Fertigung

„Das Manufacturing steckt in der Vergangenheit fest“

Willemijn Schneyder, Mitgründerin und Geschäftsführerin des Industrietechnologieunternehmens SwipeGuide verrät FACTORY, wie die Fertigung der Zukunft aussehen könnte und welche Rolle Frauen im Manufacturing spielen werden.

Von

Willemijn Schneyder, Mitgründerin und Geschäftsführerin von SwipeGuide.

In vielen Menschen steckt ein Pinocchio. Und das, obwohl Ehrlichkeit nicht nur im Privaten sehr geschätzt wird. Laut einer Umfrage von Statistik Austria unter Personalverantwortlichen in Österreich wird vor allem die Teamfähigkeit (48 Prozent) bei Mitarbeitenden geschätzt – mit 31 Prozent landet Ehrlichkeit gleich dahinter auf Rang zwei.

„Sind wir einmal ehrlich: Wenn wir diese eine Erde wirklich nachhaltig versorgen wollen, dann müssen wir uns der bitteren Realität stellen, dass die Fertigung von heute ihre Hausaufgaben für morgen noch nicht gemacht hat. Ich zeichne vielleicht ein sehr harsches Bild, aber die Manufacturing-Branche steckt in der Vergangenheit fest“, meint Willemijn Schneyder, Mitgründerin und Geschäftsführerin von SwipeGuide. „Und damit meine ich nicht, dass nicht ausreichend in IoT oder Predictive Maintenance investiert wird. Hier haben wir großartige und vor einigen Jahren kaum denkbare Fortschritte gemacht. Aber bei alldem haben Fertigungsbetriebe den Faktor Mensch vergessen“. Fabriken müssen ihrer Meinung nach verstehen, dass in der Realität ein enorm großer Zusammenhang zwischen dem einzelnen Fabrikarbeiter und dem Fertigungsergebnis besteht. Das Fachwissen, Informationslevel und der Austausch der Arbeiter an der Front müssten dringend verbessert werden. „Denn aktuell arbeiten sie immer noch mit Papier und Stift, nach dem PDF ist beim Thema Digitalisierung oft schon Schluss. Wissen wird in Silos gehalten und nicht geteilt oder verstaubt auf dem Papier. Dieser Mangel an Standardisierung im Know-how-Transfer und in der Wissenspflege ist einer der Hauptverursacher von Abweichung im Produktionsprozess. Abweichung sollte radikal verringert werden, denn Varianz führt in der Produktion zu Verschwendung. Weniger Abweichung geht daher einher mit besseren Betriebsmargen und hilft Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. „Wer nachhaltig und gewinnoptimiert produzieren will, muss also in Wissen investieren“, so Schneyder.

Welche Rolle spielen Frauen (nicht)?

Weltweit machen Frauen mittlerweile fast 50 Prozent aller Arbeitskräfte aus und sind damit selbstverständlich ein Teil der Zukunft. Die Frage ist nur auf welche Art und Weise. „Schaut man sich die Manufacturing Branche an, so sind Frauen unterrepräsentiert - ich glaube, unser Anteil liegt bei gerade einmal bei 29 Prozent. In Führungspositionen ist der Anteil sicher noch geringer. Die Branche trägt also durchaus viele historische Altlasten mit sich“, sagt Schneyder.

White Paper zum Thema

Doch die Welt verändert sich und mit ihr auch die Fertigung. „Unsere Investoren sind ein gutes Beispiel für diesen Wandel: Mit ihnen haben wir durch Speedinvest und CapitalT viele Frauen im Vorstand und CapitalT hilft uns explizit dabei, unser Team beim jetzt anstehenden schnellen Wachstum weiterhin divers zu halten“, so Schneyder. Als eines der ersten Unternehmen europaweit ermöglicht SwipeGuide einfaches Crowdsourcing von wichtigem Betriebswissen. Durch seine Technologie will das B2B-SaaS-Unternehmen mit Hauptsitz in Amsterdam die Leistung örtlich verteilter Teams in Fertigungsbetrieben verbessern. Crowdsourcing als moderne Form des Wissensmanagements gewinnt nicht zuletzt in Zeiten der Corona-Pandemie an Bedeutung. Dank einer neuen Finanzierungsrunde in Höhe von fünf Millionen Euro beschleunigt SwipeGuide nun die eigene internationale Expansion sowie die digitale Transformation in Unternehmen. Marken und Hersteller wie PepsiCo, Heineken, ABB und Orkla nutzen SwipeGuide, um für sie kritisches Betriebswissen global zu erfassen und zu standardisieren.

„Es ist wichtig sich darüber bewusst zu sein, dass man am Status der eigenen Diversität ständig, bewusst und hart arbeiten muss. Dafür wird man aber entlohnt. Denn diverse Teams in Bezug auf Geschlecht, Hintergrund und Ethnizität führen zu einem 20 Prozent höheren Return of Investment“, erklärt Schneyder. Diversität zwinge förmlich zum kreativen Denken, zur Auseinandersetzung mit anderen Ansichten und der Einnahme neuer Perspektiven. Das Ergebnis: bessere Entscheidungen.