Halbleiter

Halbleitermangel: So hoch ist die Abhängigkeit von Importen

Die heiß begehrten Mikrochips kommen derzeit häufig zu spät in die Produktion – oder gar nicht. Welche Branchen betroffen sind, welche Abhängigkeiten bestehen und wie sich das ändern lässt.

Im Werk Reutlingen südlich von Stuttgart produziert Bosch täglich mehrere Millionen Mikrochips.

Die Gründe für den derzeitigen Mangel an Halbleitern sind zahlreich. Wegen des Handelskriegs zwischen den USA und China kaufen chinesische Hersteller wie Huawei und Xiaomi aktuell die Märkte leer. Hersteller von PC und Spielekonsolen sind ebenso hinter den Halbleitern her, da die Corona-Krise ihnen eine Sonderkonjunktur beschert hat, die es zu befriedigen gilt.

Auch die Automobilindustrie wird vom fehlenden Nachschub hart getroffen. Denn sie befindet sich im Wandel zur E-Mobilität und verzeichnete in der Coronakrise deutliche Umsatzverluste. Dadurch gingen auch wichtige Produktionskapazitäten im Halbleitersektor an die konkurrierenden Branchen verloren. Und jetzt, wo die Nachfrage nach Autos wieder steigt, fehlen die Chips.

„Es wird dauern, bis zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung stehen“, so Infineon Chef Reinhard Ploss. „Viele unserer Kunden unterschätzen die Komplexität der Lieferkette“. Die Halbleiterindustrie hat lange Durchlaufzeiten – bei komplexen Chips können diese bis zu einem halben Jahr betragen. Darum ist es auch schwierig, auf kurzfristige Abrufschwankungen zu reagieren.

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Stromausfälle in Texas

Verschärft wird der Halbleiter-Mangel auch durch die aktuelle Kältephase in Texas. Die ungewöhnlich tiefen Temperaturen im Süden der USA haben für großflächige Stromausfälle gesorgt und behindern die dort angesiedelte Chip-Produktion. Neben Samsung und NXP ist auch der deutsche Chiphersteller Infineon in der Region der texanischen Hauptstadt Austin aktiv. Seit der Übernahme von Cypresss Semiconductor im April 2020 betreiben die Münchener in Austin die sogenannte „Fab 25“, in der unter anderem Chips hergestellt werden, die unter anderem für smarte Elektronik eingesetzt werden. Nach einem Warnhinweis des Stromversorgers konnten die Verantwortlichen gerade noch rechtzeitig am Dienstag die Produktion herunterfahren, bevor ein plötzlicher Stromausfall die Produktionsanlagen dauerhaft beschädigt hätte. Durch den Ausfall in Texas verschärft sich nun der Mangel an Mikrocontrollern und Halbleitern für die Leistungselektronik, sodass vermutlich viele Kunden länger auf ihren Neuwagen warten müssen.

Abhängigkeiten vermehrt bei IT, 5G und KI

Die Halbleiterindustrie steht auf der Liste der digitalen Produkte und Dienstleistungen, bei denen die deutsche Industrie insgesamt in einem gefährlichen Ausmaß von Lieferungen aus dem Ausland anhängig ist, allerdings nicht ganz oben. Der Digitalverband Bitkom hat dazu bei den Firmen in Deutschland nachgefragt. Die Unternehmer sehen die Abhängigkeit am stärksten bei der IT- und Kommunikationshardware, dem 5G-Mobilfunk und der Künstlichen Intelligenz. Eine repräsentative Umfrage bei 1.100 Unternehmen ergab, dass 94 Prozent von ihnen auf Digital-Importe angewiesen sind. „Eine große Mehrheit der Unternehmen in Deutschland hält sich für nur kurzzeitig überlebensfähig, wenn digitale Technologien beziehungsweise Dienstleistungen plötzlich nicht mehr aus dem Ausland bezogen werden könnten“, sagte Achim Berg, der Präsident des Digitalverbands Bitkom.

Diese Problematik wird noch dadurch verschärft, dass das Vertrauen der deutschen Wirtschaft in die USA inzwischen vergleichsweise gering ausfällt. Nur noch 39 Prozent der deutschen Unternehmer haben ein "großes Vertrauen" in den Standort USA. Zwar werden die Standorte China (31 Prozent) und Russland (15 Prozent) noch skeptischer gesehen, doch bei den EU-Ländern liegt der Vertrauenswert bei stolzen 89 Prozent.

Mangel an Eigenständigkeit und Kapazitäten

Der Bitkom-Präsident forderte, die deutsche Wirtschaft müsse sich von ungesunden Abhängigkeiten lösen und mehr Eigenständigkeit entwickeln. „Es geht darum, künftig auf Augenhöhe digitale Schlüsseltechnologien, Geschäftsmodelle oder auch Ökosysteme mitzugestalten.“ Berg sprach sich dabei gegen Handelshemmnisse aus. Eine staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung sei aber wünschenswert. Dabei sollten vorhandene Kompetenzen gestärkt werden. „Wir sind beispielsweise sehr gut beim autonomen Fahren.“ Auch bei der IT-Sicherheit und der künstlichen Intelligenz sowie in der Medizin gebe es große Stärken.

Doch selbst wenn die Forderungen des Digitalverbands zügig umgesetzt werden, würde sich an der Abhängigkeit von Digitaltechnik aus dem Ausland kurzfristig kaum etwas ändern. Um etwa die gestiegene Nachfrage an Halbleitern zu befriedigen, müssen neue Kapazitäten aufgebaut werden – und das dauert. Was die Kapazitäten betrifft, ist der Kampf ohnehin vorprogrammiert: So verbraucht allein der iPhone-Hersteller Apple ungefähr so viele Mikroprozessoren wie die gesamte Autoindustrie. Auf der Liste der Top-Chipeinkäufer weltweit des Marktforschers Gartner stehen nur Unternehmen aus den USA, Südkorea und China. (apa/red)