Werkstätte 4.0

Werkstätte Wattens: Ein Gründerzentrum als Kulturwandler bei Swarovski

In einem ehemaligen Werk der D. Swarovski KG entsteht ein neuer Schmelztiegel für technologieorientierte Jungunternehmer. Dass sich jetzt auch Fraunhofer angesiedelt hat, macht die Werkstätte Wattens zu einem neuen 4.0-Hotspot Österreichs.

Von

Wattens Valley: Das internationale Gründerzentrum zieht nicht nur technologieorientierte und innovative Jungunternehmer an, auch Swarovskianer interessieren sich für das kollaborative Arbeiten.

Heimische Medien nannten es schon das „Wattens Valley“. Im November letzten Jahres eröffnete auf Teilflächen des Werk 2 der D. Swarovski KG ein internationales Gründerzentrum, das technologieorientierte und innovative Jungunternehmer anziehen soll. Die Werkstätte Wattens könnte damit zur Start-up-Schmiede Nummer 1 im Westen Österreichs werden. Betrieben wird sie durch die Destination Wattens Regionalentwicklung GmbH, eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen der Marktgemeinde Wattens (40 %) und Swarovski (60 %). Einerseits mit einem klaren Bekenntnis zum Standort wappnet sich der Konzern andererseits für einen Wandel, der seine Spuren immer tiefer in die Industriewelt zieht. Träge Strukturen und geschlossene Systeme werden von junger Naivität, Tüftlergeist und Tatendrang abgelöst. Gut, wer dann eine Start-up-Schmiede direkt neben der Haustür hat. Noch besser, wer mit Fraunhofer ein neues Innovationszentrum für die digitale Transformation als Nachbarn hat.

Matthias, Neeff © Ascher Foto Design KG / Werkstätte Wattens

„Träge Strukturen und geschlossene Systeme werden heute von junger Naivität, Tüftlergeist und Tatendrang abgelöst.“ Matthias Neeff, Geschäftsführer  der Betreibergesellschaft der Werkstätte Wattens.

Kulturwandel eines Konzerns

2,2 Millionen Euro hat Swarovski bereits in die Adaptierung der Räumlichkeiten (insgesamt 2.200 Quadratmeter) gesteckt. Heuer soll der gleiche Betrag folgen. Das Prinzip dahinter ist schnell verstanden. Die Betreibergesellschaft Destination Wattens mietet die fertig adaptieren Flächen an und gibt diese günstig an Jungunternehmer weiter. Die Werkstätte Wattens versteht sich jedoch als unabhängiger Ort. Das bekräftigt auch der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, Matthias Neeff. „Welche Unternehmen hier eine Heimat bekommen, entscheidet nicht Swarovski“, so der Geschäftsführer. Einen sanften Öffnungsprozess des Konzerns merke man trotzdem. „Gerade wie kollaboratives Arbeiten funktioniert, interessiert unsere Nachbarn sehr“, so Neeff. So seien in Zukunft interdisziplinäre Teams mit „Swarovskianern“ und Start-ups durchaus denkbar. Die Werkstätte selbst begleitet Start-ups in ihren Entwicklungen mit dem Ziel, diese langfristig in Wattens anzusiedeln.

White Paper zum Thema

Fablab für den Prototypenbau

Und wer die Hallen am Wattenbach betritt, weiß sofort, warum diese Initiative für den regionalen Wirtschaftsraum tatsächlich funktionieren kann. Neben Team-Offices, Co-Working Space und Werkstätten findet sich auch ein Fablab für den Prototypenbau in der Werkstätte Wattens. Das sogenannte Center for Rapid Innovation bietet alles, was das Tüftlerherz begehrt: In fünf unterschiedlichen Labs reihen sich 3D-Drucker, Lasercutter, CNC-Fräsen, Material-Spectrometer und viele weitere Maschinen aneinander. Ein Angebot, das auch Tyrolit und Swarovski immer wieder nutzen.

Fablab, Werkstätte, Wattens © Ascher Foto Design KG / Werkstätte Wattens

Fablab für Prototypen:  In fünf unterschiedlichen Labs reihen sich 3D-Drucker, Lasercutter, CNC-Fräsen, Material-Spectrometer und viele weitere Maschinen aneinander. Ein Angebot, das auch Tyrolit und Swarovski immer wieder nutzen.

Schmelztiegel für Talente aus Forschung und Technik

An ungewöhnlichen Ideen, die aus der Werkstätte Wattens den neuen Gründermittelpunkt und Ausbildungsort zugleich machen sollen, mangelt es beileibe nicht. 35 Jungunternehmen mit knapp 70 Mitarbeitern nennen die Räumlichkeiten bereits ihr Zuhause. Darunter auch aufstrebende Geheimtipps wie das Start-up Micro Guided Systems, das Roboter für die Neurochirurgie entwickelt, oder Carbon Competence, spezialisiert auf nanokristalline Diamantbeschichtung für den Werkzeugbau und die Medizintechnik. Auch Lukas Kinigadner, Gründer des IT-Start-ups Anyline, zog es von Wien zurück nach Tirol. Anyline bringt Smartphones das Lesen bei und wird gerade zur Augmented-Reality-Anwendung für Montageaufbau und Instandhaltung weiterentwickelt. Lange gab es für Kinigadner keine Möglichkeit, in seiner Heimat Fuß zu fassen. Jungunternehmer mussten in die Bundeshauptstadt, um überhaupt an Fördermittel und günstige Infrastruktur zu gelangen. „Mit der Werkstätte Wattens gibt es nun endlich eine Plattform, die kleinen Unternehmen entsprechende Rahmenbedingungen gibt“, so der Gründer. Neben Mentoringprogrammen und Seminaren wird auch das Investorennetzwerk gepflegt. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Start-up-Financiers wie Johann „Hansi“ Hansmann der Werkstätte immer wieder einen Besuch abstatten.

Der Hang zu Industrie 4.0

Was dem Gründerzentrum noch fehlte, war aber der direkte Hang zu Industrie 4.0. Doch dieser dürfte mit Anfang September endgültig besiegelt sein. Im Erdgeschoss der Werkstätte Wattens eröffnet Fraunhofer Austria seine neue Niederlassung. Unter dem Titel „Innovationszentrum für Digitale Transformation der Industrie“ entsteht – in Kooperation mit dem Land Tirol und der Destination Wattens – ein neues Innovationszentrum. Gemeinsam mit Unternehmen und Forschungspartnern wollen die Wissenschaftler dort praxistaugliche Lösungen für die digitale Zukunft der Industrie entwickeln. Dass die Werkstätte Wattens damit ein Vorbild für neue Arbeits- und Denkweisen wird, steht außer Frage. Dass die Tiroler den richtigen Zeitpunkt fürs 4.0-Hochrüsten treffen, wohl auch.