Die Faszination für Produktion begleitet Prof. Dr. Syska sein gesamtes Berufsleben. Nach Maschinenbaustudium und Promotion an der RWTH Aachen war er bei der Robert Bosch GmbH tätig, zuletzt als Produktionsleiter. Gegenwärtig ist er Professor für Produktionsmanagement an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und gibt seinen Studenten und Industriepartnern ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiter.

Andreas Syska

Wrong Turn: Unsere Illusion von der smarten Fabrik

Unter Industrie 4.0 bekommen wir seit Jahren ein Illusionstheater der übertriebenen Erwartungen geboten. Eigentlich sollte die Digitalisierung Wegbereiter für die Bildung einer Gesellschaft sein, die wir uns immer erträumt haben. Wir bekommen aber nur Vorschläge, die die bisherige Art des Wirtschaftens beschleunigen sollen.

Ende dem Illusionstheater: Statt den Menschen zu sagen, was sie zu leisten haben, damit die Digitalisierung funktioniert, sollte man der Digitalisierung sagen, was sie zu leisten hat, damit sie den Menschen nützt.

Bereits Realität: Vernetzte Lieferdrohnen schwirren durch die Halle und liefern Material an das Montageband. Lagerbehälter sind in das IoT eingebunden und kommunizieren mit anderen Objekten. Was sich smart anhört ist tatsächlich der Beleg, dass bei der Reise in die digitale Zukunft schon sehr früh der Kompass über Bord gegangen ist. Verschwendungen, wie Transport und Lagerhaltung werden hier nicht eliminiert, sondern digitalisiert. Man nennt es Fortschritt. Ich nenne es Wrong Turn – falsch abgebogen. Gäbe es ein Navigationssystem für die Digitalisierung der Fabriken, würde es sagen: „Nach Möglichkeit bitte wenden.“

Maschinen geben den Ton an

Gibt es aber nicht und so folgt eine Illusion auf die andere. Wie die, dass die Arbeit in Fabriken anspruchsvoller wird und die Digitalisierung den Menschen zum Dirigenten der Wertschöpfungskette macht. Aber die Realität ist dies nicht. Die Rolle des Mitarbeiters besteht nämlich im Wesentlichen darin, Maschinen auf deren Anforderung hin mit dem nötigen zu versorgen: Material, Werkzeuge und Instandhaltung. Der vermeintliche Dirigent reagiert auf die digitale Schwesternklingel. Es ist ein System, in dem wenige Menschen Maschinen programmieren, die dann vielen Menschen sagen, was sie tun sollen.

Die irrationale Fabrik

Überwacht wird dies durch Manager, die an entfernten Orten auf digital aufbereitete KPIs schauen. Management by Flachbildschirm. Mit anderen Worten: Industrie 4.0 ermöglicht den Führungsunwilligen die langersehnte Flucht vor ihren eigenen Mitarbeitern. Da waren wir mit Shop Floor Management schon einmal weiter. Eine Fabrik ist komplex und, weil dort Menschen tätig sind, auch irrational. Ein solches System mit Algorithmen zu steuern hat noch nie funktioniert und wird auch diesmal nicht funktionieren. Natürlich ist die Technologie jetzt eine andere, aber das Denken – oder besser die Hybris – ist noch immer die alte. 

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Die „Smarte Fabrik“ ist kein Fortschritt

Das Illusionstheater namens „Smarte Fabrik“ hält noch viele solcher Szenen bereit – kaum eine davon handelt von Fortschritt. Statt den Menschen also zu sagen, was sie zu leisten haben, damit die Digitalisierung funktioniert, sollte man der Digitalisierung sagen, was sie zu leisten hat, damit sie den Menschen nützt. Nur so nutzen wir die historisch einmalige Chance, die die Digitalisierung für alle Menschen bietet. Wir werden zunächst die Frage zu beantworten haben, wie wir zukünftig leben und arbeiten wollen, um der Digitalisierung ihren dringend benötigten Sinn zu geben. Nur findet sich diese Antwort nicht auf dem Shop Floor, sondern in der Mitte der Gesellschaft. 

Die Zukunft im Allgemeinen und die Digitalisierung im Speziellen kommen nicht einfach auf uns zu. Sie sind Ergebnis unserer Taten. Unsere Taten sind das Ergebnis unserer Pläne. Und unsere Pläne sind das Ergebnis unserer Visionen. Seien wir mutig und denken groß.

Dies ist der erste Teil einer neuen Factory-Kolumne von Prof. Dr. Andreas Syska. Zu lesen in jeder neuen Ausgabe von Factory. 

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