Interview

Drei Szenarien für die Export-Entwicklung nach Corona

Yvonne Wolfmayr ist Außenhandels-Expertin des WIFO und berechnete auf Basis von drei weltwirtschaftlichen Szenarien Prognosen für den Export in Österreich. Diese unterscheiden sich in den Annahmen zur Dauer der Pandemie und wie lange das Hochfahren der Wirtschaft braucht. Da die Daten für den Außenhandel stark hinterherhinken – es liegen gerade erst die Daten für März vor – tappen die Ökonomen noch weitgehend im Dunkeln.

Von
WIFO Coronavirus Export Wirtschaft

Zur Person:
Die Ökonomin Yvonne Wolfmayr ist seit 1992 im WIFO-Forschungsbereich "Industrieökonomie, Innovation und internationaler Wettbewerb" tätig. Wolfmayr ist zudem Mitglied des Kompetenzzentrums "Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft (FIW)", in dessen Rahmen sie wirtschaftspolitische Expertisen zur Unterstützung außenwirtschaftspolitischer Entscheidungen bereitstellt.

FACTORY: Frau Wolfmayr, Szenario I geht davon aus, dass die weltwirtschaftlichen Aktivitäten bereits im 2. Quartal 2020 wieder langsam Fahrt aufnehmen. Das zweite Szenario nimmt an, dass der Wirtschaftseinbruch im zweiten Quartal schlimmer ausfällt als in Szenario I. Eine Erholung wird erst ab Jahresmitte angenommen und die österreichischen Exporte würden um 17 Prozent schrumpfen. Womit rechnen Sie derzeit?

Szenario I

Yvonne Wolfmayr: Die Daten deuten darauf hin, dass wir uns zu dem zweiten Szenario hinbewegen. Einerseits was die Weltkonjunktur betrifft und andererseits was die österreichischen Exporte betrifft. Aus ersten Vorlaufindikatoren können wir aber schon jetzt herauslesen, dass es diese minus 17 Prozent wahrscheinlich nicht sein werden. Wir rechnen mit einem Verlauf zwischen dem Szenario I und II. Die Warenexporte sollten zwischen 13 und 15 Prozent zurückgehen. Das ist sehr stark getrieben durch besonders handelsintensive Branchen, wie etwa den Maschinenbau oder der Fahrzeugbau.

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Szenario III

Im Szenario III gehen Sie davon aus, dass sich die Rezession der Weltwirtschaft bis ins 3. Quartal 2020 fortsetzt. Wenn das zutrifft, welche Erwartungen könnten dann Unternehmen noch in diesem Jahr haben?

Wolfmayr: Beim ersten Szenario gibt es ab Mai erste Wachstumspflänzchen. Im zweiten Szenario fängt die Erholung in der Jahresmitte an und im dritten Szenario kommt die erste Erholung der Wirtschaften bei den Handelspartnern erst im dritten Quartal. Das ist ein sehr pessimistisches Szenario, das sich aber noch nicht in den Daten abzeichnet. Aber, das Hochfahren der Wirtschaft (in Österreich und bei den Handelspartnern) wäre schwieriger und würde schleppender verlaufen, die Vertrauenskrise bei Konsumenten und Unternehmen wäre stärker.

Was versteht man in diesem Zusammenhang unter Vertrauenskrise?

Wolfmayr: Die Verunsicherung durch die Covid-19-Pandemie ist groß und die Menschen und Unternehmen verschieben ihre Konsum- und Investitionspläne. Es ist ein Abwarten bis es der Wirtschaft wieder besser geht und man davon ausgehen kann, dass es zu keiner zweiten Infektionswelle und gesundheitlichen Krise kommt. Wenn es dann mal ein Medikament gibt – oder, man lernt mit dieser Krise umzugehen – dann wird die Unsicherheit etwas schwächer. Würde sich die globale Rezession und die Beeinträchtigung durch die Covid-19-Pandemie, wie in Szenario III, bis ins dritte Quartal fortsetzen wäre diese Vertrauenskrise tiefer und die Erholung danach wesentlich langsamer. Dabei ist nicht nur das Unternehmens- und Konsumentenvertrauen im Inland bedeutend, sondern auch jenes in den wichtigsten Handelspartnern. Das ist sehr sensibel, wenn es zu einem starken Wiederanstieg von Neuinfektionen kommt, dann ist das Vertrauen weg und die Nachfrage springt nicht an.

Das kann in dieser Situation aber nicht der einzige Faktor sein?

Wolfmayr: Was noch dazukommt, es handelt sich nicht nur um eine Nachfragekrise, sondern auch um eine Angebotskrise: Einerseits können die Unternehmen durch Quarantänemaßnahmen, Lieferausfälle bzw. -verzögerungen bei wichtigen Produktionsinputs, nicht oder weniger produzieren, andererseits fehlen den Konsumenten durch die Schließung der Geschäfte die Möglichkeiten zum Konsumieren. In den berechneten Szenarien kommt auch dieser Unterschied zu früheren Wirtschaftskrisen zum Tragen.

Sie schreiben in ihrer Publikation, dass im Vergleich zum Ausbruch der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/09 sich der Wachstumseinbruch in der gegenwärtigen Krise deutlich kräftiger darstellt. Worin liegen Ähnlichkeiten und Unterschiede der Krisen?

Wolfmayr: Die Finanzmarktkrise war ein Nachfrageschock und eine riesig große Vertrauenskrise. Diesen Nachfrageeinbruch beobachten wir auch in der derzeitigen Krise. Wie damals betrifft der Nachfrageausfall auch diesmal handelsintensive Güter, darunter fallen auch Maschinen und andere Güter mit hoher vertikaler Spezialisierung, d.h. Produkte die sehr stark in internationale Lieferketten eingebunden sind. Der große Unterschied der Corona-Krise ist der zusätzliche Angebotsschock – also Produktionsausfälle durch fehlende Zulieferung benötigter Zwischenprodukte in der Produktion oder verspätete Lieferungen durch die Beeinträchtigung der Verkehrsinfrastruktur (z.B. Grenzkontrollen, Flugverbindungen). Die Maschine- und Autozulieferbranche war beispielsweise dadurch betroffen.

Bringt eine Renationalisierung der Produktion aus Ihrer Sicht künftig mehr Sicherheit?

Wolfmayr: Bei re-nationalisierten Produktionsketten wäre der Einbruch gleich gewesen, das belegen Studien. Schon vor der Corona Krise haben Unternehmen teilweise begonnen die ausgelagerte Produktion zurückzuholen. Dahinter standen Überlegungen zur Effizienz, Digitalisierung und Automatisierung. Für Österreich, als kleine offene Volkswirtschaft ist eine Re-Nationalisierungsstrategie in vielen Bereichen nicht günstig. Gerade durch die Kooperation mit mittel-osteuropäischen EU Ländern, hat der Österreichischen Produktion in der Vergangenheit viel an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Umgekehrt ist auch Österreich ein wichtigen Zulieferland etwa für die deutsche Industrie.

Welche Lehre sollte die Politik aus dem bisherigen Verlauf der Krise ziehen?

Wolfmayr:  Die EU sollte die Lehre ziehen, dass sie im Fall einer Pandemie koordinierter vorgehen muss, sei es bei Grenzschließungen oder bei Hilfsmaßnahmen für stark von der Covid-19 Pandemie betroffene Staaten. Die Entwicklung eines EU-weiten Pandemieplans, der die Kooperation der Mitgliedsländer besser strukturiert, wäre eine gute Idee. Ein besonders ungeeignetes Mittel war die Einführung von Exportrestriktionen bei medizinischer Schutzausrüstung zur Sicherstellung der nationalen Versorgung. Das ist genau die falsche Reaktion und Lehren aus der Vergangenheit zeigen die kontraproduktiven Wirkungen solcher Maßnahmen. Sie schüren zudem den Protektionismus und schwächen das gegenseitige Vertrauen zwischen Staaten. Die gegenwärtige Krise braucht Kooperation und Koordination. Insbesondere in einer Situation in der die Wirtschaft wieder in Gang kommen soll und internationale Lieferketten wieder funktionieren sollen, sollte der Protektionismus unterbunden werden.

Danke für das Gespräch!

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