Robert Kremnitzer unterstützt für ecoplus International GmbH Unternehmen aus Niederösterreich (u.a. aus der Mechatronik) dabei internationale Geschäfte zu entwickeln und unterrichtet an der FH Wr. Neustadt. Die Digitalisierung sieht er als Megatrend und Nährboden für neue Technologien, die vielen Unternehmen internationale Markteintrittsmöglichkeiten eröffnen.

Meinung

Warum Industrie 4.0 seine Versprechen nicht hielt

Versprochen wurde uns Schwarmintelligenz, kommunizierende Bauteile, individualisierte Massenfertigung. Bekommen haben wir bestenfalls eine Automatisierung 2.0. Die digitale Vision hapert gewaltig und das nicht nur in der Produktion.

Industrie 4.0 Blog Digitalisierung Produktion

Was wir bislang unter Industrie 4.0 bekommen haben ist bestenfalls Automatisierung 2.0. und statt einer Digitalisierung der Produktionswelt forschen wir in Richtung Flexibilisierung der Auftragsproduktion in Richtung Losgröße 1.

Als vor wenigen Jahren die Idee der digitalisierten Produktion auftauchte wurden uns selbststeuernde Einheiten versprochen, Bauteile, die mit den Maschinen direkt kommunizieren und eigenständige Entscheidungen treffen um den eigenen Herstellungsprozess zu optimieren. Es wurde von einer Welt ohne zentraler Produktionssteuerung geträumt -  ja, das wäre tatsächlich disruptiv gewesen.

Bekommen haben wir Automatisierung 2.0

Was wir bislang unter Industrie 4.0 bekommen haben ist bestenfalls Automatisierung 2.0. und statt einer Digitalisierung der Produktionswelt forschen wir in Richtung Flexibilisierung der Auftragsproduktion in Richtung Losgröße 1. Die Pilotfabrik Aspern entwickelt Software und Hardware um die Herstellungsprozesse zu flexibilisieren. Gut – aber rechtfertigt das den Hype um die Industrie 4.0 bis hin zur Wirtschaft 4.0.

Es ist ein bisschen wie Lego. Die Bausteine werden mehr und individueller, der Zusammenbau wird schneller und flexibler – aber am Ende braucht es immer noch zwei Hände und ein Gehirn dahinter um einen Lego Turm zu bauen. Weit entfernt von selbst kommunizierenden und agierenden Bausteinen, die sich wie aus Geisterhand zu einem Turm formen.

White Paper zum Thema

Führungsrolle nur mehr Coaching

IoT macht es ja gerade vor. Wir digitalisieren die Welt aber nicht die Produktion. Wenn jeder Kaffeelöffel direkt mit der ganzen Welt kommunizieren kann, warum dann nicht auch das Werkstück mit der nächsten Maschine? Technisch sind wir bereit. Smarte Sensoren haben Rechner an Bord und könnten direkt am Werkstück Entscheidungen fällen. Die zunehmende Lernfähigkeit von Software würde es möglich machen die Zügel auch in der Produktion aus der Hand zu geben. Sind es wirklich nur die Kosten, die derzeit diesen Weg blockieren oder stellt sich nicht auch die Frage wieso sich ein Produktionsleiter mit einer solchen Technologie der eigenen Macht der Steuerung berauben sollte. Degradiert auf den Zuschauersitz würde die Leitung zur Überwachung werden, der Handlungsspielraum eingeengt, die Führungsrolle in ein Coaching übergehen.

Angst vor Machtverlust

Vertrauen wir der Schwarmintelligenz? Es war eines der Steckenpferde von Forschung und Beratung zu Beginn des Millenniums. Wie funktionieren Ameisenvölker und was lernen wir daraus für Organisationen? Außerhalb der Forschung blieb davon leider nicht viel übrig. Warum ist es für uns so schwer Organisation ohne Hierarchien zu denken? Wie viel ist hier kulturelle Restriktion und wie viel einfach Angst vor Machtverlust?

Klar, die Lernkurve kostet Geld, ist ein Umstieg verständlicherweise nicht leicht. Doch mit der aktuellen Automatisierung 2.0 setzen wir unsere Ressourcen falsch ein, wenn das Ziel digitalisierte Produktion heißen soll. Wohin auch immer die (Produktions-)Welt sich entwickeln wird – ich frage mich, wie die nächsten Schlagworte heißen und ob spätestens bei Industrie 6.0. vielleicht irgendwer die Diskrepanz zwischen der eigentlichen Idee der digitalisierten Produktion und dem eingeschlagenen Weg der verbesserten Automatisierung erkennen wird.