Robert Weber ist Journalist und Newsgame-Entwickler aus Deutschland. Seit mehr als zehn Jahren ist der Westfale journalistisch tätig. War Chefredakteur von elektrotechnik, schrieb für den deutschen MaschinenMarkt und engagiert sich derzeit als Journalist für das Manager Magazin und Markt&Technik. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter an der TH Nürnberg.

Offener Brief

Industrie 4.0 - Modeschmuck oder echte Werte?

Gabor Steingart ist ein angesehner Wirtschaftsjournalist in Deutschland, der mit seinem täglichen Morning Briefing die Lager stark polarisiert. Das gehört zu dem Geschäftsmodell. Dieses Mal ist die Industrie 4.0 dran - ein Widerspruch.

Sehr geehrter Gabor Steingart, 

schön, dass Sie wieder da sind. 

"Die Beschwichtigungsrhetorik von der Industrie 4.0 ist der Modeschmuck unserer Zeit", schreiben Sie in Ihrem Morning Briefing und bemängeln fehlende, "bahnbrechende" Erfindungen in der Industrie - abgesehen von der Abschaltsoftware für Diesel. 

Dieser Satz von Ihnen hat mich heute morgen am Schreibtisch wachgerüttelt und verlangt eine Replik: Ich sehe das anders, weiß aber glaube ich auch, wie Sie zu dieser Feststellung kommen - ein Versuch der Erklärung. 

Der Begriff Industrie 4.0 geistert jetzt seit mehreren Jahren durch die Republik - durch die Werkshallen, die CEO-Büros und durch das politische Berlin. Konferenzen, Tagungen und Medien verdienen viel Geld damit, jazzen Produkte und Lösungen hoch - auch dank verunsicherter Anwender. 

White Paper zum Thema

Zu viel Politik

Das Problem: Industrie 4.0 ist in den letzten Jahren zu stark politisiert worden, ein Schmuckstück für die Regierung in Berlin, aber auch in den Bundesländern. Jeder Minister, jeder Abgeordnete, jeder Bürgermeister besucht gerne eine Industrie 4.0-Fabrik und lässt sich dann mit dem Inhaber ablichten. Dazu kommt eine Agentur in Berlin, die das Thema "vermarkten" soll und Verbands- und Unternehmensvertreter, die keine Lust mehr auf die Politik haben, weil oft die Substanz fehlt - in der Agentur, in der Politik. 

Fördergelder fließen - das ist gut und das Beispiel Ostwestfalenlippe ist der Beweis, dass wenn Unternehmen aktiv eingebunden werden, die Kooperation zwischen Wissenschaft, Unternehmen und staatlicher Agentur funktionieren kann. 

Industrie 4.0 ist vielleicht ein Modebegriff, aber kein Modeschmuck

Also ja, die Politik hängt sich die Industrie 4.0 als Schmuckstück um, das ist nicht immer hilfreich, aber auch nicht unkeusch und schürt manche Erwartung. Der Berliner Blick auf Industrie 4.0 ist ein anderer als meiner. 

Modeschmuck gaukelt echte Werte vor, ist billig zu bekommen und der Käufer hat nicht lange Freude daran, weil die Qualität nicht stimmt. Das trifft für den deutschen Maschinenbau und die Automatisierungsunternehmen in Deutschland mit ihrer Digitalisierungskompetenz nicht zu. Kaum ein Wirtschaftszweig ist so innovativ wie die Automatisierungsindustrie oder der Maschinenbau . Ich vermute, Sie konzentrieren sich vor allem auf die großen Spieler.

Keine iPhones

Vergessen Sie bitte nicht Beckhoff, Pilz, Phoenix Contact, Harting, Turck, EOS, DMG Mori, Relayr, Mindsphere, Dürr, Trumpf, Bachmann electronic, Viastore, SEW Eurodrive, Witron, Physik Instrumente, Lenze, Schmalz, Schunk, SSI Schäfer, Boge und viele, die ich auf die Schnelle vergessen habe. 

Diese Unternehmen genießen weltweit einen hervorragenden Ruf, erfinden zwar keine iPhones, "bei denen der Jugend das Herz rast", aber auch keine sinnlosen Apps. Diese Unternehmen schaffen neue Produkte, die in Zukunft das Arbeiten in den Fabriken verändern werden. Da rast dem Ingenieur das Herz! 

Beispiele: 

  • Cobots für die Elektronikfertigung 
  • CMS Systeme mit KI für die Windenergie
  • Additives Fertigen (Metall) und Automatisierung von Abläufen
  • Datenanalyse mit Google Cloud und deutschem Industriewissen
  • Nanometergenaue Positionierung von Tropfen für additives Fertigen, für Satelliten, für die Biotechnologie
  • Intralogistik-Systeme, die weltweit bei Retailern gefragt sind und die Umschlagsleistung eines Lager verdoppeln
  • Pay per Use-Modelle für die Werkzeugmaschinen

Wir machen uns nichts vor, deutsche Unternehmen haben Lösungen und Produkte für Morgen und Übermorgen. 

Gerne erweitere ich die Liste für Sie oder wir besuchen gemeinsam eine der vielen Fachmessen, die in Berlin oft nicht wahrgenommen werden, weil der Blick auf Industrie 4.0 ein anderer, ein politischer, kein technologischer ist - ein großer Fehler, auch weil das Wissen fehlt. 

Plattformen - Ja, da hapert es

Produkte, werden Sie jetzt einwenden, schön und gut, aber das Geld verdienen andere - mit Plattformen, mit Daten und Software. Ja, da haben Sie Recht, da hinken viele Unternehmen hinterher - auch im B2B-Markt und das ist die Schwäche der deutschen Industrie, aber wir sollten uns auch nichts vor machen: die Google, Amazons und Co. ordern bei vielen deutschen Unternehmen heute ihre Produkte, brauchen das Wissen um Industrieprozesse. Gleiches gilt für chinesische Unternehmen und ihre Mitarbeiter, die wissbegierig deutschen Ingenieure an den Hochschulen im Riesenreich auf deutsch lauschen - aber das wäre noch mal ein neues Thema. Unser Vorsprung wird nicht auf ewig so bleiben, aber wir haben einen guten Startplatz, den es zu verteidigen gilt. Das ist keine Beschwichtigung. 

Die Gefahr zum Komponentenlieferanten zu werden, ist real, aber Industrie 4.0 oder das IIoT ist kein Modeschmuck, sondern dahinter stehen reale Anwendungen, die von hoch qualifizierten Mitarbeitern in Deutschland, Europa und weltweit entwickelt werden. 

Und apropos Geschäftsmodell: Ihr ehemaliger Arbeitgeber zeichnete das Unternehmen Boge 2017 für seine Plattformstrategie aus. Vielleicht hochgejazzt, würden Kritiker einwerfen, ich finde den Ansatz der Ostwestfalen absolut preiswürdig. Das war die richtige Wahl! 

Bleiben Sie gesund

Ihr Robert Weber

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