Investitionen

Wofür Investoren in Sachen Robotik Geld ausgeben

Geld ist, wenn es um neue Robotik-Unternehmen geht, augenscheinlich da. Doch wofür genau? Wir haben uns umgehört.

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Jens Riegger (links) und Patrick Heimburger freuen sich über das Geld. Sie wollen mit Industrierobotik wachsen.

Kaum eine Branche konnte in den letzten Wochen so viele neue Investitionen in bestehende oder neu gegründete Unternehmen verzeichnen wie die Robotik. Fruitcore Robotics, Fuzzy Logic Robotics, Agile Robots oder Coboworx – all diese Firmen erhielten Millionen-Finanzierungen. Und dann betrat auch noch die Google-Mutter Alphabet mit ihrem neuen Unternehmen Intrinsic die Bühne.

Anwenden ohne Robotik-Kenntnisse

Ryan Lober und Antoine Hoarau sind ein amerikanisch-französische Robotik-Duo, das in den letzten Wochen 4,5 Mio. Euro für seine Idee eintreiben konnte. Die beiden Gründer von Fuzzy Logic Robotics formulieren ihre Idee: Aus einem CAD-Teil über die Drag & Drop-Funktion einfach einen „digitalen 3D-Zwilling“ erstellen, automatisch komplexe Werkzeugbahnen berechnen und mit einem Mausklick auf den Roboter in der Produktion übertragen – all das sei mit der universell einsetzbaren Softwareplattform Fuzzy Studios möglich. Beraten werden Lober und Hoarau von Michel Baltz, ehemaliger Bosch-Manager in Frankreich. Da wundert es auch nicht, dass Bosch Rexroth Fuzzy Logic Robotics in seine Industrieplattform „crtl X World“ aufgenommen hat. Für die Jungunternehmer ist das eine Vertriebschance. Man freue sich auf den ersten Use-Case in der DACH-Region, heißt es bei Fuzzy Logic Robotics.

Fuzzy Studio wurde eigens so konzipiert, dass ein digitaler Zwilling auch ohne Code in Echtzeit erstellt werden kann. Folglich muss der Anwender nicht mehr über so umfassende Robotik-Kenntnisse verfügen. Mit nur zwei Klicks kann man zwischen allen hinterlegten Robotermarken und -modellen hin- und herwechseln, um den richtigen Roboter für die jeweilige Anwendung zu finden – und das alles mit nur einer Software. Dadurch muss nichts mehr neu konstruiert werden, wenn man den Robotertyp wechselt. „Es geht nicht nur um die Steuerung – es geht um die Pipeline von der CAD bis zum Roboter“, erklärt Lober. „Der Kunde kauft nur unsere Software“, unterstreicht der US-Amerikaner.

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Auch österreichische Investoren

Die größte Überraschung landete im Oktober Fruitcore. Das Robotikunternehmen vom Bodensee erhielt eine Kapitalerhöhung von rund 17 Millionen Euro. Als Investoren dabei sind auch die Österreicher von Constantia New Business. In einer Mitteilung von btov heißt es: „With significant new funding, fruitcore continues to execute on their development roadmap and will add software functionality as well as introduce further modularity to serve many different automation needs and provide as much flexibility to their customers as possible – at lower CAPEX and lower OPEX.” Sprich: Es wird in Software investiert und die kollaborativen Industrieroboter sollen weiter den Robotikmarkt aufmischen. Guido Bruch, Branchenkenner vom MRK Blog, blickt in die nahe Zukunft von Fruitcore: „Mit heute 75 Mitarbeiter dürfte Fruitcore – so meine grobe Schätzung aus der Ferne – erst bei einem Jahresumsatz von 15 Mio. Euro profitabel arbeiten. D.h. pro Jahr müßten an die 2.000 Roboter verkauft werden. Dies erklärt den regen Aufbau an Partner. So groß scheint der Markt aber noch nicht zu sein, ist von Partnern durchaus Kritik an der Engmaschigkeit des Vertriebsnetzes zu hören. Sie kommen sich gegenseitig bisweilen in die Quere.“

Erstes Unicorn

Für internationale Schlagzeilen sorgte Agile Robots – Deutschlands erstes Robotik-Unicorn aus München. Das Unternehmen erhielt eine Finanzierung von umgerechnet rund 170 Mio. Euro und die Macher kamen aus dem Händeschütteln auf dem Dresden Robotics Festival im September gar nicht mehr raus. Aber mancher fragte sich auch, was machen die jetzt mit den 220 Mio. US-Dollar Finanzierung? Die Antwort kam am letzten Tag des Festivals: In Kaufbeuren (westlich von München) entsteht ein Werk, das eine Kapazität von 2.500 Cobots pro Jahr haben soll. Weniger als in China, aber immerhin. Angeschlossen an das Werk soll auch eine Erlebniswelt Robotik entstehen und die Macher wollen Roboter unterschiedlicher Hersteller mit Agile Software zusammenarbeiten lassen. Der Produktionsbeginn soll schon der 1. Dezember 2021 sein. 

Bezahlbare Robotik

Olaf Gehrels, CEO von Coboworx, musste auf dem Festival auch viele Hände schütteln, denn nur wenige Tage vorher konnte er und sein Team sich eine 4,5 Mio.Euro Seed-Finanzierung für die eigene Roboter und Online-Plattform sichern. „Mit dem Investment von Picus, Team Global und Paua Ventures bekräftigen wir unsere Entschlossenheit, mit unserem einzigartigen Roboter-Ökosystem die Produktionsprozesse in KMU für immer zu verändern. Denn wir machen Robotik bezahlbar und easy to use,” freute sich Gehrels. Ihm schwebt ein Baukastensystem vor. Vor allem kleine Unternehmen würden profitieren, heißt es bei Coboworx.

Fokus auf die Software

Allen Investments wohl gemein: Ein Großteil des Gelds fließt in die Software. Der Plattformgedanke und das Betriebssystem der Robotik sind die Ziele. Da will Google auch mitmischen. Das neue Unternehmen der Amerikaner heißt Intrinsic und sitzt in München und Kalifornien – und nein, die Damen und Herren bauen keinen neuen Roboter, sondern setzen voll auf Software und KI für die Robotik. Das Ziel, so munkelt man in der Branche, ist wohl eine Art übergreifendes Betriebssystem für die Robotik, das es Anwendern unterschiedlicher Roboter erleichtert, diese zu programmieren und ihnen neue Aufgaben anzutrainieren.

Für die Roboter der verschiedenen Hersteller gibt es unterschiedliche, oft spezielle Programmiersprachen. Die Nutzer in den Fabriken brauchen daher Spezialisten, um die Prozesse anzupassen. Intrinsic will das offenbar vereinfachen und könnte eine Art zentrale Steuerungsplattform entwickeln, die alle Sprachen der Robotik spricht oder die Sprachen vor dem Anwender „versteckt“.

Man habe in den letzten Jahren daran gearbeitet, dass Roboter ihre Umgebung erkennen und kontinuierlich dazu lernen, sich selbst daraufhin optimieren und damit noch besser Aufgaben erledigen, heißt es in einem Blogpost der Intrinsic-CEO Tan White. Jetzt wolle man mit Partnern in die Fabriken. Erste Gespräche mit Roboterherstellern laufen schon, erfuhr der Autor aus Branchenkreisen. Und in einer Stellenanzeige verstecken die Amerikaner noch ein nicht weniger bedeutendes Ziel: „Erfinde unsere Robotik-Plattform von Anfang an.“ Mit Plattformen kennen sie sich im Silicon Valley aus.