Arbeitswelt 4.0

Wie Krisen den Arbeitsmarkt verändern

Lukas Sustala im Gespräch über Babyboomer, Millennials und die Arbeitswelt von Morgen. Warum Bildung kein Selbstzweck ist und was der Arbeitsmarkt von Unternehmen fordert.

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"Die Pandemie ist eine relativ unbekannte Krise und zugleich ein Turbo für Veränderung. Ein Katalysator für die Arbeitswelt, der sich nicht mit früheren Krisen vergleichen lässt.“

Die hohen Geburtenraten in den 1970ern und die darauffolgenden geburtenschwachen Jahre sorgten dafür, dass aus einer Bevölkerungspyramide mit einem breiten Fundament und konstant zulaufender Spitze ein immer bauchiger werdendes Diagramm wurde. Die breite Masse der erwerbsfähigen Bevölkerung steht kurz vor dem Pensionsantritt. Mit diesen geburtenstärksten Jahrgängen hat das Arbeitskräftepotenzial seinen Höhepunkt erreicht und die Abgänge machen sich am Arbeitsmarkt bemerkbar. Für Unternehmen und die Generation der Millennials hat sich der Arbeitsmarkt verändert. Lukas Sustala, hat sich in seinem Buch „Zu spät zur Party“ mit der Generation der Millennials befasst. Die Bedingung unter denen sie ins Berufsleben eintreten, sind nicht die rosigsten: gut ausgebildet, große Erwartungen und gebeutelt von Krisen.

FACTORY: Stimmt das Stereotyp, dass Millennials Jobhopper sind?

Sustala: Wenn man Daten dazu analysiert, sieht man, sie sind nicht mehr oder weniger Jobhopper als die Generation vor ihnen. Allerdings sind ihre Berufseinstiege sicher stärker von einer gewissen Ungewissheit über die Entwicklung geprägt. Weniger Wachstum und die Digitalisierung beeinflussen ihr Jobverhalten.

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FACTORY: Und wie sieht es mit der Arbeitsmoral aus?

Sustala: Auch wenn in Publikationen von Beratungsunternehmen oft ein Bild gezeichnet wird, wonach Millennials gänzlich anders wären, etwa große Ansprüche und wenig Arbeitsethos hätten. Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass ihre Ziele gar nicht so anders: Der Wunsch nach einem Eigenheim, Verwirklichung im Job und die Gründung einer Familie stehen auch bei dieser Kohorte für viele im Mittelpunkt. Dort wo sie aber schon erste Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt hatten, die beispielsweise durch Krisen verstärkt werden, sind einige desillusioniert.

FACTORY: Wie wirken sich Krisen auf das Erwerbsleben der Millennials aus?

Sustala: In der ökonomischen Literatur gibt es den Begriff „Scarring Effekt“ – der Vernarbungseffekt. Manche Jahrgänge und Kohorten haben einfach Pech und einige Millennials gehören dazu. Eine Kohorte, die ihre Karrieren in einen Arbeitsmarkt hinein startet, der sich in Aufruhr befindet, in dem sich Unternehmen etwa mit Neueinstellungen zurückhalten, hat auch noch ein Jahrzehnt später im Schnitt weniger Einkommen oder weniger sichere Jobbiografien. Weil eine Rezession ausgebrochen ist oder wie in den 70-80ern der Ölpreisschock, in den 2000ern der Dotcom-Schock und jetzt die Pandemie, die den Arbeitsmarkt durcheinanderbringt. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist in Rezessionen mit mehr Hürden verbunden. Die Folge ist, dass für viele dann die Sprossen auf der Karriereleiter weiter auseinander sie – oder sie sind an der einen oder anderen Stelle sogar morsch.

FACTORY: Das klingt nach keinen rosigen Aussichten. Was für Folgen wird die Coronakrise nach sich ziehen?

Sustala: Die Pandemie ist eine relativ unbekannte Krise und zugleich ein Turbo für Veränderung. Ein Katalysator für die Arbeitswelt, der sich nicht mit früheren Krisen vergleichen lässt.

FACTORY: Was bedeutet es für die Arbeitgeber, wenn die Anforderungen die Millennials und die Krise auf sie zukommen?

Sustala: Aufgrund des Abgangs der geburtenstarken Jahrgänge werden Unternehmen aus dem Arbeitsmarktpool nicht mehr aus den Vollen schöpfen. In Verbindung mit der Krise ist es daher umso wichtiger für die Unternehmen ihre Arbeitgebermarke zu stärken. Unternehmen müssen sich Fragen stellen, wie sie auch für heutige 30-Jährige attraktiv sind . Beim 30-jährigen ist es vielleicht nicht so wichtig, dass ein zusätzlicher 100er brutto am Gehaltszettel steht, sondern die Themen persönliche Entwicklung und Ausbildung, Vereinbarkeit mit Freizeit und Familie sowie Flexibilität passen. Darauf müssen Unternehmen reagieren.

FACTORY: Die Coronakrise hat die Diskussion über Arbeitszeitverkürzung angefacht. Ist das etwas wo sich die gesetzlichen Rahmen ändern sollten und das Unternehmen von Nutzen sein kann?

Sustala: Meines Erachtens spielt Arbeitszeitverkürzung auf gesetzlicher Ebene weniger eine Rolle, aber sie kann ein großartiges Tool für Unternehmen sein, um Leute anzusprechen. Es gibt nur eine Handvoll von Unternehmen, die mit flexiblen Arbeitsmodellen durch die Gazetten geistern. Es ist in gewisser Form eine günstige Form von HR-Marketing, mit der einige tradierte Arbeitsweisen unter Druck kommen.

FACTORY: Das Praktikum im Sommer und der Start der Lehre im Herbst, beides sind klassische Einstiege in Unternehmen. Unternehmen sind hier stark auf die Bremse gestiegen. Welche Folgen wird das für den Arbeitsmarkt haben?  

Sustala: Das Praktikum, bei dem man nach drei Monaten im Unternehmen „hängen bleibt“, ist ein sehr einfacher Einstiegsweg in Unternehmen. Dasselbe gilt für Lehrstellen, die in der COVID-Krise en masse gestrichen wurden. Das sind jedoch traditionelle und sehr gut funktionierende Wege um in den Arbeitsmarkt zu kommen, doch durch soziale Distanzierungsmaßnahmen schwieriger geworden. Hier wird es Vernarbungseffekte, von denen ich eingangs gesprochen habe, geben. Sie werden die Arbeitswelt in bestimmten Branchen, wie der Dienstleistung und Gastronomie, stärker treffen als andere.

FACTORY: Und wie sieht es für jene mit einer höheren Ausbildung aus?

Sustala: Eineinhalb Generationen zuvor war eine tertiäre Ausbildung einem viel kleineren Anteil der Bevölkerung möglich. Auch wenn wir heute die höchste Tertiär-Quote in unserer Geschichte haben, ist es im europäischen Vergleich nicht ungewöhnlich hoch. Unternehmen brauchen heute Mitarbeiter mit einer höheren Ausbildung wo es früher völlig unnötig gewesen wäre. In meinem Buch zitiere ich einen Banker: „Früher haben wir viele Maturanten aufgenommen. Einfach weil im Kassier- und klassischen Buchhaltungsbereich das völlig ausreichend war. Jetzt sehen wir uns einem anderen Arbeitsmarkt gegenüber und der Maturant ist der Master von heute.“

FACTORY: Ist es gut oder schlecht, dass sich die Ansprüche an den Bildungsstand steigern?

Sustala: Bildung ist ja nicht nur dafür da, dass man einen besseren Berufseinstieg hat. Wenn man lernt und begreift und die Welt ein bisschen besser versteht, zehrt man ein Leben lang davon. Bildung macht Unternehmen und Beschäftigte resilienter, das zeigt sich auch jetzt während der Pandemie. Bildung stärkt letztendlich den Standort.

FACTORY: Wie hat sich die Resilienz der Unternehmen gezeigt?

Sustala: Unternehmen, die schon vor Februar 2020 ausprobiert haben gewisse Bereiche zu digitalisieren, konnten in der Pandemie den Hebel viel schneller umlegen. Doch wir können da von Vorbildern wie den Niederländern, Dänen und Schweizer noch mehr lernen. Dort funktioniert der Wissenstransfer von der Wissenschaft bis hin zum Fließband oft besser.

FACTORY: Wieso funktioniert der Wissenstransfer besser?

Sustala: Es gab ja gerade die Diskussion um die TU in Linz. Ich verstehe die Kritik daran, ich verstehe aber auch warum die Oberösterreichischen Betriebe so darauf pochen, dass es das Angebot gibt. Denn mit solchen Aus- und Weiterbildungsangeboten wird ein eindeutiges Signal gesetzt und Talente an den Standort gebunden. Deshalb brauchen Regionen solche verquickten Excellenz-Initiatvien. Hagenberg ist ein gutes Beispiel dafür, dass man Leute, die Top sind, anlocken kann.

FACTORY: Am anderen Ende des Erwerbslebens steht der Pensionsantritt. Wie kann man den Exit für die Generationen besser gestaltet?

Lukas Sustala: Indem man diejenigen, die können und wollen, länger im Erwerbsleben hält. Nur weil jemand in einem „pensionsfähigen Alter“ ist muss er oder sie ja nicht in Pension sein. In nordischen Ländern sehen wir beispielsweise, dass auch ältere Angestellte und Beschäftigte in der Arbeitswelt gehalten werden. Österreich hat hier viel Aufholbedarf, weil wir tendenziell den Arbeitsmarkt sehr früh verlassen, selbst wenn es gesundheitlich nicht notwendig ist.

FACTORY: Was ist falsch daran?

Sustala: Wir sind zu starr was unsere Vorstellungen von Sozialsystemen und Erwerbskarrieren angeht. Es ist sogar naiv, das Leben in starre Erwerbs- und Nicht-Erwerbsphasen einzuteilen. Andere Länder sind da weiter: Die Dänen etwa, die ihr Pensionssystem auf eine Vermischung aus betrieblicher und privater Vorsorge gesetzt haben und auch das Pensionsantrittsalter mit der Lebenserwartung anpassen. Wir müssen lernen flexibler zu werden, das gilt für Individuen und gesamtgesellschaftlich. Es hilft uns ja allen nichts, wenn wir versuchen mit Modellen von vor 30 Jahren die aktuellen Herausforderungen zu lösen.

FACTORY: Schichtarbeit und schwere Arbeitsbedingungen sind aber doch ein triftiger Grund für ein frühes Antrittsalter, oder?

Sustala: In Bereichen, die physisch belastend sind, wird ein früher Pensionsantritt natürlich notwendig sein. Aber die Zahl dieser Jobs ist in den letzten Jahren massiv gesunken. Die gesundheitliche Konstitution am Ende eines Erwerbslebens hat sich in einigen Branchen drastisch verbessert. Das liegt daran, dass wir viel besser darin geworden sind Arbeitsunfälle zu vermeiden und physisch anstrengen Arbeiten durch Maschinen und Roboter abdecken.

FACTORY: Abschließend: Kommt die nächste Generation von Erwerbsfähigen in eine komplett andere Arbeitswelt?

Sustala: Auch in den letzten 25-30 Jahren hat sich die Arbeitswelt in vielen Bereichen verändert. Diese neue Arbeitswelt ist da, aber es waren immer schon neue Arbeitswelten in die die jungen Leute gekommen sind. Die einzige Konstante ist der Wandel.

Danke für das Gespräch!

Zur Person:

Lukas Sustala, geboren 1986 in Wien, ist Ökonom und Publizist. In seinem Buch „Zu spät zur Party“ beschäftigt er sich mit einer Generation zwischen Neustart und Zukunftssorgen und stellt die Frage: Welche Chancen haben die Millennials?