Digitalisierungsindikator 2017

Industrie 4.0: Welches Land hat die Nase vorn

Der große Ländervergleich: Wer hat die digitale Nase vorn und wer droht den Anschluss zu verlieren? Ein Blick in die aktuelle Studie „Innovationsindikator 2017“ von acatech und BDI zeigt eine unangenehme Wahrheit.

Von
Digitalisierung China BDI acatech

Direkter Ländervergleich: Der erstmals erhobene Digitalisierungsindikator zeigt eine unangenehme Wahrheit, denn Deutschland hat nicht unbedingt die Nase vorn. 

Ausgerechnet Deutschland, wo der Begriff Industrie 4.0 geboren wurde, hat im internationalen Vergleich, starken Aufholbedarf. Auf Basis des Digitalisierungsindikators der Studie „Innovationsindikator 2017“ von acatech und BDI liegt Deutschland nämlich auf Platz 17 (Österreich auf Platz 19) deutlich hinter den anderen Industrienationen. Dabei sticht ein sehr klarer Abstand zu einer Gruppe von elf Ländern ins Auge, die bei diesem Indikator eine signifikant höhere Bewertung erzielten. Dazu gehören vier skandinavische Länder (Norwegen, Finnland, Dänemark, Schweden) die USA, Großbritannien und Australien, die Niederlande, die Schweiz sowie Israel und Singapur.

Für eine solide Bewertung dieser Ergebnisse müssen jedoch die einzelnen europäischen, angel-sächsischen, asiatischen und gesondert chinesischen Digitalisierungsmodelle unterschieden werden. „Während insbesondere in Deutschland Prioritäten im Bereich der Verschmelzung von Informations-, Kommunikations- und Fertigungstechnologien innerhalb von intelligenten und sich selbst organisierenden Fabriken bestehen, wird Industrie 4.0 in den USA und zunehmend auch in China stark mit intelligenten Produkten, Internetplattformen und darauf aufbauenden neuen Geschäftsmodellen verknüpft“, erklärt Johannes Winter, Bereichsleiter Technologien bei acatech. Somit umfasst die Digitalisierung viele Wirtschaftsbereiche und kann je nach Ausrichtung einer Volkswirtschaft unterschiedliche Formen annehmen. Das heißt, Länder können in bestimmten Kategorien der Digitalisierung führend sein, in anderen absolut den Anschluss verlieren. Mehr dazu übrigens auf dem Internationalen Forum Mechatronik am 27. bis 28. September in Linz. 

Deutschlands Ideologie

In Deutschland, dem „Heimatland“ von Industrie 4.0, beschreibt der Begriff eine sehr plakative technologieorientierte Zukunftsvision.

White Paper zum Thema

Geht es um die Transformation traditioneller Geschäftsmodelle hin zu service-orientierten Plattformökonomien ist Deutschland klar Nachzügler. „Insbesondere in den Kernbranchen des Automobil- und Maschinenbaus, welche über integrierte Wertschöpfungsketten verfügen, die eigentlich die Basis für digitale Ökosysteme bilden könnten, gibt es zu wenig Bereitschaft, service-orientierte Plattformökonomien zu bilden“, sagt Winter. Als Hemmnisse führen Mittelständler meist Fragen der IT-Sicherheit, mangelndes eigenes Know-how, die Problematik von Schnittstellen und Standards sowie die technische Infrastruktur wie die Breitbandausstattung an. Hinzu kommt eine geringe Risikobereitschaft deutscher Unternehmer, die kontinuierliche, stabile Geschäftsmodelle bevorzugen. Die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und intelligenter Produkte ist klar von nachrangiger Bedeutung. Deutschland fokussiert sich auf wirtschaftliche Effizienz. Mit anderen Worten: Deutschland möchte seine traditionell starke Position in Produktion und Maschinenbau nachhaltig sichern. Winter rät: „Deutschland soll die internationale Standardisierung zur Schaffung einer gemeinsamen internationalen Infrastruktur als Katalysator für die weltweite Zusammenarbeit nutzen.“ Verzögern sich die Prozesse der Standardisierung, bestünde die Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten.

Chinas Aufholjagd

Die chinesische Regierung plant eine flächendeckende Modernisierung seiner Fertigungsindustrie. Das Thema Industrie 4.0 wird dabei als ein zentraler Impuls für die industrielle Aufholjagd gesehen.

Die chinesische Fertigungsindustrie ist aktuell sehr heterogen strukturiert. Dazu zählen einige weltweit operierende Großkonzerne wie zum Beispiel Huawei, Sany und Haier, die moderne und zum Teil hochautomatisierte Fabriken unterhalten. Zum anderen gibt es gleichzeitig eine Vielzahl an kleinen Unternehmen sowie Mittelständler, die bislang weder automatisiert noch digitalisiert arbeiten. Ein hoher Anteil befindet sich noch an der Schwelle zur IT-gesteuerten Produktion. Das Thema Industrie 4.0 wird nachhaltig vorangetrieben. Kooperationen mit Ländern wie Deutschland: Ausdrücklich erwünscht. „Dabei sollten die Partner den fragilen Rechtsrahmen stets im Auge behalten und bei Investitionsentscheidungen stets Ausstiegsoptionen einkalkulieren“, warnt Winter.

Japans Traditionsgeist

Die Fertigungsindustrie in der japanischen Wirtschaft hat eine lange Tradition. Schon aus diesem Grunde sind die Bestrebungen, Industrie 4.0 umzusetzen, weit fortgeschritten.

So ist die Digitalisierung für das produzierendes Gewerbe in Japan eine Chance und gleichsam eine große Herausforderung. „Das Besondere an der japanischen Entwicklung ist, dass ein modularer Technologiestack von aufeinander abgestimmten und entsprechend standardisierten Internettechnologien vor allem im Hinblick auf neue Geschäftsmodelle als bedeutsam angesehen werden“, sagt Winter. Was bestehende Geschäftsmodelle angehen, so werden diese in die Standardisierung nicht zwingend mit einbezogen. Eine teilweise unterschiedliche Sicht auf diese Aspekte forcieren die japanische Regierung als auch private Initiativen Standardisierungen im Bereich Industrie 4.0 voranzutreiben.

Digitialsierungsschere, Ländervergleich © Factory

Digitalisierung: Deutschland und Österreich liegen deutlich hinter anderen Industrienationen. 

Südkoreas Machthaber

Die südkoreanische Ökonomie wird von global operierenden Großkonzernen, den so genannten „Chaebols“, in den Branchen High-Tech und Maschinenbau bestimmt.

Dazu zählen Unternehmen wie zum Beispiel Samsung, Hyundai und LG. Von diesen Firmen sind wiederum zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen sehr stark abhängig. Das Thema Industrie 4.0 wird im produzierenden Gewerbe allgemein großgeschrieben. Ein Regierungsprojekt soll insbesondere die kleinen Betriebe und Mittelständler dabei unterstützen, durch Smart-Factory-Technologien die Produktionskapazitäten zu erhöhen. Bis 2020 sollen bis zu 10.000 moderne Fabriken entstehen. Dies ist dringend notwendig, denn die südkoreanische Wirtschaft gerät im Vergleich zu einer qualitativ aufholenden chinesischen Produktion zunehmend unter Druck. Neben den Steigerungen der Produktivität wird der ökonomische Nutzen von Industrie 4.0 auch bei neuen IT-Geschäftsmodellen wie zum Beispiel Smart-Cities gesehen. Hier nimmt Südkorea bereits eine weltweite Vorreiterrolle ein.

Amerikas Standards

Die US-Konsortien puschen auf Standardisierung und laufen damit europäischen Unternehmen den Rang ab.

Das Verständnis von Industrie 4.0 ist in den USA verglichen mit Deutschland wesentlich breiter angelegt. So wird neben einer technologiegetriebenen Perspektive auch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle wie zum Beispiel „Big Data Analytics“ miteinbezogen. Treiber von Industrie 4.0 sind in den USA privatwirtschaftliche Konsortien wie zum Beispiel das Industrial Internet Consortium (IIC), die verschiedene Initiativen koordinieren. Für andere Länder besteht das Risiko, dass die US-Konsortien relativ schnell „Quasistandards“ einführen.

Wer hat in der Bildung die Nase vorn?

1. Australien

2. Großbritannien

3. Südkorea

4. USA

5. Frankreich

Wer ist bei Infrastruktur führend?

1. USA

2. Südkorea

3. Großbritannien

4. Japan

5. Frankreich

Wer hat die forschungstechnische Spitzenposition?

1. Finnland

2. Südkorea

3. USA 

4. Japan

5. Frankreich

Was Vorreiter anders machen

  • Vorreiter zeigen Investitionsbereitschaft: Rund die Hälfte der digitalen Vorreiter verfügt über ein digitales Investitionsvolumen von mehr als 5 Prozent der Betriebskosten.
  • Vorreiter gewinnen digitale Talente: Rund der Hälfte der Vorreiter gelang es, den Anteil digitaler Jobs auf etwa ein Zehntel zu erhöhen.
  • Vorreiter leben aktiv eine digitale Unternehmenskultur: Firmen, die zu der Gruppe der Vorreiter gehören, geben vor, dass ihre digitale Organisation bereits sehr weit ausgebaut und fest im Unternehmen integriert ist.