Volker M. Banholzer ist Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht zu Innovations- und Technikkommunikation in Unternehmen, Journalismus, Politik und Gesellschaft sowie zu Leadership- und Innnovationskulturen.

Kommentar

Digitalisierung: Warum sich mächtige Verbände widersprechen

Bitkom verunsichert mit der Prognose vom Jobsterben durch Digitalisierung. 3,4 Millionen Arbeitsplätze in fünf Jahren, so der Branchenverband. VDMA, ZVEI und DIHK kontern und befeuern die Digitalisierung als den Job-Motor. Wer hat nun recht?

Sind sich beim Thema Arbeitsplatz uneinig: Für Bitkom ist die Digitalisierung ein Jobkiller, für den VDMA, ZVEI und DIHK hingegen ein Jobmotor. 

Job-Killer oder Job-Motor, das ist hier die nach Hamlet zu stellende Frage. Am Ende der letzten Januarwoche hat sich der sonst so digitalisierungseuphorische IT-Branchenverband Bitkom auf die Seite der Kassandra geschlagen. Anlass war eine Umfrage mit dem Ergebnis, dass in den kommenden fünf Jahren 3,4 Millionen Stellen wegfallen könnten, weil Roboter und Automatisierungstechnik die Arbeit übernehmen werden. Dieses Umfrageergebnis unterstreicht Bitkom-Präsident Achim Berg in der F.A.Z. mit dem Verweis, dass in den 90er Jahren die IKT-Industrie fast 90 Prozent der Arbeitsplätze abgebaut hätte. Und jetzt, so der Bitkom-Präsident, drohe ähnliches in Banken oder Versicherungen. Jetzt ist also der richtige Zeitpunkt für Panik, oder?

Die Zahlen: 3,4 Millionen in fünf Jahren

Man fühlt sich an die ersten Reaktionen erinnert, die die Studie von Frey/Osborne im Jahr 2013 ausgelöst hat. Seinerzeit hatten die MIT-Wissenschaftler mit Blick auf Digitalisierung, Robotik und Automatisierung das Verschwinden von 50 Millionen Jobs weltweit prognostiziert. Das war auch Impuls dafür, dass die Ing.-DiBa die Zahlen für Deutschland nachrechnete und hier das Verschwinden von 18 Millionen Jobs prognostizierte. Richtig ist, dass Automatisierung und Robotik auch in der Vergangenheit zu erheblichen Veränderungen in der Arbeitslandschaft geführt haben. Richtig ist auch, dass durch die Digitalisierung und - das darf man nicht vergessen - durch die Globalisierung des Wirtschaftsgeschehens der Wandel sich aktuell schneller vollzieht als in bisherigen Transformationsphasen. Richtig ist auch, dass Banken und Versicherungen vor einem radikalen Einschnitt und der Automatisierung von Routinetätigkeiten stehen. Ein Trend, der die Entwicklung von Schaltern zu Online-Banking, von Beratung zu Online-Masken und persönliche Aus- und Einzahlung zu Geldautomaten nur konsequent fortschreibt.

Das Problem ist, dass Prognosen immer die Zukunft betreffen. Und, dass diese meist auf Basis von Extrapolationen formuliert werden. Das suggeriert Sicherheit, räumt aber die immanente Unsicherheit von Eintrittswahrscheinlichkeiten, Pfadabweichungen und unvorhergesehenen Ereignissen nicht aus. Umfragen, wie die durch Bitkom zitierte, basieren oft auf der Einschätzung von Expertinnen und Experten aus - „betroffenen“ - Unternehmen. Im konkreten Fall sind 500 Unternehmen befragt worden, deren Antworten dann zu der zitierten Warnung verdichtet wurden. Richtig ist, dass Digitalisierung Arbeit, Arbeitsverhältnisse, Arbeitsprofile und Arbeitsfelder verändern, verdrängen oder transformieren werden. Die Fragen nach dem exakten Zeitraum, nach der exakten Zahl oder der exakten Art und Weise sind nicht mit Sicherheit zu beantworten. Das führt zum nächsten Punkt, der durch diese Studie ausgelöste Kontroverse.

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Die Debatte: Plötzlich Industrieverbände gegeneinander

Sein oder Nichtsein? Interessant an der Diskussion ist, dass mit Bikom erstmals ein Branchenverband, dessen Mitgliedsunternehmen eigentlich von Digitalisierung profitieren, vor drohenden Jobverlusten in einer signifikanten Höhe warnt. Irritiert reagierten dementsprechend der Maschinenbauverband VDMA und die Vertreter der Elektroindustrie von ZVEI. Ausgerechnet die Verbände, deren Kernbereiche, Innovationszyklen und Geschäftsmodelle durch Digitalisierung und Softwarelösungen erheblich verändert, wenn nicht revolutioniert werden. Der VDMA sieht in der Digitalisierung einen „Job-Motor für Deutschland“, so lässt sich der Präsident Carl Martin Welcker zitieren, in der Nettobilanz würden keine Jobverluste durch Digitalisierung zu verzeichnen sein. Digitalisierung generiere neue Jobprofile und durch den demographischen Wandel würden Fachkräfte eher Mangelware. Diejenigen Industrienationen mit höchster Roboterdichte seien diejenigen mit dem höchsten Wirtschaftswachstum. Der ZVEI lässt auf Twitter vernehmen, man schließe sich dieser Argumentation an. Viel weiter auseinander können die Positionen nicht liegen. Digitalisierung als Job-Killer oder als Job-Motor. Was ist richtig?

Vielleicht ist diese naheliegende Frage aber falsch gestellt. Einerseits hat Bitkom-Präsident Berg nicht den Maschinenbau oder die Elektroindustrie adressiert, sondern Banken und Versicherungen und die Pharmabranche. Bei allen Digitalisierungsprognosen ist Konsens, dass diejenigen Branchen, die einen hohen Routineanteil aufweisen oder die auf Basis von standardisierten Daten operieren als erste Automatisierungseffekte gewärtigen müssen. Andererseits zeigen die Reaktionen von DIHK, VDMA und ZVEI, dass Digitalisierung auch neue Jobs und vor allem auch neue Tätigkeitsprofile schaffen wird - so viel scheint sicher. Das geschieht aber sicherlich nicht synchron zu den Abbauprozessen und die Zeiträume für Weiter- und Umqualifizierung von betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer außerachtlassend. Also?

Die Lehren: Politik und Gesellschaft kommen um einen Gestaltungsdiskurs nicht herum

Der kurze Ausschnitt aus der Debatte zeigt, dass Transformationsprozesse erstens mit Verunsicherung einhergehen, zweitens Fragen aufwerfen auf die es nie nur eine oder nie die eine richtige Lösung geben kann, drittens der Gesellschaft und der sie vertretenden Politik die Aufgabe auf die Agenda schreiben, einen Diskurs um die möglichen Pfade und Vorgehensweisen zu führen. Was ist sicher? Sicher ist, dass die digitale Transformation sich nicht auf die Technologien beschränkt. Die Technologie hat Auswirkungen auf Geschäftsmodelle, Jobprofile, Rechts- und Finanzierungsmodelle und damit auf alle Bereich der Gesellschaft. Sicher ist, dass ob der Unwägbarkeit von Entwicklungen und Ereignissen keine ausschließlich richtigen Lösungen gefunden werden können. Und aus diesem Umstand folgt: die Gesellschaft muss die möglichen Pfade offen und gegebenenfalls lang diskutieren. Technikakzeptanz in der Gesellschaft - und dabei handelt es sich bei den Fragen um Industrie 4.0, Künstlicher Intelligenz und Algorithmen - braucht die transparente Diskussion. Diese Diskussion wird in demokratischen Systemen oft an die politischen repräsentativen Institutionen delegiert. Nur das wird aktuell von der Politik nicht angenommen oder es wird zumindest nicht deutlich.

Digitalisierung ist nicht nur Breitbandausbau

Die Debatte über die Transformation von Arbeit, Einkommen, Finanzierung, Recht, Branchen etc. durch Digitalisierung kann sich nicht in Plänen für den Breitbandausbau erschöpfen. Leider präsentiert sich Politik aktuell eher dem Status quo verpflichtet als an der Zukunft orientiert. Wahlkampf, Sondierungsgespräche - die ersten und die zweiten - und Koalitionsverhandlungen legen Zeugnis davon ab, dass eher legislaturperiodenkompatible Lösungen auf die Agenda kommen als diejenigen, die unbequem oder ob des Zeithorizonts unsicher sind. Insofern kann man die Äußerungen des Bitkom-Präsidenten Andreas Berg als Ruf an die Politik verstehen, sich über die Ausgestaltung von Digitalisierung im Diskurs auseinanderzusetzen. Dann passen Sie doch wieder mit den Anliegen und Äußerungen der anderen Industrieverbände zusammen. ZVEI-Hauptgeschäftsführer Klaus Mittelbach hatte geäußert, dass die Ausprägungen und Effekte von Digitalisierung kein Schicksal seien, sondern die gestaltet werden könnten. „Alle gesellschaftlichen Akteure müssen daran arbeiten“, so Mittelbach. Dem ist zuzustimmen. Es stehen den westlichen Industrienationen lange und mit Sicherheit auch unbequeme Diskussionen bevor. Und in diesen Diskussionen wird sich kaum mehr als eine Strategie und eine Vision wirklich fest verankern lassen. Technologisch angestoßene Transformationsprozesse müssen permanent mit Diskussionen und Debatten begleitet werden. Das ist dem volatilen Entwicklungsverlauf geschuldet, trägt aber auch der Forderung nach Transparenz in Entscheidungsprozessen Rechnung. Das ist allerdings eine Zumutung, an Politik wie Gesellschaft gleichermaßen: Wie schon Hamlet in seinem Sein-oder-Nichtsein-Monolog schließt. Man neigt eher dazu, lieber „die Übel, die wir haben ertragen, als zu unbekannten fliehn“. Nur: die Zukunft ist unbekannt - aber aus der Gegenwart diskutier- und gestaltbar. Also tun wir es.