Ausbildung

Vom Rohdiamanten zur Fachkraft

Die Verschiebung vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt hat die Ausbildung erreicht. Digitalisierung, Akademisierung und veränderte Wertesysteme in der jungen Generation setzen Unternehmen zusehens unter Druck.

Von
Aus- und Weiterbildung Arbeitswelt 4.0

Konnten sich die Betriebe bis vor einigen Jahren ihre Auszubildenden noch aussuchen, müssen Arbeitgeber sich heute aktiv um Nachwuchs bemühen. Viele Unternehmen sind damit überfordert und finden nicht die passenden Auszubildenden. Die Ausbildungsexpertin und Diplom-Pädagogin Claudia Schmitz unterstützt Betriebe bei Fragen zur Ausbildung und gibt in ihrem neuen Buch Hilfestellung für Verbesserung aller Bereiche der Ausbildung. Womit Unternehmen in einem Arbeitnehmermarkt konfrontiert sind und was sie tun können, darüber sprach FACTORY mit Claudia Schmitz, Buchautorin und Ausbildungsexpertin.

FACTORY: Frau Schmitz, wie kamen Sie zum Thema Ausbildung?

Claudia Schmitz: Ich würde sagen, die Berufsausbildung hat mich gefunden. Kurz nach dem Studium habe ich mich als Kommunikationstrainerin selbstständig gemacht. Mit 26 Jahren sah ich sehr jung aus und so kam es, dass ich häufig für die junge Zielgruppe eingekauft wurde. Ich habe mir dann gedacht, warum nicht eine Nische besetzen. Heute mache ich mit meinem Team Seminare für Auszubildende und Beratungen und Workshops für Ausbildungsverantwortliche.

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FACTORY: Welche Probleme bei der Ausbildung der Fachkräfte von Morgen beobachten Sie bei Unternehmen?

Schmitz: Die meisten Unternehmen, egal welcher Größe, finden keine passenden Auszubildenden. Jeder Auszubildende bekommt derzeit mindestens eine Zusage, wenn nicht sogar fünf. Im Industriebereich betrifft das Ausbildungsgruppen für die man keine Fachkräfte mehr am Markt findet. Ausbildung ist also der Schlüssel für diese Unternehmen um auf lange Sicht überlebensfähig zu bleiben. Das tut den Unternehmen dann halt weh, wenn sie nicht mehr den idealtypischen, technikaffinen Azubi mit super guten Noten. und Interesse am Unternehmen kriegen. Die Unternehmen finden stattdessen am Arbeitsmarkt junge Leute – vielleicht Lernschwach oder aus prekären Verhältnisse - die eine Chance brauche.

FACTORY: Welche Aufgaben kommen damit auf die Unternehmen zu?

Schmitz: Ausbildungsbetriebe sind sehr verwöhnt, weil Ausbildung vor 10 Jahren noch einen ganz anderen Stellenwert hatte. Als auszubildendes Unternehmen muss ich aktuell intensiver bei der Prüfungsvorbereitung unterstützten. Da gibt es jetzt auch schon ganz gute digitale Plattformen die individuell unterstützten. Gerade die Lernschwachen brauchen oftmals auch in anderen Bereichen Unterstützung. Der Ausbilder muss vielleicht sozialpädagogisch stärker unterwegs sein, Konflikte in der Gruppe klären oder vielleicht auch mal den „Schuldenberater“ spielen. Er muss vielleicht auch einmal dabei unterstützen, dass der- oder diejenige von zu Hause ausziehen kann, wenn es zu Hause schwierig ist.

FACTORY: Sind solche Fälle die Regel?

Schmitz: Mittlerweile ist es der Klassiker. Da gibt es ein breites Spektrum an Ereignissen, von Drogenmissbrauch bis hin zur Geschlechtsumwandlung. Ob das vor 20 bis 30 Jahren so das Thema war? Ich weiß es nicht. Und wenn, dann ist es unter den Stuhl gefallen.

FACTORY: Was zeichnet den Arbeitnehmermarkt im Gegensatz zum Arbeitgebermarkt aus?

Schmitz: Wenn ich Unternehmen frage: „Warum bildet ihr 20 Elektroniker aus?“ Dann kommt schon mal die Antwort: „Weil wir das schon immer so machen.“ Das ist gefährlich. Denn Ausbildung sollte nicht so laufen, weil man es immer schon so gemacht hat. Mit einem Planungshorizont von 5 Jahren sollte die Anzahl der Auszubildenden und die Inhalte immer überprüft und an die aktuelle Situation des Unternehmens sowie Fluktuation angepasst werden. Aktuell – zu Corona Zeiten - sind bis zu 20% der Ausbildungsstellen zurückgegangen, das bedeutet nicht, dass jeder einen Ausbildungsplatz bekommt. In einigen Bereichen wie z.B. Gastro und Veranstaltungen war es nachvollziehbar schwierig. Generell können sich die guten Schüler dennoch immer noch die Ausbildungsplätze aussuchen und haben daher einen Forderungskatalog, der Unternehmen in Konkurrenz zueinander auf die Probe stellt.

FACTORY: Was für eine Sichtweise hat die Generation Z auf die Arbeitswelt?

Schmitz: Die Generation Z ist der Mittelfinger der Gesellschaft. Die Art und Weise wie wir mittlerweile Arbeiten, das 40 bis 50 Stunden normal sind, das wir Überstunden machen, es festgelegte Arbeitszeiten gibt und Arbeit nach gewissen Regeln abläuft, da sagt die Generation Z: „Ganz ehrlich, das ist mir zu stressig.“ Diese Generation räumt sehr bestimmt mit der Arbeitswelt auf. Das kommt dann manchmal undankbar rüber und stellen die Ist-Situation stark in Frage.

FACTORY: Wie steht diese Generation dann beispielsweise zu Schichtbetrieb?

Schmitz: Laut einer Studie (Azubi Recruiting Trends 2019) lehnen 70,4 Prozent der Auszubildenden in Deutschland Schichtbetrieb kategorisch ab. Sie wollen früh beginnen und früh aufhören um sich dann ihren Hobbys zu widmen. Arbeit ist nicht mehr das wichtigste und nicht etwas wonach sich das ganze Leben ausrichtet. Der Job muss zwar Spaß machen, aber nicht die totale Erfüllung sein. Das muss Unternehmen klar werden.

FACTORY: Woher kommt diese Einstellung der Generation Z?

Schmitz: Das Wertesystem einer Generation wird maßgeblich von der Erziehung und den Erfahrungen in der Jugendphase geprägt. Sie erleben ihre Eltern in dieser Zeit als sehr gestresst durch die Arbeit bis hin zum Burnout. Das führt dann zu einer Gegenbewegung mit dem Wunsch nach viel Freiheit.

FACTORY: In Ihrem Buch versuchen Sie das Thema Digitalisierung mit dem Thema Berufsausbildung zusammenzubringen. Wie kann man mit Hilfe der Digitalisierung Auszubildende begeistern und unterstützen?

Schmitz: Digitale Tools ermöglichen neue methodische Ansätze wie Learning on Demand und mit Gamification lassen sich spieltypische Elemente auf das Lernen übertragen. Spiele bieten eine andere Form des Lernens und können Begeisterung für ein Thema wecken. Durch das Abfragen eines QR-Codes an einer Maschine, kann beispielsweise die Bedingung einer Maschine erklärt oder Hintergrundinformationen abgerufen werden. Es geht darum das der Lerner nicht merkt, dass er lernt. Meiner Erfahrung nach sind gerade Personen die eine gewerblich-technische Ausbildung machen, wettkampforientierter und messen sich gerne. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten, etwa über ein Quiz. Da ist eine ganz andere Stimmung im Raum, als wenn die Auszubildenden abgefragt werden. Für Einführungsveranstaltungen eigenen sich Azubis-Challenges, eine Schnitzeljagd durch Unternehmen.

FACTORY: Worüber stolpern Unternehmen bei der Ausbildung?

Schmitz: Nicht nur künftig, sondern auch jetzt schon stolpern Unternehmen darüber, dass sie noch immer die Auszubildenden suchen, die sie vor 5 oder auch 10 Jahren rekrutiert haben. Unternehmen müssen über kurz oder lang ihr Profil von Auszubildenden schärfen. Es wird immer häufiger notwendig sein aus einem Rohdiamanten einen Edelstein zu schleifen. Dazu müssen Ausbildungsbetriebe weg von mechanischen Ausbildungsprogrammen, hin zu einer individuelleren Ausbildung.

Danke für das Gespräch!

Lesetipp:

Erfolgreich ausbilden im digitalen Zeitalter von Claudia Schmitz
Das Buch von Schmitz stellt Tipps für die Optimierung der Berufsausbildung zur Verfügung. Mithilfe zahlreicher Leitfragen und Checklisten können konkrete Handlungsmaßnahmen für den Ausbildungsalltag im Betrieb abgeleitet werden. Darüber hinaus klärt die Autorin darüber auf, wie neue Medien gezielt zur Verbesserung aller Bereiche der Ausbildung eingesetzt werden können, ohne bewährte Methoden über Bord zu werfen oder Ausbilder und Auszubildende zu überfordern.

240 Seiten, Gebunden

ISBN 978-3-96739-005-6

€ 29,90 (D) | € 30,80 (A)

GABAL Verlag, Offenbach 2020