Forschung

Seltene Erden: Wie man China den Rücken kehren könnte

China droht im Handelskrieg mit den USA mit einer Verknappung Seltener Erden. Das träfe auch die EU. Was könnte getan werden, um die Abhängigkeit von China bei Technologiemetallen zu reduzieren?

Die metallischen Grundstoffe sind für viele Schlüsseltechnologien unentbehrlich und kommen etwa bei der Produktion von Mobiltelefonen, Computer-Chips oder Flachbildschirmen zum Einsatz.

Im Handelskrieg mit den USA hat jetzt China mit einer Verknappung der Seltenen Erden gedroht. Ein hoher Regierungsbeamter und Kommentare der Staatsmedien machten deutlich, dass China die wichtigen High-Tech-Metalle als Waffe im Handelskonflikt und im Kampf gegen das Vorgehen der USA gegen den Telekom-Riesen Huawei einsetzen könnte. US-Präsident Donald Trump hat den Telekommunikationsriesen Huawei vor einer Woche auf eine schwarze Liste gesetzt. Seitdem dürfen zahlreiche US-Unternehmen nicht mehr mit Huawei handeln. Diesen Boykott will die Volksrepublik nicht auf sich sitzen lassen und droht nun mit einem Gegenschlag, wo es richtig weh tun könnte: Bei Hightech-Rohstoffen. 

China hat einen Anteil von 80 bis 90 Prozent

"Sagt in der Zukunft nicht, wir hätten euch nicht gewarnt", schrieb das Parteiorgan "Volkszeitung". Die USA seien höchst abhängig von diesen Rohstoffen und wollten mit eigenen Produkten, die aus Seltenen Erden hergestellt würden, gegen Chinas Entwicklung ankämpfen und diese "unterdrücken". China ist mit einem Anteil von 80 bis 90 Prozent der weltgrößte Produzent der Seltenen Erden. Anders als der Name vermuten lässt, sind diese Rohstoffe gar nicht so selten, doch ist ihr Abbau sehr aufwendig und sehr umweltschädlich. Die 17 Metalle, zu denen Neodym, Lanthan und Cer gehören, werden besonders in der Hightechindustrie benutzt - etwa für Smartphones, Computer, Bildschirme und andere Elektrogeräte oder Windkraftanlagen und Autos.

Auch Auswirkungen auf Europa

Lieferengpässe hätten auch starke Auswirkungen auf die Europäische Union. Unter anderem würden die Preise steigen. Seltene Erden stehen seit 2011 auf der Liste kritischer Rohstoffe für die EU. Die EU-Kommission spricht von einer hundertprozentigen Importquote - der Staatenverbund ist also komplett auf Quellen von außerhalb angewiesen.

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"Ein teurer, aber heilsamer Schock." So sehen Experten rückblickend die dramatische Preisexplosion bei Seltenen Erden im Jahr 2011, die den Markt und die involvierten Akteure ordentlich durchgerüttelt hat. Heilsam deshalb, weil er bis heute nachwirkt: Um für ähnliche Situationen besser gerüstet zu sein, wurde und wird am Ersatz oder Recycling der Rohstoffe geforscht und nach neuen bergbaulichen Produktionsstätten gesucht. Außerdem tüfteln diverse Arbeitsgruppen und Lobbyorganisationen an geopolitischen Handelsstrategien. Aber reicht das?

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Die 17 Metalle, zu denen Neodym, Lanthan und Cer gehören, werden besonders in der Hightechindustrie benutzt - etwa für Smartphones, Computer, Bildschirme und andere Elektrogeräte oder Windkraftanlagen und Batterien für Elektroautos. 

Seltene Erden sind gar nicht "selten" 

Klar ist: Seltene Erden – eine Gruppe von 17 chemischen Elementen – sind wichtige Rohstoffe für die technologische Zukunft. Sie werden in Smartphones, Präzisionswaffen, Windrädern, Hybrid- und Elektroautos und Flachbildschirmen verbaut, da sie besondere Eigenschaften aufweisen, die in der Industrie gebraucht werden. Allerdings täuscht das Wort "selten" – einige Metalle, wie Yttrium, Neodym und Cer, sind in der kontinentalen Erdkruste häufiger als Blei. Problematisch ist aber die Wirtschaftlichkeit – sowohl beim Abbau, der Produktion, als auch beim Recycling. Dazu kommt die massive Abhängigkeit von China. Und genau diese "Zutaten" sind die Besonderheit dieser Technologiemetalle.

"Der Nahe Osten hat sein Öl, China hat Seltene Erden", war sich der einst starke Mann und marktwirtschaftliche Reformer, Deng Xiaoping, schon 1992 bewusst. Ein Umstand, der beginnend mit den massiven Exportbeschränkungen für Seltene Erden und höheren Zöllen durch China im Jahr 2010 sowie den darauffolgenden explodierenden Weltmarktpreisen noch heute vielen Marktteilnehmern Kopfzerbrechen bereitet.

Massive Versorgungskrise, WTO schaltete sich ein

"Im Jahr 2011 sind die Preise dann durch die Decke gegangen und haben zu einer unglaublichen Versorgungskrise geführt", erklärte Dieter Drexel, stellvertretender Bereichsleiter Ressourcen & Infrastruktur in der Industriellenvereinigung (IV) in einem Gespräch. Das sei zwar nicht für alle Unternehmen, die auf Seltene Erden angewiesen sind, existenzbedrohend gewesen. "Aber wenn sie Produzent von Katalysatoren oder Poliermitteln sind, dann spüren sie das schon. Für manche war das durchaus eine schwierige Situation", so Drexel. Schließlich sei man mit Preiserhöhungen um mehrere hundert Prozent konfrontiert gewesen. Auf Verlangen der EU, der USA und Japans hat sich 2012 schließlich die WTO eingeschaltet.

LED-Lampe war ein Nachfrage-Dämpfer

Der Preisanstieg war gleichzeitig der Startschuss für eine Reihe von Aktivitäten: Neue Quellen wurden gesucht – und gefunden, einige Seltene Erden in der Produktion ersetzt und Forschungsprojekte zum Recycling der kritischen Rohstoffe initiiert. "Die Unternehmen haben sofort versucht, Alternativen zu entwickeln. Die Zahl der Patente ist sprunghaft nach oben gegangen und seitdem auch relativ hoch geblieben", erklärt Drexel. Gleichzeitig erhielt die Nachfrage durch neue Entwicklungen wie dem Boom der LED-Lampen, für die viel weniger Seltene Erden gebraucht werden, einen Dämpfer.

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Lithium-Abbau in Kärnten: European Lithium, eine australisches Unternehmen kaufte schon 2011 eine nahe Wolfsberg in der Koralpe gelegene Mine. Produktionsstart soll 2022 sein. 

Lithiumabbau in Kärnten 

Im Wesentlichen beruhe die Versorgung mit Seltenen Erden auf drei Säulen: Import, selbst zu produzieren und Recycling (siehe "Kreislaufwirtschaft und Substitution als Lösung"). "Damals hat man letztendlich alle drei Wege gleichermaßen beschritten, weil es eine dramatische Situation war", so der Experte. International standen vor allem neue Minen im Blickpunkt. Es gab Projekte in den USA, die mittlerweile gescheitert sind, und auch in Australien und Grönland starteten Aktivitäten. "Das ging bis hin zu Plänen zum Lithiumabbau in Kärnten", erläuterte Drexel. Der übrigens laut einem Bericht im DER STANDARD tatsächlich kommen soll. European Lithium, eine australisches Unternehmen kaufte schon 2011 eine nahe Wolfsberg in der Koralpe gelegene Mine. Diese Mine befand sich jahrzehntelang im Besitz der Republik und war verbunden mit dem Atomkraftwerk Zwentendorf. Das AKW wollte man damals mit "heimischem Uran" betreiben. In Betrieb ging es nie. Statt Uran wurde Lithium entdeckt, das Ende der 1970er, Anfang der 1980er-Jahre keinen Wert hatte, schreibt die Tageszeitung. Die Mine wurde 1991 von der damaligen Verstaatlichtenholding ÖIAG um einen symbolischen Schilling an die Kärntner Montanindustrie (KMI) des Industriellen Andreas Henckel-Donnersmarck verkauft. Die KMI verkaufte sie vor acht Jahren um kolportierte 9,25 Millionen Euro an die Australier. Noch heuer will European Lithium eine Aktiengesellschaft österreichischen Rechts gründen. Man sucht nur noch nach Geldgebern, um den geplanten Produktionsstart Ende 2021 / Anfang 2022 zu schaffen. 

Trend zur Hochtechnologie hält an und treibt Nachfrage nach oben

Politik, Unternehmen und Gesellschaft scheinen sich der Bedeutung der Rohstoffe wieder stärker bewusst geworden zu sein. Grund dafür ist auch, dass der Trend zur Hochtechnologie anhält, was laut einer Studie dazu führen könnte, dass der globale Bedarf an Seltenen Erden bis zum Jahre 2020 um 50 Prozent wächst – getrieben vor allem von den Schwellenländern.

Mehr Windräder, mehr Batterien für Autos

Mit jedem Patent, jeder Produktionsumstellung und jedem Substitutionsvorgang entspanne sich die Situation. "Das darf uns aber nicht in Sicherheit wiegen, weil unter Berücksichtigung des weltweiten Wachstums – mehr Windräder, mehr Batterien für Autos – die absolute Menge an Seltenen Erden, die gebraucht wird, ja trotzdem größer wird", so der IV-Manager. Dazu kommt, dass die Entwicklung neuer Produktionsstätten laut einer Studie von Stefan Luidold von der Montanuniversität Leoben durchaus zehn bis 20 Jahre dauern kann. Deshalb sei es nicht möglich, eine veränderte Nachfrage durch eine kurzfristige Anpassung der Kapazitäten aufzufangen (siehe "Österreich will Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen verringern").

Österreich gewinnt vor allem Wolfram und Grafit

Dem stehen auch hohe Explorations-, Erschließungs- und Abbaukosten entgegen, wie die Experten der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) immer wieder betonen. Grund dafür sind fehlende Infrastruktur, logistische Herausforderungen, schwierige klimatische Bedingungen sowie ökologische Risiken (siehe "Warum der Hightech-Fortschritt unbedingt im Kreislauf geführt werden muss..."). In Österreich wird vor allem Wolfram und Grafit bergbaulich gewonnen. Bei den meisten Seltenen Erden ist man aber auf Importe – vor allem aus China – angewiesen.

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Lieferengpässe hätten auch starke Auswirkungen auf die Europäische Union. Unter anderem würden die Preise steigen. Seltene Erden stehen seit 2011 auf der Liste kritischer Rohstoffe für die EU.

Ersatz von Seltenen Erden schwierig

Weltweit sind immer weniger Unternehmen bereit, dieses Risiko in Kauf zu nehmen, so Analyst Jon Hykawy vom kanadischen Unternehmen Stormcrow Capital gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Seiner Meinung nach sind Seltene Erden sehr wohl ersetzbar. Unternehmen wie Toyota hätten das bereits vorgemacht. "Es gibt zwar Versuche, Seltene Erden zu ersetzen, allerdings – das sage ich als gelernter Techniker – sind sie aus gutem Grund in diesen technologischen Anwendungen drinnen, weil sie einfach über chemische und physikalische Eigenschaften verfügen, die eben andere Elemente nicht haben", so Drexel. Die Bemühungen gingen in die Richtung, schwere Erden, die etwas seltener sind, durch leichte Erden zu ersetzen.

Europa hinkt deutlich hinterher

In Europa sei das Thema vernachlässigt worden, so IV-Manager Drexel: "Über Rohstoffe haben wir in Zusammenhang mit Energieversorgung gesprochen, aber Knappheit bei anderen Rohstoffen war etwas, das aus dem Fokus der Gesellschaft, der Politik und auch der Unternehmen verschwunden ist." Man habe geordert, wenn etwas gebraucht wurde "und am nächsten Tag ist das Packerl oder das Fass mit dem Pulver da gewesen. Aber strategische Vorkehrungen zu treffen – also Rohstoffpolitik als Teil einer europäischen Außen-, Handels- und Wissenschaftspolitik zu betrachten, das ist ein bisschen aus dem Blick geraten". 

Kritisch sieht Drexel auch, dass die sehr lange Bergbautradition in Europa in vielen Bereichen erloschen ist. "Wir haben diese Tätigkeiten in andere Teile der Welt verlagert beziehungsweise zugeschaut, wie das verlagert wird, und haben uns so auch vieler Kompetenzen und Möglichkeiten, diese Rohstoffe selber abzubauen, beraubt." Selbst wenn es durchaus komplex sei, sich diese Ressourcen zu sichern – man denke an Finanzierungen, Genehmigungen, Kompetenzen – stünden diese Seltenen Erden durchaus auch in Europa zur Verfügung (siehe "Versorgung der europäischen Industrie mit Technologiemetallen - Beispiel Wolfram").

Dass die Europäische Union in diesem Bereich besonders exponiert ist, zeigen signifikante strategische Mängel im Umgang mit systemischen Handelsrisiken. Die USA würden diese Handelsnetzwerke bei kritischen Gütern offensichtlich viel besser und strategischer planen als die EU. Zumindest bis Trump und seinem Boykott von Huawei. (APA/dpa/red)

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