Interview

Wie die Industrie die Dekarbonisierung in Angriff nehmen sollte

Es scheint so, als ob das Energieeffizienzgesetz der einzige Treiber für die Umstellung auf erneuerbare Energie in der Industrie ist. Für Christoph Brunner ist jedoch klar: Bevor weitere Gesetze beschlossen werden, muss sich der Gesetzgeber vergewissern, dass es die Technologien gibt, die die Industrie braucht. Über die Bemühungen der heimischen Industrie, dafür notwendige Rahmenbedingungen und Best Practice-Beispiele.

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AEE Co2 Brauerei Nischenchampion Energieeffizienz

Christoph Brunner ist Leiter des Bereiches Industrielle Prozesse und Energiesysteme bei der AEE - Institut für Nachhaltige Technologien. Energieeffizienz für Industriebetriebe, Solare Prozesswärme und Prozessoptimierung zählen zu seinen Arbeitsschwerpunkten.

Factory: Österreichs Klimaschutzplan sieht bis 2030 die Reduktion der Treibhausgasemissionen um 36 Prozent vor. Dafür soll unter anderem die Stromversorgung zu 100 Prozent auf erneuerbaren Quellen umgestellt werden. Allerdings verbraucht Österreich mehr Energie, als so erzeugt werden kann. Die Energieeffizienz zu steigern, ist daher ein Gebot der Stunde – auch für die heimische Industrie.

Christoph Brunner: Die Industrie ist tatsächlich unter Zugzwang. Immerhin verbraucht sie rund ein Drittel der Energie und ist für mehr als 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich.

Ist sie sich des Themas bewusst?

White Paper zum Thema

Brunner: Durchaus. Das Thema ist in den Unternehmen sehr wohl angekommen. Woran es noch ein bisschen hapert, ist die Überzeugung, dass das – abgesehen vom Klimaschutz – auch eine Chance ist, den Standort zu stärken.

© Brauunion

Nachhaltige Produktion: Die Brauerei Göss ist weltweit die erste Grüne Brauerei und produziert heute zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie. Teil der Anlage ist unter anderem eine rund 1.500 Quadratmeter große Solarthermieanlage.

Als ein Best Practice-Beispiel auf dem Weg zur nachhaltigen Produktion gilt die Brauerei Göss, die seit 2016 mit Energie, die zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammt, produziert. Sie haben den Betrieb bei dem Umstellungsprozess begleitet….

Brunner: Ja, wir waren bei der Konzeptentwicklung und der Umsetzung der Solarthermie mit dabei. Die Brauerei Göss hatte bereits 2006 die Vision, zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie zu arbeiten. Wir haben damals gemeinsam überlegt, was es braucht, um dieses Ziel zu erreichen. Unter anderem wurde eine Methode entwickelt, um den Status quo festzustellen. Es ging uns beispielsweise darum, zu erkennen, wie viel Energie für die jeweiligen Produktionsschritte benötigt wird, welche Temperaturen tatsächlich für die Produktion erforderlich sind und wo die Energie hingeht. Auf diesen Erkenntnissen basierend haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie man die Prozesse und die Gewinnung der dafür erforderlichen Energie optimieren kann.

Und wie lautete die Antwort darauf?

Brunner: Durch Veränderungen im Produktionsprozess konnte der Primärenergiebedarf verringert werden. Die jetzt benötigte Energie kommt aus verschiedenen Quellen: Rund 35 Prozent des Wärmebedarfs werden aus der Abwärme eines benachbarten Holzverarbeitungsbetriebes gedeckt. Eine neu errichtete Vergärungsanlage, in der aus Treber Biogas gewonnen wird, deckt weitere 50 Prozent. Und die Abwasserreinigungsanlage liefert ebenfalls rund zehn Prozent Biogas. In dieser werden nämlich die organischen Bestandteile des Abwassers in Biogas, vor allem in Methan, umgewandelt. Eine rund 1.500 Quadratmeter große Solarthermieanlage erzeugt darüber hinaus jene Energie, die vor allem beim Maischen verwendet wird. Damit das möglich ist, wurden eigene Wärmetauscher in die Maischebottiche eingesetzt.

Was waren in diesem Zusammenhang die größten Herausforderungen?

Brunner: Die Frage, ob technologisch alles so funktioniert, wie man es sich vorstellt – vor allem die Einbindung in den Produktionsprozess. Wie muss beispielsweise ein 200 Kubikmeter Wasserspeicher geregelt werden, damit die Energie bestmöglich zur Verfügung steht, wenn man sie braucht? Und natürlich spielen auch wirtschaftliche Überlegungen mit – Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz sind nicht immer in kurzer Zeit wirtschaftlich. Der dritte Punkt ist, dass Menschen im Betrieb für dieses Thema brennen müssen.

Diese drei Punkte sind aber allgemeingültig…

Brunner: Natürlich.

Sie meinten zuvor, das Thema Energieeffizienz ist in der Industrie angekommen. Wie sieht es mit der Umsetzung in der Praxis aus?

Brunner: Mit dem Energieeffizienzgesetz hat sich ein bisschen was getan. Aber die Dekarbonisierung der Industrie bis zum Jahr 2050 kann damit nicht erreicht werden. Dafür gibt es zu wenige Anreize. Es ist also noch genügend Potenzial vorhanden.

Wie kann man die Dekarbonisierung erreichen?

Brunner: Es gibt Roadmaps mit sehr unterschiedlichen Ansätzen dafür. Einer ist etwa die Elektrifizierung der Industrie. Studien zeigen jedoch, dass das keinen Sinn macht. Zum einen, weil gar nicht die Ressourcen dafür vorhanden sind, zum anderen, weil bei der Stromerzeugung viele Verluste entstehen. Aus Sicht der CO2-Reduktion wäre dieser Weg jedoch sinnvoll. Geo-, Solarthermie und Biogas haben ebenfalls ihre Vorteile, aber damit können nicht so hohe Temperaturen erreicht werden. Die Stahlindustrie beispielsweise kann aber nur mit hohen Temperaturen arbeiten. Daher ist eines ganz klar: Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass nur eine Energieform für industriele Produktionen eingesetzt wird. In Zukunft wird es ein Mix aus verschiedenen Quellen sein – wie es die Brauerei Göss vorzeigt.

Woran liegt es, dass die Industrie zögert, den Weg zur Dekarbonisierung zu gehen. Abgesehen von Best Practices wie Göss oder diversen Einzelmaßnahmen?

Brunner: An den Rahmenbedingungen. Die Industrie braucht Planungssicherheit. Gesetzliche Vorgaben, die sich alle paar Jahre ändern, verunsichern. Schließlich sind Maßnahmen zur Steigerung von Energieeffizienz und der Umstieg auf erneuerbare Energien meist mit hohen Investitionen verbunden. Und großem Risiko, weil es für die gesetzten Maßnahmen meist noch keine Erfahrungswerte gibt und die Technologien häufig an Kinderkrankheiten leiden. Funktioniert etwas nicht, kann sich das massiv auf die Produktion auswirken. Die Industriebetriebe werden derzeit aber vom Staat mit diesem Risiko allein gelassen. Wäre es über staatliche Förderungen oder private Finanzierungsmodelle abgefedert, würde es auch mehr Projekte geben.

Was müsste noch getan werden?

Brunner: Man müsste mehr Best Practice-Beispiele und Role Models generieren, die zeigen, dass die Maßnahmen funktionieren. Hat man Front Runner, wird Kritikern der Wind aus den Segeln genommen.

Sie haben in Zusammenhang mit den Herausforderungen auch die Technologien angesprochen

Brunner: Es gibt bereits in vielen Fällen technologische Lösungen für mehr Energieeffizienz beziehungsweise den Einsatz von erneuerbaren Energien, in manchen aber noch nicht. Letzteres ist beispielsweise bei der Speicherung der Energie bei höheren Temperaturen der Fall. Da sind dann auch die wirtschaftlichen Barrieren groß. Darüber hinaus ist es wichtig, das Bewusstsein für neue Technologien zu wecken. Da sind die Anlagenbauer ebenfalls gefordert. Und auch bei den Prozesstechnologien sind neue Entwicklungen gefragt.

Was würden Sie also einem Unternehmen, das dem Beispiel der Brauerei Göss folgen will, raten?

Brunner: Zwei Dinge sind entscheidend: Zum einen sollte man sich klar darüber werden, welches Ziel man anpeilt und ab wann. Dann sollte man einen Fahrplan für die notwendigen Umsetzungsmaßnahmen erstellen. Das ist wichtig, weil jede gesetzte Maßnahme Einfluss auf andere Maßnahmen hat.

Und was würden Sie dem Gesetzgeber ins Stammbuch schreiben?

Brunner: Derzeit gibt es keine Treiber außer dem Energieeffizienzgesetz. Bevor weitere Gesetze beschlossen werden, sollte man sich vergewissern, dass es die Technologien gibt, die die Industrie braucht, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Man darf keinesfalls mit der Brechstange an das Thema herangehen. Und natürlich muss man dabei an die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und die Absicherung des Wirtschaftsstandortes Österreich denken.

Danke für das Gespräch!