Wie der Kärntner Lohnfertiger Filli Stahl Industrie 4.0 zu seinen Kunden bringt

Mit zwei Prototypen einer Rohrlasermaschine, die 3D-Modelle selbstständig in Fertigungspläne übersetzen können, versucht Filli Stahl eine andere Art von Geschäftsmodell. Wie die Kärntner damit Industrie 4.0 zum Kunden bringen wollen.

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Industrie 4.0 Filli Stahl Trumpf Metallbearbeitung

Denken in neuen Geschäftsmodellen: Prokurist Joachim Augustin (li.) und Servicecenter-Leiter Meinhard Novak vor der neuen Rohrlasermaschine, mit der bei Filli Stahl seit Jahresbeginn gearbeitet wird.

 

Die Industrie 4.0 ist ein Mysterium: Jeder will sie, doch die wenigsten wissen, wie sie es angehen sollen. Genau der richtige Zeitpunkt, um als Zulieferer den Takt vorzugeben. So macht es das Klagenfurter Unternehmen Filli Stahl: Seit es vor zwanzig Jahren die Entscheidung traf, neben dem Stahlhandel auch in die Laserbearbeitung einzusteigen, wurde stets versucht, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Prokurist Joachim Augustin beschreibt es so: „Gleichschritt ist Rückschritt. Wir wollen uns immer weiter entwickeln.“ Zunächst gelang das durch präzise Laserarbeiten, doch die Billigkonkurrenz im Ausland liefert mittlerweile Laserarbeiten zu einem Preis, bei dem die Kärntner nicht mehr mithalten können. Zeit den Weg zu ändern. Oder im Fall von Filli Stahl: Den Weg zu vertiefen. Denn heute übernehmen die Kärntner nicht nur Präzisions-Laserarbeiten, sie haben ein neues Geschäftsmodell, das sie intern gerne als  „Industrie 4.0 zum Outsourcen“ bezeichnen.  

Der Deal mit den Prototypen

Insgesamt 1,5 Millionen Euro haben die Kärntner zu Jahresbeginn in neue Rohrlasermaschinen investiert. Genauer gesagt in zwei Prototypen von Trumpf. Die „Tube 7000“  fertigen nicht nur mit einem Hüllkreis von bis zu 254 Millimetern und Schrägschnitt, sondern – und hier liegt der Clue – „können komplexe 3D-Modelle selbstständig in Werkpläne ‚übersetzen’ und verarbeiten“, erklärt Meinhard Novak. Für den Leiter des Filli-Servicecenter, sind diese Maschinen etwas Rares, denn bisher mussten Metallbearbeiter die Werkpläne aus den Plänen von Konstrukteuren zeichnen. „Unsere neuen Maschinen füttern wir sozusagen mit dem 3D-Modell des Konstrukteurs und die fertigen Einzelteile fallen hinten heraus“, so Novak. Der Schrägschnitt von Rohren, U-Profilen oder Faltstegrohren ist mit ihnen ebenso möglich wie das Bohren von Löchern und anschließende Gewindefräsen. „Dafür hat man bisher zumindest zwei verschiedene Anlagen benötigt“, so Novak. Dass übrigens gleich in zwei Anlagen investiert wurde, hat mit der gewünschten Zuverlässigkeit von Filli Stahl zu tun: „Pünktliches Liefern ist für unsere Kunden entscheidend. Wenn eine Anlage gewartet oder repariert werden muss, können wir nicht sagen, dass sich die Lieferung verzögert – dann stehen die Fließbänder still. Deshalb haben wir gleich zwei Anlagen genommen.“ Und der Deal mit Trumpf? Feedback. Indem Filli Stahl Trumpf an den Produktionsdaten der Maschine teilhaben lässt, erhalten diese alle nötigen Informationen für weitere Entwicklungen.

Abläufe verändern

Mit den Maschinen alleine, wäre aber das Outsourcing 4.0-Projekt nicht getan. Die Herausforderung ist, dies den Kunden anhand neuer Geschäftsmodelle zu vermitteln. Und das ist eine – wie es die Kärntner nennen, „abstrakte Krux.“ Natürlich, es können unter anderem Teile mit einer Rohmateriallänge von bis zu 6,5 Metern Länge bearbeitet werden – wie beispielsweise U-, I- und L-Profile. Aber der ganz große Vorteil „liegt in der Veränderung der Abläufe und Strukturen“, so Augustin. Arbeitsschritte, die bisher von den Kunden selbst durchgeführt wurden, können nun günstiger und schneller direkt bei Filli Stahl abgewickelt werden. Und da fällt nicht nur das langwierige Pläne-Umzeichnen weg, „es müssen keine Gewinde mehr gefräst werden und keine Teile mehr selbst angefertigt werden.“

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Kunden digital fit machen

Das in die Köpfe der Kunden zu bekommen, ist nicht leicht. Deswegen setzten die Kärntner derzeit ganz stark auf Kundenkontakt und gehen in die Betriebe. Beim gemeinsamen Marsch durch die Produktionshallen werden dann Optionen besprochen. Entscheidend ist dabei, wie Augustin weiß, meist der Kostenfaktor: „Wir gehen deshalb vor allem auf die Frage ein, was wir günstiger produzieren können. Und natürlich darauf, welche neuen Möglichkeiten wir bieten können.“ Damit ist es für die Berater von Filli Stahl aber noch nicht getan. Steigt der Kunde auf das Angebot ein, gilt es als nächsten Schritt, ihn „fit für die Digitalisierung“ zu machen. Denn es verändern sich sowohl Abläufe und die Art, wie Pläne angeliefert werden sollen. Und da helfen die Kärnter bei Fragen, „wie z.B. lasergerecht gezeichnet werden muss“, so Novak. Dieses Know-how weitergeben zu können, ist ein Vorteil, womit die Kärntner am Markt punkten wollen.

Know-how der Mitarbeiter

Erfahrungswerte hat das Unternehmen dafür in den vergangenen 20 Jahren reichlich gesammelt: Seit 1997 wird mit Laserzuschnitt gearbeitet, die Fluktuation unter den Mitarbeitern ist gering. So bezeichnet Novak das Know-how seiner Mitarbeiter auch als einen der größten Vorteile: „Hätten wir dieses Know-how nicht, wäre das Handling der neuen Maschinen sehr schwierig geworden. Würde man Mitarbeiter ohne langjähriger Erfahrung auf den neuen Anlagen einschulen, wäre das als würde man einen Führerschein-Neuling in ein Formel-1-Auto setzen.“

Was Sie schon meistern: Wandlungsfähigkeit. Indem Filli Stahl seine Produktionsabläufe überdenkt, bringen die Kärntner Industrie 4.0 zum Kunden.

Womit Sie noch kämpfen: Mit der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Da es den Beruf des Laserschweißers nicht gibt, werden Schlosser mit CNC-Kenntnissen angelernt.