Interview

Wie man bei Rubble Master Digitalisierung lebt

Digitalisierung nimmt bei dem oberösterreichischen Hersteller von mobilen Brech- und Siebanlagen einen besonderen Stellenwert ein. Wie man bei Rubble Master an einem digitalen Ökosystem arbeitet.

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Peru, 4.000 m Seehöhe. Kein Internet. Doch die Stein-Brechanlage liefert Daten über Performance, Verbrauch und Standort an die Cloud. Eine mobile Applikation macht es möglich, selbst in abgelegenen Regionen. Mit diesen Daten verbessert Rubble Master das Geschäft seiner Kunden. Das Linzer Unternehmen hat sich früh mit Telemetrie und Vernetzung von Anlagen beschäftigt. Digitalisierung sieht das Unternehmen als Innovationstreiber. Eine eigene Digitalabteilung arbeitet mit agilen Ansätzen an Lösungen für den digitalen Mehrwert der Produkte.

Rubble, Master;, RM, 90GO!, +, MSC6500, Naturstein, Riyadh © Rubble Master

Ungefähr 4.000 Maschinen von Rubble Master sind weltweit im Einsatz. Eine mobile Applikation ermöglicht die direkte Vernetzung mit dem Endkunden. 

FACTORY: Sie verantworten unter anderem den Bereich Digital Services. Worauf kommt es Ihnen bei der Digitalabteilung an?

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Markus Gaggl: Bei Rubble Master haben wir ein Team, das an Digital Services arbeitet. Es kommen Startup-Methoden zum Einsatz und agiles Arbeiten gefordert. Auf einen regen Austausch mit den „klassischen“ Abteilungen lege ich Wert. Große Firmen verfolgen meist einen anderen Ansatz und unterstützen, als sogenannte Accelerator, Startups oder abgekoppelte Digitaleinheiten. Diesen Weg gehen wir nicht. Zu groß ist das Risiko, dass sich die Einheiten auseinanderleben. Will man die Einheiten nach einer gewissen Zeit wieder zusammenführen, funktioniert das schwer

FACTORY: Was versteht man bei Rubble Master unter Digitalisierung?

Gaggl: Wir unterscheiden in externe und interne Digitalisierung. Wenn wir von interner Digitalisierung sprechen, meinen wir Prozess- und Verfahrensdigitalisierung. Also alles was klassisch unter Industrie 4.0 fällt. Externe Digitalisierung umfasst die Wertgenerierung beim Kunden. Der Kunde kann unser Händler oder der Maschineneigentümer, Maschinenbediener oder Servicetechniker sein.

FACTORY: Wie kann man sich das Ergebnis aus interner und externer Digitalisierung vorstellen?

Gaggl: Verbindet man externe und interne digitale Services entsteht ein digitales Ökosystem. Stellen Sie sich vor, nicht der Kunde, macht zukünftig automatisiert einen Vorschlag, welche Ersatzteile sie in nächster Zeit benötigen wird. Die Maschine – egal ob in einem abgelegenen Steinbruch oder einer Baustelle in der Stadt – schickt automatisiert welche Ersatzteile sie benötigt. Daraus könnte sich ein Bestellvorschlag generieren, der automatisch an den Kunden gesendet wird. In diese Richtung muss sich der Maschinenbau entwickeln.

FACTORY: Ist für Sie Digitalisierung gleichzusetzen mit Innovation?

Gaggl: Unter Innovation verstehe ich aus einer Idee ein marktfähiges Produkt zu machen welches einen Mehrwert stiftet – dies ist meistens eine Wette auf die Zukunft.Ideen können scheitern und sie dürfen auch scheitern. Digitalisierung ist ein möglicher Weg. Wir folgen dem Grundsatz „Fail fast, fail cheap“. Daher sehe ich es als ein Muss an, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Digitalabteilung agil arbeiten. Keine Frage, sobald andere Bereiche eingebunden sind, stoßen naturgemäß Welten aufeinander. Das ist etwa der Fall wenn die mechanische Entwicklung eingebunden ist, „ausprobieren“ ist dort nicht so einfach möglich, da dann auch andere Prämissen zählen.

FACTORY: Was gehört zur agilen Arbeitsweise in der Digitalabteilung von Rubble Master?

Gaggl: Wir gehen beispielsweise mit Mockups und MVPs (minimum viable products) zu unseren Kunden. Anders könnte man die gesamten Entwicklungskosten als Maschinenbauunternehmen nicht heben. Bei einer 40 Tonnen Maschine lässt sich zwar nicht alles agil entwickeln, gewisse Elemente wie ein Bediendisplay oder einzelne Baugruppe können jedoch sehr wohl agil und entkoppelt entwickelt werden. Bevor wir 6 Monate Entwicklung hineinstecken, simulieren wir das Neuprodukt. Das verstehe ich unter Customer Centric Engineering. Mit minimalem Mittelaufwand bauen wir ein funktionelles Produkt, holen am Markt Feedback ein und verbessern den Prototypen sukzessive. Das funktioniert im digitalen Bereich super. Bei Entwicklungen in der Mechanik und Elektronik, funktioniert es nur teilweise.

FACTORY: Wie reagieren die Kunden darauf?

Gaggl: Unsere Kunden sind dafür offen. Gerade das Thema Telemetrie und Flottenmanagement sind bei mobilen Arbeitsmaschinen nichts Neues. Uns reicht das klassische Flottenmanagement nicht aus, weil wir in unserer Strategie ein digitales Ökosystem sehen, bei dem unterschiedliche Services vernetzt sind. IoT und Vernetzungen sind für uns ein Mittel zum Zweck, um Daten der Maschine zu generieren. Daten fließen in wertstiftende Maßnahmen und werden nicht nur visualisiert.

FACTORY: Wie können Daten für wertstiftenden Maßnahmen genutzt werden?

Gaggl: Etwa mit Serviceleistungen. Wie allen Maschinenbauer sind wir mit third party-Ersatzprodukten konfrontiert. Wenn wir es schaffen, zum richtigen Zeitpunkt ein entsprechendes Paket an erforderlichen Ersatzteilen vorzuschlagen, wird die Bereitschaft für die Verwendung originaler Ersatzteile steigen. Basierend auf Zustandsdaten könnte man nachvollziehen welche Artikel für die Stückliste erforderlich sind um das entsprechende Service durchzuführen.

FACTORY: Was unterscheidet ein solches Serviceangebot von Bestehenden?

Gaggl: Wenn wir von einem digitalen Ökosystem sprechen wir von unterschiedlichen digitalen Services. Jeder Kunde soll in der Lage sein sich jene Services zu abonnieren, die für ihn einen Mehrwert stiften. Wir haben Großkunden, mit mehreren tausend , und EPUs als Kunden. Der Bedarf unterscheidet sich: Der eine benötigt eine Webplattform zum Lokalisieren der Maschine, der nächste eine Schnittstelle zu einem bestehenden System. Wir wollen mit mechanischen und digitalen Entwicklungen ein Baukastensystem anbieten. Vergleichbar mit einem App-Store.

FACTORY: Was umfasst der Baukasten?

Gaggl: Darin wird es digitale Services geben, die mit unserem Kerngeschäft wenig oder gar nichts zu tun haben. Das könnten auch Services von Drittanbietern sein: Über das digitale Ökosystem könnten Materialen gehandelt werden. Der Kunde produziert ein Material und kann, während die Maschine arbeitet, in einem Online Marketplace melden: „An diesem Standort habe ich gerade 20 t recycelten Bauschutt in einer bestimmten Spezifikation hergestellt.“ Hat jemand Bedarf, kauft er das Material über die Plattform. Damit optimieren wir das Geschäft unserer Kunden.

FACTORY: Solche Geschäftsmodelle erfordern die Offenheit der Unternehmen. Ist Rubble Master und dessen Kunden dafür bereit?

Gaggl: Ohne Offenheit sind solche Ökosysteme nicht möglich. Die Baumaschinenindustrie ist eine relativ konservative Industrie, aber es zeichnen sich Entwicklungen ab, die solche Angebote ermöglichen, beispielsweise autonome Baumaschinen. Diese Maschinen müssen früher oder später miteinander interagieren können - herstellerunabhängig. Das ist bereits ein Ökosystem-Ansatz. Dafür braucht der Kunde ein offenes Ökosystem, das einen durchgängigen Datenaustausch ermöglicht.

FACTORY: Lassen Sie uns tiefer auf das Thema IoT eingehen: Sind die Möglichkeiten von IoT bereits gelebte Praxis?

Gaggl: IoT wird meiner Ansicht nach 2020 beispielsweise noch nicht gelebt. Zu sehr konzentriert man sich noch auf das Sammeln und Visualisieren von Daten. Interessant wird es, wenn man mit IoT Geld verdienen will. Dann stellt sich die Frage, wie man Daten nicht bloß generiert und visualisiert, sondern echten Nutzen damit generiert. Dieser entsteht, wenn man Prozesse mit Hilfe von IoT automatisieren kann. Potenzial sehen wir in unserer Industrie: Alles was heute sehr stark von Menschen beeinflusst wird, kann die Produktivität von einer Maschine beeinflussen und den ROI beeinflussen. Wenn wir durch intelligente Algorithmen – und daran arbeiten wir – eine Optimierung der Produktivität ermöglichen, dann macht Digitalisierung massiv viel Sinn.

FACTORY: Rubble Master entwickelt selbst eine IoT-Plattform: Warum hat man diesen Weg eingeschlagen?

NL, Aufsteiger © Fotolia/FACTORY

Gaggl: Die Funktionalitäten von klassischen SaaS-Plattformen (Software-as-a-Serivce) sind für unsere Anforderungen zu eingeschränkt gewesen. Vor zwei Jahren existierten 460 unterschiedliche IoT-Plattformen, heute werden es noch mehr sein. Viele davon haben wir analysiert und sind zur Erkenntnis gekommen: Wenn wir das Potenzial in unserem Geschäft tatsächlich heben wollen, brauchen wir eine Eigenentwicklung. Unsere Anwender sollen nicht bloß sehen wo die Maschine steht und welche Bauteile verbaut sind. Wir möchten zusätzlich erfassen welches Material verarbeitet wird, wie die Performance der Maschine aussieht und wie sie im Vergleich zu allen anderen Maschinen am Markt arbeitet. Dies dient der kontinuierlichen Optimierung unserer Produkte sowie dem Bereitstellen neuer innovativer Services und ist mit Standard IoT Lösungen einfach nicht möglich.

FACTORY: Warum will man bei Rubble Master das alles wissen? 

Gaggl: Wir haben ungefähr 4.000 Maschinen am Weltmarkt. Wie anfangs erwähnt, haben wir einen Weg gesucht um uns direkt mit den Endkunden zu vernetzen. Wir haben dann eine mobile Applikation entwickelt, die in der Lage ist sich mit der Maschine zu verbinden. Die Maschinendaten werden auf das mobile Endgerät übermittelt. Der Anwender sitzt in einem sicheren Umfeld. Über Smartphone erhält er Push-Notifications, die ihm Aufschluss über Leistung und Zustand der Maschine geben. Das war der Kernnutzen – ein mobiles HMI (Human Machine Interface), damals haben wir es noch nicht so genannten, aber heute würde man es wohl so nennen.

FACTORY: Was braucht es auf Organisationssicht, um eine solche Visionen zu ermöglichen?

Gaggl: Die klassische IT-Abteilung wird zum Enabler für Digitalisierung. Die IT-Abteilung muss Stammdaten zugänglich machen und Systeme, z.B. Warenwirtschaft, CRM oder ERP, vernetzen. Eine große Herausforderung, denn heute gibt es in Unternehmen viele IT-Systeme in unterschiedlichen Silos. Am Frontend ein Digitales Service zu entwickeln, erscheint da fast als die einfachere Aufgabe. Ein gemeinsames Datenmodell zu entwickeln und die Daten auch automatisiert zugänglich zu machen, ist die Herausforderung. Man lernt am Frontend immer neue Anforderungen, die sich auf die Infrastruktur innerhalb der Organisation auswirken.

FACTORY: Hat eine klassische IT-Abteilung damit ausgedient?

Gaggl: Nein, definitiv nicht. IT-Abteilungen erfinden. Jedes Unternehmen, dass sich mit Digitalisierung beschäftigt, ist damit konfrontiert. Oft lassen es die bestehenden Systeme nicht zu, es fehlen die Schnittstellen und die Daten stehen nicht in erforderlicher Qualität bereit. Das Thema Stammdaten – so langweilig es klingen mag – es wird immer wichtiger. Denn auf Basis der Stammdaten werden künftig automatisierte Entscheidungen getroffen. Wenn die Stammdaten nicht sauber gepflegt sind, kann man die besten Tools im Einsatz haben, man wird das Potenzial, dass die Digitalisierung bietet, nicht heben können. Will ein Unternehmen ein Geschäftsmodell aufbauen, muss ein generiert werden der sich zu Geld machen lässt. Dazu muss man kontinuierlich anSoftwaresystemen weiterentwickeln und mehr Aufwand betreiben als in der Vergangenheit.

Danke für das Gespräch!

Zur Person:

Markus Gaggl, Chief Technology Officer bei Rubble Master, verantwortet die Bereiche Produktmanagement, Technik, Innovationsmanagement und Digital Service. Neben der mechanischen, elektrischen und steuerungstechnischen Entwicklung verantwortet er das Digital Office von Rubble Master. Die Abteilung für Digitalisierungsprojekte. Mit dem Ohr an den zukünftigen Marktbedürfnisse, sorgt er für die technische Innovationen bei Rubble Master. Sein Credo: Produktneuheiten immer nahe am Kunden entwickeln.

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