Mario Buchinger ist Ökonomie-Physiker, Musiker und Autor. Der Lean- und Kaizen-Spezialist war zehn Jahre als Angestellter und Führungskraft bei Daimler und Bosch tätig, bevor er sich 2014 in Österreich das Unternehmen Buchinger|Kuduz gründete. Zu den Kunden zählen neben Industrieunternehmen u.a. auch Banken und öffentliche Behörden.

Gastkommentar

Fahrerlose Transportsysteme – der Prozess im Prozess

Automatisierter Transport von einem Wertschöpfungsort zu einem anderen, ganz ohne Personaleinsatz, intelligent und automatisiert – das klingt nach mehr Effizienz und weniger Kosten. Hier muss man genau hinschauen, sonst führt ein FTS zum Verlust von Effektivität im Gesamtprozess.

FTS Blog Logistik

Fahrerlose Transportsysteme (FTS) sind schon viele Jahre im Einsatz. Grundsätzlich ist gegen Automatisierung nichts einzuwenden, solange diese wirtschaftlich, technisch aber insbesondere auch ethisch sinnvoll ist. Reine Ratio-Projekte, bei denen Menschen durch Maschinen ersetzt werden, erweisen sich häufig als kontraproduktiv, denn man verliert wichtiges Wissen und die Fähigkeit, eine Organisation weiterzuentwickeln. Aber es lauern weitere Probleme, die vor der Einführung eines FTS berücksichtigt werden sollten.

Der Prozess im Prozess

Ohne ein FTS wird ein Produkt im Materialfluss an eine Person aus der Intralogistik übergeben, welche das Material zum nächsten Prozessschritt – das kann auch ein Lager sein – bringt. Jeder dieser Prozesse hat seine eigene Kapazitätsobergrenze, die auch von der OEE (Overall Equipment Effectiveness) abhängt.

Wenn man der Wertstromlogik folgt, muss man für den Transportprozess mittels FTS eine eigene Prozessbox verwenden, in der eine eigene Kapazitätsgrenze einschließlich OEE ausgewiesen wird. Die maximal mögliche Kapazität hängt auch von der Architektur des Systems ab. In dem Moment, wenn ein FTS auf den gleichen Flächen unterwegs ist wie andere Fahrzeuge und FußgängerInnen, nimmt die Kapazität entscheidend ab, da die Fahrgeschwindigkeit und Reaktionslogik aus Sicherheitsgründen angepasst werden.

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Die OEE und der Kundenbedarf

Die höchstmögliche Kapazität einer Prozesskette ergibt sich stets aus dem schwächsten Glied:

In verketteten Systemen resultiert die maximal mögliche OEE aus dem Produkt der einzelnen maximal möglichen OEEs.

Da die OEE von automatisierten Systemen kleiner ist als die manueller Vorgänge, wird damit die Gesamtverfügbarkeit und damit auch die maximal mögliche Kapazität des gesamten Wertstroms reduziert.

Das ist zunächst per Definition nicht kritisch, solange die resultierende Prozesskette in der Lage ist, die Kundenbedarfe zu decken. Sollte man aber in die Situation kommen, die Ausbringung steigern zu müssen, kann man schnell an Grenzen stoßen.

Effizienz versus Effektivität

Zulieferer, die ein FTS auslegen, tun dies nach Effizienzerwartungen. Ein Kunde kauft ein FTS, und diese Investition muss sich rechnen. Daher wird eine möglichst hohe Auslastung angestrebt. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar, jedoch muss man dagegenhalten, dass die beste Auslastung wertlos ist, wenn man dadurch größere Verluste im gesamten Wertstrom erzeugt. Das passiert beispielsweise, wenn der

  • Steuerungsalgorithmus die Route so berechnet, dass die Auslastung optimiert ist und der Weg daher jedes Mal anders verläuft. Das führt zu größeren Schwankungen in der Durchlaufzeit einer Prozesskette und zu mehr Unsicherheiten beim Liefertermin.
  • Ist die Ankunft des Transportsystems wechselnd, sind außerdem die Übergabebestände höher auszulegen. Das führt wiederum zu mehr Kapitalbindung.

Fazit

Ein FTS kann sinnvoll sein, wenn man es im Kontext des Gesamtwertstroms einsetzt. Einseitige Betrachtungen von Effizienz oder gar das Bestreben, Arbeitsplätze durch Automatisierung einzusparen, haben fatale Folgewirkungen und schaden damit der Prozesslandschaft nachhaltig.