Die Faszination für Produktion begleitet Prof. Dr. Syska sein gesamtes Berufsleben. Nach Maschinenbaustudium und Promotion an der RWTH Aachen war er bei der Robert Bosch GmbH tätig, zuletzt als Produktionsleiter. Gegenwärtig ist er Professor für Produktionsmanagement an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und gibt seinen Studenten und Industriepartnern ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiter.

Andreas Syska

Push, statt Pull: Die Problemsuch-Debatte der Digitalfanatiker

Wir müssen mit Kulturen brechen und andere Wege gehen, müssen flexibler und schneller werden. Mitarbeiter müssen motiviert werden, über den Tellerrand zu blicken. Dies sind Aussagen jüngeren Datums, getätigt von selbsternannten Treibern der Digitalisierung. Warum smarte Technologie ein Problem sucht, welches oft gar nicht da ist.

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Der Mensch sollte in der Digitalisierung nicht bloß Mittel zum Zweck sein, immerhin ist er es, der Digitalisierung "macht".

Derzeit kommt die Digitalisierung wie ein unabwendbares Naturereignis daher, eine Flutwelle, vor der man sich zu schützen hat. Dabei sind es Menschen, die Digitalisierung „machen“. Sie treffen Entscheidungen, etwas bislang Analoges zu digitalisieren. Sie müssten dies nicht tun, machen es aber, weil sie sich hiervon einen Vorteil versprechen, wie etwa erhöhte Produktivität oder verbesserte Flexibilität. Vielleicht lockt auch ein neues lukratives Geschäftsmodell. Das ist absolut legitim. Deshalb entsteht die Flutwelle der Digitalisierung nicht einfach so, sondern dadurch, dass jemand in voller Absicht Schleusen öffnet - um anschließend laut zu rufen, man müsse nun schwimmen lernen, und das möglichst schnell. Und so werden alle zum digitalen Schwimmunterricht geschickt, damit sie in der - von anderen erzeugten Flutwelle - nicht untergehen. 

Der Mensch ist Mittel zum Zweck

Dies erzeugt bei den Menschen so einiges – Aufbruchsstimmung oder gar Freude auf die digitale Zukunft ist vermutlich nicht dabei. Währenddessen pflegen die Propagandisten der Digitalisierung die Legende von ihrer Unausweichlichkeit und garnieren dies mit dem Schüren von Angst, bei Verharren im Analogen zurückzufallen – hinter wem auch immer. Sie vermessen die Unternehmen mit „Digital Readiness Indizes“ und zögern nicht den Digitalisierungs-Buzzer zu drücken, wo immer sie analoge Rückständigkeit wahrnehmen. So erzeugen sie die Angst, etwas zu verpassen und haben die Beteiligten nachhaltig verunsichert. Gratulation, kann man nur sagen: ganze Arbeit geleistet. Das haben die Propagandisten gemerkt und spielen nun die Karte aus, die eigentlich immer sticht: „Der Mensch steht im Mittelpunkt“. Nein, tut er nicht. Er ist weiterhin Mittel zum Zweck und soll die digitalen Systeme bedienen. Dem Mitarbeiter wird gesagt, wie er arbeiten soll. Fragt man ihn eigentlich, wie er arbeiten will?

Der Mittelstand scheut nicht das digitale Risiko

Übrigens wird der Kunde auch nicht gefragt. Manch eine digitale Lösung zwingt ihn, selbsterzeugte Daten zu verschenken oder dient dazu, ihm Arbeit zuzuschustern. Der Self Check In, ganz bequem von zu Hause? Nein bequem ist, wenn es ein anderer macht. Der wird aber gerade wegdigitalisiert. Ausgerechnet derjenige, um den es geht – der produzierende Mittelstand – zögert. Schnell sind hierfür auch Erklärungen bei der Hand. Er sei halt risikoscheu, im Denken verkrustet und technologisch nicht auf der Höhe. Also, wenn jemand das alles nicht ist, dann doch wohl der Mittelstand. Und wenn dieser nicht reagiert, dann hat dies nichts mit seinen angeblichen Defiziten zu tun, sondern mit dem fehlenden Nutzen der digitalen Angebote.

White Paper zum Thema

Don’t push it – pull! 

Der Nutzen für die Anbieter des Digitalen ist klar. Aber, wann wird der Nutzen der Digitalisierung mal vom Ende hergedacht? Vom sogenannten Endkunden – also von Ihnen und von mir. Don`t push it – pull! Digitalisierung kann ein Segen für die Menschen sein. Damit aufzuhören, sie für dumm zu verkaufen und zu verstehen, was sie wirklich wollen, wäre ein erster, guter Schritt, diesen Segen auch wirklich zu erhalten. 

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