Virtuelle Veranstaltungen

Wenn die Ausnahme zum Usus wird – erste Bilanz zum Erfolg digitaler Events

Was halten Branchenexperten von digitalen Event-Formaten, wo sehen sie Verbesserungsbedarf und welche Maßnahmen, Tools und Konzepte haben sie im Hinblick auf Marktbearbeitung und Kundenbetreuung für sich als die richtigen identifiziert, um gut durch die Pandemie zu kommen?

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Nach einem Jahr ist der Ausnahmezustand zum Usus geworden und digitale Events gehören damit für viele zum Berufsalltag. Das trifft auch auf virtuelle Messeformate zu, deren Veranstalter sich redlich bemühen, ihren Besuchern Branchentreffs zu ermöglichen, die diese Bezeichnung verdienen. Ob ihnen das nun gelingt oder nicht, darin scheiden sich die Geister. 

Live geht nicht virtuell

„Die Idee aufgrund der aktuellen Situation Messen in den virtuellen Raum zu verlegen, ist grundsätzlich zu begrüßen, jedoch präsentiert sich die Umsetzung als ausbaufähig“, sagt Sabine Brožek, Marketing Assistant bei Murrelektronik. Mit dieser Einschätzung ist sie nicht allein. Vor allem der Aufbau und Ablauf der virtuellen Formate wird von Branchenkennern kritisiert, Live-Events lassen sich schließlich nicht 1:1 in eine virtuelle Form gießen. „Man muss sich – auch als Messebetreiber - darauf einstellen, dass ein digitaler Messebesucher über andere Zeitkapazitäten verfügt, als ein Besucher einer Messe vor Ort. Der Besucher einer virtuellen Messe sitzt im Büro oder befindet sich im Homeoffice und ist daher einerseits nicht zu 100 Prozent auf die Messe fokussiert und hat andererseits auch nur einen eingeschränkten Zeitraum für eine Teilnahme zur Verfügung“, sagt Brožek weiter. Dem pflichtet Karin Klingseis, Team Leader Marcom bei Congatec, bei: „Die beste Erfahrung haben wir mit einer ‚virtuellen Messe‘ gemacht, die nicht wie eine Live Messe aufgebaut ist. Hier wurden über mehrere Tage Vorträge angeboten und die Teilnehmer haben an den jeweiligen teilgenommen.“ Und auch Andreas Mangler, Director Strategic Marketing bei Rutronik, schlägt mit seiner Antwort in dieselbe Kerbe: „In der Realität ist es interessant und auch inspirierend durch aufwendige Messestände zu schlendern. Online führt das Interessierte in die Irre.“ Er wünscht sich mehr Nutzerfreundlichkeit und plädiert für eine starke Online-Strategie. „Die ständige Verfügbarkeit von Informationen, Veranstaltungen und auch die quasi endlose Interaktion auf sozialen Plattformen können ohne Ziel und Fokussierung regelrecht überwältigend werden“, so Mangler.

Die Vorteile der Digitalisierung nutzen

Kennen Sie das Sprichwort „selten ist ein Schaden ohne Nutzen“? Das ließe sich auch auf die aktuelle Situation umlegen. Denn mit der Pandemie hat auch die Digitalisierung verstärkt Einzug in die Unternehmen gehalten und daraus ergeben sich einige Vorteile in Bezug auf digitale Events. „Natürlich kann eine virtuelle Messe nicht den persönlichen Kontakt ersetzen. Virtuelle Meetings sind fokussierter und werden stringenter abgewickelt, Vertrauen baut man aber nur über persönliche Kontakte auf. Was jedoch unserer Meinung nach gut funktioniert hat, war die konkrete Suchfunktion von Teilnehmern in der virtuellen Plattform (Matchmaking) um passende Leads zu finden. Das ist natürlich virtuell effektiver als auf der ‚Live-Messe‘ viele Leute quasi ‚wahllos‘ anzusprechen“, sagt Andrea Renezeder, sie ist bei Ginzinger Electronic Systems für PR und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. 

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Eigenes digitales Angebot ausbauen

Rutronik will mit eigenen „TechTalks“ ein interessiertes, wenn auch kleineres Publikum ansprechen: „Vielleicht sind nicht 500 Personen im digitalen Forum dabei, sondern ‚nur‘ 50, aber diese sind möglicherweise zu 100 Prozent neue Kunden. Entsprechend werden wir zusätzlich zu den klassischen virtuellen Messeprofilen auf unsere eigenen TechTalk-Sessions setzen“, sagt Andreas Mangler. Thomas Lutzky, Geschäftsführer von Phoenix Contact, verfolgt eine ähnliche Strategie: „Unsere Kunden und wir haben erkannt, wie nutzenstiftend und kostensparend es ist, Fachexperten aus anderen Ländern in hybride oder reine Online-Termine miteinzubinden. Auch künftig werden daher solche Meetings Bestand haben.“ Zudem veranstaltet Phoenix Contact eigene Events, die sogenannten „Phoenix Contact Dialog Days“, eine Kombination aus Konferenz und virtueller Messe. „Wir erreichen damit tausende Kunden auf der ganzen Welt und können alle unsere Themen transportieren“, sagt Lutzky. Ergänzend dazu soll der Online-Auftritt, also Website, e-Shop und der Social Media Bereich, gestärkt werden. Das ist auch bei Congatec der Plan, wo eine eigene Webinar-Seite sowie ein virtueller Messestand auf der eigenen Homepage implementiert werden.

Dann kommt der Berg eben zum Propheten

Emil Schmid, Murrelektronik, Sonnenbühl © Pressefotografie Alexander Beche

Der Murrelektronik Solution Van auf Tour

Murrelektronik setzt hingegen auf ein analoges Konzept, um nah bei seinen Kunden zu sein: den Murrelektronik Solution Van. „Der Vorteil für unsere Kunden liegt auf der Hand: Murrelektronik live – direkt vor Ort - in erstklassiger Messequalität. Unser Murrelektronik Van ist perfekt ausgestattet mit Touchscreens, elektronischen Funktionstafeln und Musterkomponenten. Murrelektronik-Fachexperten informieren über den aktuellen Stand in der Automatisierungstechnik und zeigen attraktiven Produkte, Lösungen und Konzepte auf“, Wir freuen uns daher, im Herbst 2021 wieder mit unserem Solution Van unterwegs zu sein und unseren Kunden, neue Möglichkeiten in der Maschinen- und Anlageninstallation zu eröffnen“, sagt Sabine Brožek.