstir: Im SAP-Kontext beschäftigt Unternehmen sehr wohl die Frage, ob die Vorteile von S/4HANA so groß sind, dass sich ein Greenfield-Ansatz lohnt. Vor 1-2 Jahren gab es noch einige Leuchtturmprojekte die einen Greenfield-Ansatz umgesetzt haben. Für die IT war es jedoch schwierig dem Fachbereich einen Mehrwert zu bieten, der einen Greenfield-Ansatz tatsächlich vertretbar machte. Es wurde vermehrt der Brownfield-Ansatz verfolgt und auf Bestehendem aufgebaut. Damit gibt es keinen großen Wandel; zum Nachteil der digitalen Transformation.

FACTORY: Was raten Sie Unternehmen, die mit dem Gedanken spielen einen Greenfield-Ansatz zu verfolgen?

Gstir: Es gehört genau evaluiert, ob es sich lohnt, sich von den alten Eisen (IT-Prozessen), die 20-30 Jahre aufgebaut wurden, zu trennen. Ein Greenfield-Ansatz beschäftigt die ganze Organisation, da Prozesse neugestaltet werden.

Schinnerer: Es kommt auch immer darauf an, wie komplex der Einsatz von SAP im Unternehmen ist. Greenfield ist eine Zeit- und Kostenfrage. Damit geht vollkommene Reorganisation einher. Je komplexer die IT-Landschaft, desto eher wird es ein Brownfield-Ansatz.

FACTORY: Zum Produktportfolio von SAP: Deckte SAP mit seinen Lösungen in den letzten Jahren die Bedürfnisse der Fertigungsindustrie für die digitale Transformation ab?

Schinnerer: SAP hat sich bei der Entwicklung der Cloud-Lösungen zu sehr in ihren Entwicklungslabs mit sich selbst beschäftigt und die Zusammenarbeit mit den Kunden vergessen. Bei der Entwicklung der klassischen (On-Premise-)SAP-Produkte wehte noch ein anderer Wind. Ich erwarte jedoch, eine Rückbesinnung seitens SAP. Um das zu erreichen, unterstützen wir als DSAG den Software-Hersteller sehr gerne und bringen entsprechendes Kunden-Know-how ein – sei es in Form geeigneter Influencing-Maßnahmen oder, indem wir Beta- oder Pilotkunden bereitstellen.

Gstir: SAP hat in den letzten Jahren viel Energie in Cloud-Lösungen gesteckt. Das ist nicht das, was am Markt gefragt war. Der Vorteil wurde von den Anwendern nicht gesehen. In der Cloud von SAP lassen sich nur begrenzt kundenspezifische Ergänzungen vornehmen. Neben konservativen Sicherheitsrichtlinien sind es vor allem Bedenken hinsichtlich der Release-Zyklen: Produktionsprozesse sind komplex, hier kann sich ein fremdbestimmter Release-Plan negativ auswirken.  

FACTORY: Mit vierteljährlichen Release-Zyklen – zum Beispiel bei S/4Hana – werden Kunden mit unfertigen Lösungen konfrontiert deren Verbesserung Jahre dauern wird. 

Gstir: Bei so kurzen Release-Zyklen kann man nicht mit großen Würfen seitens SAP rechnen. Es braucht Jahre bis Funktionen reifen. Das macht es aber gerade für SAP-Kunden schwer, den Reifegrad zu erkennen. Hier kann dann schon auch mal Frust aufkommen.
Ein Beispiel ist REO aus der SAP Manufacturing Cloud, zum Planen von Maschinen- und Personalressourcen. Diese Lösung ist vielversprechend und schließt auch Lücken im SAP-Lösungsportfolio. Doch hier zeigt sich, dass Produktreife nicht von heute auf morgen passiert. Erfahrungen mit halbfertigen Lösungen sprechen sich aber herum und resultieren in Desinteresse.

FACTORY: Ein schlechtes Zeugnis, wenn sich keiner für REO interessiert. Was spricht dann überhaupt für Lösungen von SAP?

Gstir: SAP kann dank guter Technologien weite operative Teile der Fertigungsindustrie abdecken. Auch das Ökosystem zu Hardwarelieferanten ist um einiges besser als vor einigen Jahren. Nehmen wir das Beispiel Handheld-Scanner: Vor 10 Jahren gab es noch kein Industrie-Handheld, dass mit modernen SAP-HTML5-Oberflächen kompatibel war. Mittlerweile sind alle großen Handheld-Lieferanten fähig, Apps von SAP zu verarbeiten. Die viel bessere Konnektivität ermöglicht zentrale, integrierte Prozesse. Ein soeben gelesener RFID-Chip, der eine bewegtes Teil identifiziert, wird sofort an verschiedene Informationsabnehmer im Netz weitergegeben. Mit 5G-Netzen können dann noch mehr dieser Informationen ausgetauscht und für die Steuerung eingesetzt werden. Mittlerweile hat SAP aber neben den Business-Prozess-Lösungen auch sehr interessante Services für Machine Learning oder Artificial Intelligence im Werkzeugkasten. Es spricht viel dafür, individuelle Lösungen aus SAP-Funktionen zu orchestrieren.

Schinnerer: Die SAP-Software war ja viele Jahre verrufen für die schlechte Usability. Mit Fiori lassen sich Oberflächen aber jetzt auch Endgeräte-unabhängig gestalten.

Gstir: Ein Fertigungsunternehmen, das Mitglied unserer Arbeitsgruppe ist, nutzt z. B. die Web Fiori-Applikationen öffentlich, das hätte man sich früher nicht getraut. Das Unternehmen hat eine Art Webshop auf SAP USI. Darin ist erkennbar welche Stahltafeln verfügbar sind, und der Kunde kann ein Angebot anfordern. Ein Beispiel dafür, dass die Applikationen ansehnlich geworden sind.

Danke für das Gespräch!

Zu den Personen

Schinnerer, DSAG © DSAG

Walter Schinnerer ist Fachvorstand der Österreichischen DSAG (Deutschsprachigen SAP Anwendergruppe). Seit 32 Jahren in div. Leitungspositionen in der Sozialversicherung beschäftigt und seit 25 Jahren im SAP-Umfeld.

Gstir, DSAG © DSAG

Florian Gstir ist Geschäftsführer und Gründer von Concircle Österreich und Sprecher der österreichischen Arbeitsgruppe Fertigung bei der DSAG. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit SAP-Lösungen in der Produktion, Logistik und Planung.

Über DSAG

Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) ist ein Anwenderverband mit mehr als 60.000 Mitgliedern aus über 3.500 Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die DSAG betreut in Österreich über 250 Mitgliedsfirmen und mehr als 3.300 Mitgliedspersonen. Die Arbeitsgruppe Fertigung dient dem Erfahrungs- und Informationstausch der Anwender von SAP-Lösungen im Wertschöpfungsnetzwerk von produzierenden Unternehmen.

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