Elisabeth Biedermann ist seit 2012 Teil des WEKA Industrie Medien-Teams. Als Chefredakteurin ist sie für die inhaltliche Gestaltung der Fachmagazine Factory und technik reportagen zuständig. Ihre Spezialität liegt bei Best-Practice-Reportagen sogenannter Nischenchampions aus ganz Österreich. Nebenbei ist Biedermann auch für die Programmplanung von Factory-Events, wie der Instandhaltungskonferenz, Ersatzteiltagung und Industrierobotik verantwortlich.

Kommentar

Wie die Digitalisierung unseren Arbeitsmarkt zerlegt

Die Digitalisierung schafft Arbeitsplätze. Das Wort des digitalen Technokraten in Gottes Ohr, denn das automatisierte Damoklesschwert eines schrumpfenden Arbeitsvolumens hängt tief.

"Besteuert Daten und Maschinen - nicht die Arbeit!" Ein steiler Appell, den der Journalist Claus Hulverscheidt, in seinem Kommentar auf süddeutsche.de da an seine Leser richtet. Steil, aber richtig. Die Digitalisierung hängt wie ein Damoklesschwert über uns.  "3,4 Millionen Stellen seien allein in Deutschland bedroht" ist das Ergebnis einer kürzlichen Bitcom-Studie. Ausgerechnet der Branchenverband IT warnt davor, dass  Roboter oder Algorithmen uns die Arbeit wegnehmen. Irritiert reagierten dementsprechend der Maschinenbauverband VDMA und die Vertreter der Elektroindustrie von ZVEI. Trotzdem decken sich diese Bedenken mit einem Papier des Weltwirtschaftsforums (WEF). Hier gelten vor allem Frauen als Jobopfer der Digitalisierung. Von den 1,4 Mio. Jobs, die bis 2024 allein in den USA vom digitalen Wandel der Arbeitswelt bedroht würden, werde die Mehrheit (57 Prozent) von Frauen ausgeübt. Bedroht sei weniger der Job des männlichen Schichtarbeiters als vielmehr der von Sekretärinnen und Verwaltungsangestellten.

Hoffnungsschimmer: Digitalisierung schafft Arbeitsplätze

Das deckt sich wiederum mit einer Studie von Deloitte, die zu dem Ergebnis kommt, dass jedes zweite Unternehmen eine verstärkte Automatisierung durch Roboter plant. Freilich ist das für die Industrie nicht neu. Aber Deloitte spricht, ähnlich wie Bitcom nicht primär von automatisierten Fertigungsstraßen, vielmehr von automatisierten Arbeitsprozessen. Soll heißen: Unternehmen setzen immer mehr auf robotergesteuerte Prozesse. Und das trifft Bereiche wie Rechnungswesen, Banken, Steuerberater. Geht es also dem Buchhalter jetzt auch an den Kragen? "Mag sein. Aber das war mit mit dem "Fräulein vom Amt" früher auch schon so. Dafür sind andere Jobs dazugekommen." Das Wort des digitalen Technokraten in Gottes Ohr.

Studien über Studien

Im Juli 2017, ein heimischer Hoffnungsschimmer: Digitalisierung schafft auch Arbeitsplätze. Wieder eine Studie. Dieses Mal von unserem Bundesministerium. Untersucht wurde der Zeitraum 1995 bis 2015. Demnach sind in den stark bis sehr stark digitalisierten Branchen 390.000 Arbeitsplätze hinzugekommen und 75.000 Arbeitsplätze weggefallen. In den mäßig bis wenig digitalisierten Branchen sind hingegen zwar 189.000 Arbeitsplätze dazugekommen, aber 280.000 weggefallen. Ein guter Schnitt? Schwierig. Denn der digitale Wandel und seine Auswirkungen sind heute viel zu schnell, als das solche Studien als Entwarnung verstanden werden sollten. Immerhin gibt es mittlerweile sogar schon Tools, wo sich testen lässt, zu wie viel Prozent man bereits durch eine Maschine ersetzbar ist.

White Paper zum Thema

Die Idee der 30-Stunden-Woche

Aus jedem wegrationalisierten Industriearbeiter oder Bankangestellten werde also nicht so schnell einen Programmierer werden. Wovor der deutsche Professor Heinz-Josef Bontrup warnt ist, dass technologische Veränderungen heute viel schneller vonstattengehen, als Regierungsapparate Reformen stemmen können. Bontrup fordert deshalb schon lange eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Utopisch? Verrückt? Wenn durch Maschinen unser Arbeitsvolumen schrumpft, weil Roboter nunmal produktiver sind, eigentlich nicht. 

Milliardengeschäft mit geschenkten Daten 

Eine andere mögliche Lösung: Daten. Industrie 4.0 bedeutet den massiven Einsatz von Software zur vollautomatischen Steuerung und Vernetzung von Maschinen, klar. Das Wertvollste dabei? Richtig, Daten. Es ist längst eine Milliardenindustrie, die Daten sammelt, aufbereitet, nutzt und verkauft. Die Ironie, Staaten fallen hier durch den Rost. Ausgerechnet im Datendorado verdienen sie nicht mit. Wie das? Einerseits, weil trotz aller Reformen unser Steuersystem auf dem Wirtschaftsbild des 19. Jahrhunderts basiert. Belastet werden vor allem unser Einkommen, Gewinne und Umsätze. Andererseits, weil wir den großen Internetkonzernen unsere Daten de facto schenken. Im Gegenzug gibt es gratis Apps und Dienste. 80 Dollar seien unsere persönlichen Daten pro Monat wert. Dass diese Schätzungen wohl noch untertrieben sein könnten, zeigte Microsoft. Für den Kauf der Netzwerkplattform Linkedin legte der IT-Konzern 26,2 Milliarden Dollar hin. Der größte Kauf in der Geschichte von Microsoft.

Datentransfers besteuern

Wenn uns also die Arbeit ausgeht, wird der Staat um neue Versorgungsformen wie das Grundeinkommen nicht drum herum kommen. Soviel steht fest.  Aber wie finanzieren? Eine Debatte, die bitte nicht mit einer zusätzlichen Besteuerung unseres Einkommens enden darf. Aber - und das zeigten hitzige Diskussionen zwischen Gewerkschaft und Industrie - wohl auch nicht allein zulasten der Roboter gehen darf. Warum also nicht vom Datendorado anderer etwas abzapfen? In seinem Kommentar schlägt Claus Hulverscheidt vor, künftig Datentransfers zu besteuern. Genauso erwägt der Süddeutsche-Journalist eine Steuer auf Frachtwege, die die Preise online bestellter Waren erhöhen und so wiederum der lokalen Wirtschaft helfen würden. Nette Ideen, welche leider derzeit auf einen mangelnden staatlichen Veränderungswillen treffen. Schuld daran ist unserer andauernd gute Konjunktur. Aber das bleibt nicht für immer so. (eb)

Der Kommentar von Claus Hulverscheidt: "Besteuert Daten und Maschinen - nicht die Arbeit!"

Der Beitrag im Spiegel: Weltwirtschaftsforum: Industrie 4.0 gefährdet Jobs von Frauen

Die Studie von Deloitte: Jedes zweite Unternehmen plant verstärkte Automatisierung durch Roboter.

Der Beitrag über die Bitcom-Studie auf faz.net: Digitalisierung kostet 3,4 Mio. Stellen