Hannover Messe

Die Produktion von morgen: Production Level 4 und GAIA-X

Experten von Pilz und SmartFactory KL diskutieren auf der Hannover Messe über die Zukunft der Produktion.

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Für die Fertigung von morgen braucht es eine neue Art der Produktion.

Seit knapp zehn Jahren dreht sich alles um Industrie 4.0. Als der Begriff 2011 aufkam, war dieser noch abstrakt und die Produktion musste erst digitalisiert werden. „Es bestand die Gefahr, dass in Vergessenheit gerät, dass es um eine industrielle Revolution geht“, sagt Martin Ruskowski, Vorstandsvorsitzender der Technologie-Initiative SmartFactory KL. Digitalisieren und fertig? So einfach ist die Sache allerdings nicht. Die Industrie 4.0 forderte eine neue Art der Produktion. Und hier sind wir bei Production Level 4.

Das will Production Level 4

„Das Ziel von Production Level 4 ist eine neue Produktionsebene. Ganzheitlich ist die Ebene 4 das Optimum, wo das richtige Miteinander von Mensch und Maschine passiert. Heute passt sich die Maschine an den Menschen an – nicht umgekehrt“, erklärt Ruskowski und fügt hinzu: „In Zeiten der Pandemie erleben wir gerade die eigentliche industrielle Revolution, das was Industrie 4.0 eigentlich wollte.“

GAIA-X: die EU-Cloud

GAIA-X ist ein Versuch europäischer Unternehmen eine unabhängige und sichere Cloud zu schaffen und Daten sowie Dienste auszutauschen. „Dabei geht es um das Aufbrechen der lokalen Produktionsnetzte hin zu offenen Netzen, wo die Security auf die einzelne Maschine gebracht wird und darum, autonome Maschinen über das Internet miteinander vernetzen zu können“, erläutert Ruskowski. Klaus Stark, Leiter des Innovationsmanagements bei Pilz, stellt fest, dass in der Praxis zwar bereits einige Leuchtturmprojekte entstehen, doch noch ein weiter Teil des Weges gegangen werden muss. „Auch wenn noch viele Technologien zu installieren sind, hat GAIA-X eine besondere Bedeutung für uns und zwar im Punkt Monetarisierung von Daten. Wir brauchen Modelle und Services, um gemeinsam als Industrie Wertschöpfung zum Nutzen der Kunden zu betreiben“, so Stark.

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Die Zukunftsszenarien von GAIA-X

Laut Ruskowski möchte man sich unter anderem auf das Miteinander mit Lieferanten fokussieren und deren Maschinen einbinden. In der Industrie 3.0 hatten Automatisierung und Industrieroboter Vorrang – bei der Production Level 4 spricht er von den „nicht-wertschöpfenden Zeiten“. „Wir müssen beim Austausch von Daten und der Einbindung von Lieferanten ansetzen. Hierbei ist uns Asien weit voraus und hier kann man Geld einsparen“, stellt Ruskowski klar. „Wir verbinden mit GAIA-X viele Hoffnungen. Für Pilz wäre es wichtig, dass beim Teilen der Daten in einem Werk bzw. über Werke hinweg, Privacy und Security bereitgestellt werden. Das Handling und die Vertraulichkeit von Daten sind heute noch nicht übergreifend gelöste“, sagt Stark.

Hacker-Angriff auf Pilz: Wäre er vermeidbar gewesen?

Stark erklärt, dass der neue Demonstrator Security-Einrichtungen enthält und gegen den Hacker-Angriff, bei dem das Unternehmen monatelang ausgespäht und schließlich erpresst wurde, nicht geholfen. Dabei waren verschiedene Daten abgesaugt und ein Großteil der 5.000 Pcs verschlüsselt worden. „Wir sind auf die Erpressung nicht eingegangen und haben einen Großteil des Systems neue aufgesetzt“, schildert Stark. Systeme, die vor Ort liefen, waren sogar stärker gefährdet als jene in der Cloud. Linux und SAP waren nicht betroffen. Wie kann man sich also schützen? „Unser Konzept ist Kapselung bzw. viele einzelne gekapselte Systeme. Jedes Modul für sich ist geschützt. Hat jedes Modul eine eigene Firewall, ist ein Angriff schwieriger“, berichtet Ruskowski. „Nur dieser Weg der lokalen Kapselung sichert ein System ab.“

Demonstrator: Vision und die nächsten Schritte

Ruskowski plant mit einer Weiterentwicklung in mehrere Richtungen, zum Beispiel der Größe. Noch sind keine komplexen Produktionsszenarien abbildbar. Zudem soll ein zweites Demonstratormodul eingesetzt werden und weitere Module gebaut werden. Auch das Thema Baugruppenfertigung soll mitabgedeckt werden. „Wir wollen in einem europaweiten Forschungsnetz gemeinsam eine europaweite Fertigungslinie für ein abstraktes Produkt aufbauen“, gibt Ruskowski Einblicke in die kommenden Schritte.