Interview

Wie sich ein Schweißexperte den Anforderungen am Markt stellt

Fronius feiert 75-jähriges Firmenbestehen. Was mit einem Ein-Mann-Betrieb begann, ist zu einem weltweit tätigen Familienbetrieb angewachsen, der sich hohen Marktanforderungen stellen muss.

Fronius Unternehmen Jubiläum Schweißen

Heute setzt man bei Fronius auf drei Standbeine: Schweißtechnik, Photovoltaik und Batterieladetechnik. So unterschiedlich diese Gebiete auf den ersten Blick erscheinen, der Kerngedanke verbindet die Bereiche: Elektrizität als Kraftstoff der Zukunft erforschen und kontrollieren. Doch Fronius ist kein reiner Produktionsbetrieb mehr, sämtliche Produkte basieren auf Softwarelösungen und Datenmanagementsysteme. Mit Applikationen bietet Fronius benutzerfreundliche Lösungen. Harald Langeder, Leiter der Forschung & Entwicklung der Business Unit Perfect Welding, ist seit 32 Jahren im Unternehmen und für die Entwicklung neuer Lösungen in der Schweißtechnik verantwortlich. FACTORY nahm das Jubiläum zum Anlass und hat - passend zum Schwerpunkt der Ausgabe – mit dem Experten gesprochen.

FACTORY: Wie hat sich die Entwicklung neuer Lösungen im Vergleich zu früher verändert?

Harald Langeder: Die grundsätzliche Herangehensweise hat sich kaum verändert. Wir versuchen unsere Kunden und deren Bedürfnisse zu verstehen und befassen uns laufend mit den neuen technologischen und technischen Möglichkeiten. Daraus schaffen wir Kombinationen, die einen einzigartigen Nutzen für unsere Kunden erzeugen. Die Vernetzungsdichte in der Technologie hat sich jedoch gravierend verändert. Das schafft auch bei unseren Kunden immer mehr die Anforderung an kurzzyklische Entwicklungen. Dies erfordert rasches Handeln und laufende Weiterentwicklung.

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FACTORY: Was meinen Sie mit Vernetzungsdichte in der Technologie?

Langeder: Ich möchte dies vergleichen mit einer Aussage von Prof. Kruse: Wir haben durch die steigende Vernetzung aller Prozessgeräte und Anlagenkomponenten in der Industrie die Möglichkeiten geschaffen, dass wir übergreifend digitale Daten austauschen und auch verwerten. Dies eröffnet Chancen und Möglichkeiten, welche bei unseren Kunden hohe Erwartungen hervorruft, immer schneller (kurzzyklischer) neue Anforderungen umzusetzen.

FACTORY: Mit dem Wachstum von Fronius und der Entwicklung neuer Geschäftseinheiten muss es doch einen Punkt gegeben haben, an dem eine Veränderung nötig war. Wie hat sich die Notwendigkeit einer Veränderung im täglichen Geschäft bemerkbar gemacht?

Langeder: Es gab nicht diesen einen Punkt, wo eine Veränderung notwendig war. Wir streben ständig danach, uns weiterzuentwickeln. Das betrifft sowohl unsere Technologien und Produkte, als auch unsere Organisationsstruktur und internen Prozesse.

FACTORY: Fronius realisiert Methoden zur Kontrolle und Steuerung von Energie für Schweißtechnik, Photovoltaik und Batterieladetechnik. Ergeben sich Synergien zwischen diesen drei Bereichen?

Langeder: Alle drei Business Units haben das gleiche Ziel, nämlich Energie bewusst und kontrolliert für das gewünschte Ergebnis und den Kunden einzusetzen. In der Business Unit Perfect Welding ist es die geschweißte Naht, bei Perfect Charging die geladene Batterie und bei Solar Energy der aus Sonnenlicht umgewandelte Strom für die Versorgung. Hierfür kombinieren wir Leistungselektronik mit Prozessregelung für höchste Effizienz. Digitale Vernetzung und optimierte Steuerungssysteme ermöglichen höchste Effektivität. Alle drei Business Units nutzen das Wissen darüber übergreifend und synergetisch. Der stetige Drang unsere Kunden mit etwas Neuem, Einzigartigen und für den Kunden Wertvollen zu überraschen, macht uns zum Innovations- und Technologieführer. Mit weniger geben wir uns nicht zufrieden.

FACTORY: Zurück zur Schweißtechnik: Worin unterscheidet sich Roboterschweißen von manuellem Schweißen?

Langeder: Robustheit und Einfachheit sind beim manuellen Schweißen wichtige Themen. Beim Roboterschweißen ist neben der höchsten Produktivität durch Geschwindigkeit auch die Verfügbarkeit relevant. Die Systeme müssen laufen – am besten 24/7 und das möglichst wartungsfrei. Die Anwendungen sind sehr vielfältig und individuell, sodass maximale Anpassungsfähigkeit und Modularität hohe Priorität haben. Eine spezielle Bedeutung kommt außerdem der Vernetzung mit dem Schweißroboter aber auch mit übergeordneten IT-Systemen zu. Da die Bewegung des Brenners einen essenziellen Einfluss auf das Ergebnis – die Schweißnaht – hat, müssen wir Bewegung und Schweißleistung optimal zueinander ausregeln. Dazu benötigt es schnelle digitale Interfaces – Stichwort Echtzeit-Fähigkeit.

Eine wichtige Anforderung beim Roboterschweißen ist auch, dass alle involvierten Prozessgeräte in einer Produktionslinie möglichst reibungslos zusammenarbeiten und einfach aufeinander abgestimmt werden können. Industrie 4.0 in der Praxis, sozusagen. Bei vielen unserer Kunden ist außerdem die Dokumentation der Schweißdaten essenziell, denn die Nachvollziehbarkeit der Produktionsprozesse ist unter anderem für das Erfüllen von Normen zentral.

FACTORY: Wie begegnet man bei Fronius dem Anspruch eines möglichst wartungsfreien Systems im Roboterschweißen?

Langeder: Hierbei gibt es mehrere Aspekte zu berücksichtigen. Einerseits steigt die Komplexität der zu schweißenden Bauteile und somit auch der Anlagenkonzepte, wodurch sich auch die Anforderungen an das Schweißequipment (speziell im Peripherie Bereich, wie den Roboter-Schlauchpaketen und Schweißbrennern) erhöht. Standzeit-Anforderungen haben sich in den letzten 10 Jahren teilweise vervierfacht. Andererseits ist es für unsere Kunden immer schwieriger qualifiziertes Fachpersonal vorzufinden und somit werden die Komponenten der Schweißsysteme oft nicht „sachgemäß“ behandelt. Beiden Aspekten versuchen wir mit deutlich höherem Fokus auf die robuste und einfache Auslegung der Komponenten und vor allem auf das Testing zu begegnen. Fronius hat völlig neue Organisationsstrukturen wie z.B. das Systemtesting, quasi den ersten „intern“ Kunden, installiert und die Testkriterien weit über die Norm-Grenzwerte hinaus etabliert.

FACTORY: Was bedeutet Industrie 4.0 für Fronius?

Langeder: Industrie 4.0 bedeutet für uns, unsere Kunden so gut wie möglich darin zu unterstützen, dass ihre vernetzte Fertigung reibungslos läuft. Das bedeutet, dass unsere Schweißsysteme mit allen Robotern kompatibel sind und sich einfach in die Fertigungslinien integrieren lassen.

FACTORY: Wie kann man sich das im Konkreten vorstellen?

Langeder: Digitale Services spielen im Portfolio eine zentrale Rolle. Dies beginnt bereits bei der Auswahl des richtigen Schweißsystems, geht weiter mit der raschen Inbetriebnahme bis hin zum Produktionscontrolling: um den Kunden bei der Inbetriebnahme zu unterstützen haben wir die WeldConnect App entwickelt. Mit dieser Applikation werden Schweißparameter ermittelt und diese automatisch am Gerät eingespielt. Im Produktionscontrolling unterstützen wir unsere Kunden mit der Schweißdatenmanagement-Software WeldCube. Außerdem bieten wir die Möglichkeit über Remote-Service unmittelbar digitale Unterstützung zu erhalten – jederzeit, wenn der Kunde uns benötigt.

FACTORY: Welchen Stellenwert nimmt der Metall-3D-Druck ein?

Langeder: Fronius befasst sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema additive Fertigung. Im Bereich des Schweißens spricht man hier von „Wire Arc Additive Manufacturing“ – quasi 3D-Druck mittels abgeschmolzenem Schweißzusatzwerkstoff. Wir sind sehr gut mit Institutionen weltweit vernetzt, die sich mit dem Thema WAAM befassen und unser Schweißequipment gilt dort als erste Wahl für die additive Fertigung. Darüber hinaus haben wir bereits erste Projekte mit Kunden abgewickelt und versuchen unser Know-how ständig zu erweitern und für die Praxis anwendbar zu machen. Eine besondere Herausforderung in diesem Bereich liegt in der Berechnung und Programmierung dieses komplexen Prozesses.

FACTORY: Abschließend: Wird kleben irgendwann eine Alternative zu schweißen sein und macht Fronius-Produkte obsolet?

Langeder: Wir haben uns ausgiebig mit den einschlägigen Bedrohungsszenarien für das thermische Fügen auseinandergesetzt. Da der thermische Fügeprozess weltweit verbreitet ist, kommen wir zu dem Schluss, dass es derzeit keine reale Bedrohung gibt. Dennoch bleiben wir natürlich wachsam und behalten die Entwicklung genau im Auge. Letztlich sind wir aber davon überzeugt, dass das Schweißen in seiner Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und Stabilität weiterhin Zukunft haben wird. Unsere Überzeugung: Schweißen wird es immer geben.

Danke für das Gespräch!

Zur Person:

Harald Langeder ist Leiter der Business Unit Perfect Welding und der Forschung & Entwicklung im Bereich Schweißtechnik. Er begann 1988 seine Lehre bei Fronius und wechselte später in die Forschung & Entwicklung. Seit 2009 ist Langeder Entwicklungs-Leiter im Bereich Schweißtechnik und trägt damit dazu bei, dass die Technologien von Fronius Kunden weltweit begeistern.