Arbeitsmarkt

Wie Betriebsräte auf die Digitalisierung reagieren sollten

Viele Betriebe bekennen sich zwar auf dem Papier dazu, die Mitarbeiter bei der Gestaltung der Digitalisierung mitwirken zu lassen. In der Praxis sieht es aber anders aus. Sechs Thesen von Arbeitsforscher Martin Kuhlmann.

Digitalisierung Arbeiterkammer Universität Göttingen Produktion

Arbeitsforscher Kuhlmann zu Digitalisierung und Industrie 4.0: Betriebsräte sollten Mitbestimmungsmöglichkeiten nutzen.

 "Die neuen digitalen Systeme sind gestaltbar. Und viele Betriebe bekennen sich auch auf dem Papier dazu, die Mitarbeiter bei der Gestaltung der Digitalisierung mitwirken zu lassen. Aber in der Praxis gibt es vielfach keine Beteiligung an diesen Prozessen“, stellte der Arbeitsforscher Martin Kuhlmann von der Universität Göttingen fest. Er forderte Betriebsräte dazu auf, sich bei der Gestaltung der neuen Arbeitsprozesse in einer Art „Konfliktpartnerschaft“ aktiv einzubringen.

Martin Kuhlmann, er ist auch Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des neuen Institutes für Arbeitsforschung an der JKU Linz, stellte bei der Vollversammlung die vielen Facetten von Digitalisierung und Industrie 4.0 vor, die er zu vier Themenbereichen zusammenfasste: Vernetzung von Maschinen, Menschen, Produkten und Dingen, ein Schub neuer Technologien, forcierte Automatisierung und neue Geschäftsmodelle. Obwohl Industrie 4.0 in aller Munde sei und einzelne Technologien bereits angewendet werden, herrsche nach Ansicht von Kuhlmann bei Praktikern wie etwa Geschäftsführern oder Produktionsleitern eine erhebliche Skepsis gegenüber dem Hype rund um dieses Thema.

Kuhlmann stellte den Kammerräten sechs Thesen vor, was die Arbeitsforschung derzeit über die Entwicklung der Digitalisierung sagen kann:

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  • Digitalisierung ist vielfältig

    Es gibt nicht die Digitalisierung, sondern sie wirkt in verschiedenen Branchen unterschiedlich. Im Pflegebereich ist sie anders vorzufinden als an Montagebändern in der Automobilindustrie. Es gibt aber eine Gemeinsamkeit: Digitalisierung ist gestaltbar, denn sie ist nach Ansicht Kuhlmanns eine evolutionäre und keine disruptive (störende) Entwicklung.

  • Digitalisierung wird Beschäftigung verändern

    Eine Beschäftigungsprognose für die Zukunft ist schwierig, aber Automatisierung und Digitalisierung führen nicht automatisch zu Arbeitsplatzverlust. Die Jobs werden sich eher zu den Dienstleistungen verschieben, auch wenn es weiterhin manuelle Arbeitsplätze in der Produktion geben werde.

  • Beteiligung bei der Systemgestaltung ist wichtig

    Die Akzeptanz von neuen Technologien hängt entscheidend von einer frühzeitigen Einbindung der Mitarbeiter/-innen ab. Betriebsräten und Führungskräften kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.

  • Prozesstransparenz muss gestaltet werden

    Neue technologische Systeme führen zu einer erhöhten Transparenz und zu größeren Datenmengen. Das muss mit Daten- und Persönlichkeitsschutz in Einklang gebracht werden. „Hier gibt es großen Diskussions- und Regelungsbedarf“, so Kuhlmann.

  • Arbeiten und Lernen müssen Hand in Hand gehen

    Die künftige Qualifizierung der Beschäftigten ist eine große Herausforderung. „Es braucht natürlich mehr als IT-Kenntnisse und lebenslanges Lernen“, sagt Dr. Kuhlmann. „Es braucht vor allem ein lernförderliches Arbeitsklima. Das heißt: Lernen muss am Arbeitsplatz möglich sein und darf nicht von den Betrieben in die Freizeit verlagert werden.“

  • Ernst machen mit Mitgestaltung im Betrieb

    Betriebliche Interessenvertretungen stehen mit der Digitalisierung vor neuen Herausforderungen und Problemen. „Betriebsräte müssen sich aktiv an der Gestaltung der Digitalisierung beteiligen und ihre Mitwirkungsmöglichkeiten nutzen“, sagt Kuhlmann. Als geeignetes Modell schlägt er eine „Konfliktpartnerschaft“ nach der Methode „Boxing & Dancing“ (sinngemäß Kämpfen und Kooperieren) vor.