Elisabeth Biedermann ist seit 2012 Teil des WEKA Industrie Medien-Teams. Als Chefredakteurin ist sie für die inhaltliche Gestaltung der Fachmagazine Factory und technik reportagen zuständig. Ihre Spezialität liegt bei Best-Practice-Reportagen sogenannter Nischenchampions aus ganz Österreich. Nebenbei ist Biedermann auch für die Programmplanung von Factory-Events wie der Instandhaltungskonferenz, Ersatzteiltagung und Industrieroboter@Work verantwortlich.

Kommentar

Warum wir uns den Jobkiller Roboter nicht schönreden können

Egal wie sehr es hiesige Automatisierungsverfechter bestreiten, Roboter vernichten Jobs. Als Alternative zur Maschinensteuer präsentierte nun die UN ein neues Lohnmodell. Es könnte einen echten Ausweg aus der Arbeitsmarkt-Misere bedeuten.

Produktivitätsboost Roboter: Unctad schlägt neues Lohnmodell vor, worin Mitarbeiter nach der Rentabilität ihres Unternehmens bezahlt werden. 

"Entschuldigung, aber ich sagte: Wir sind gekommen, um zu bleiben." Der Song der deutschen Band "Wir sind Helden" beschreibt es wohl am besten: Roboter sind gekommen, um zu bleiben. Und als anpassungsfähiges Wesen, das dem "darwinistischen Selektionismus" trotzt, sollte es uns doch möglich sein im Einklang mit unseren maschinellen Eigenkreationen zu leben? Anscheinend nicht. Denn schon wieder warnt eine Studie, präsentiert auf der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) vor dem "Jobkiller" Roboter. Zu Recht? Ja -  denn egal, wie es Automatisierungsverfechter drehen, Maschinen lassen gewisse Jobs verschwinden. Und das nicht in zehn Jahren, sondern schon heute: Autonome LKWs, Supermärkte ohne Personal, vollautomatische Platinenbestücker in der Elektronikindustrie, Roboter, die schweißen und schleifen - die List kann endlos weitergehen. Freilich nicht nur negativ: Indem er einem Roboter das Schleifen beibrachte, holte ein kleiner Lohnfertiger aus Traun, die nach Ungarn ausgelagerte Wertschöpfung zurück nach Österreich.

Roboter vernichten Arbeitsplätze und benachteiligen Beschäftigte in Firmen, hieß es in der heutigen UN-Konferenz. Klingt harsch? Ist aber so. Und wer es immer noch nicht glaubt, blickt bitte nach China. Geht es um den Absatz von Robotern, bricht die Volksrepublik derzeit alle Rekorde.  Wohl auch, um die Schäden, der kürzlich aufgegebenen Ein-Kind-Politik zu kompensieren. Unter dem demografischen Wandel leidet China mittlerweile stärker als Europa. Das Land der Mitte sucht Nachwuchs für seine Fabriken und findet ihn in Robotern. Eine Ironie. 

Roboter erhöhen die Produktivität eines Unternehmens

Dass Maschinen Fertigungen effizienter und produktiver machen, ist klar. Dass die Gewinne, so warnt die UN-Konferenz weiter, noch stärker Unternehmern statt Mitarbeitern zu Gute kommen könnten, wohl leider auch. Auch hiesiger Verein für Industrie 4.0, die "Plattform Industrie 4.0" gab eine derartige Beschäftigungsstudie in Auftrag. „Beschäftigung und Industrie 4.0“ wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit) vom Austrian Institute of Technology (AIT), dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) und Fraunhofer Austria Research durchgeführt. Sie identifiziert acht Schlüsselfaktoren für die Digitalisierung der Industrie, die Einfluss auf die Zukunft der Arbeitsplätze bis 2030 haben. Fazit: Die fortschreitende Digitalisierung führt zwar einerseits zu einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität, hat aber andererseits Auswirkungen auf die Beschäftigung. Maschinen werden künftig immer mehr einfache, manuelle Routinefähigkeiten verrichten. 

White Paper zum Thema

Industrie 4.0-Studien gehen alle von einem Wegfall von Jobs aus

Alle bis dato existierenden Studien, die versuchen das gesamtwirtschaftliche Potenzial von Industrie 4.0 zu erfassen, gehen davon aus, dass Industrie 4.0 wachstumsfördernd wirken wird. Europa wird dadurch seinen Wertschöpfungsanteil der industriellen Produktion bedeutend erhöhen können (Roland Berger 2014, McKinesy 2013, PwC 2014). Es werden sogar Effizienzsteigerungen in den Branchen Maschinen- und Anlagenbau, Automobilindustrie und IKT Branche von bis zu 30 % erwartet. (Bitkom und IAO 2015). Den bitteren Beigeschmack liefern Studien zu Arbeitsmarkteffekten. Und hier greift das Rationalisierungspotenzial der Digitalisierung voll durch. Überall scheinen eher negative Beschäftigungswirkungen auf. Alle Studien, die sich auf Beschäftigungsprognosen einlassen und auch die, die das nicht tun, sehen einen Wegfall von Jobs.

Echte Alternative zur Robotersteuer?

Aber zurück zur UN-Konferenz: Diese schlägt in die Kerbe der Arbeitsproduktivität und plädiert in ihrem Investitionsbericht 2017 für ein neues Modell der Entlohnung von Mitarbeitern. Und jetzt wird es spannend: "Verhindert werden müsse, dass die erwirtschaftete Rendite vor allem bei den Roboterentwicklern und -besitzern lande", heißt es darin. Eine Option wäre also künftig Mitarbeiter nach der Rentabilität ihres Unternehmens zu bezahlen. Macht ein Unternehmen also hohe Gewinne, verdienen die Angestellten mit. So bekämen Mitarbeiter einen Großteil ihres Einkommens aus der Teilhabe am Kapital, nicht aus ihrer Arbeit. Ein zweischneidiges Schwert? Nicht unbedingt. Vielleicht erstmals eine kluge Alternative zur Robotersteuer, die hoffentlich auch hiesige Politiker erreicht. Denn seit fast 40 Jahren wird beim Thema Maschinensteuer bzw Wertschöpfungsabgabe lieber auf Blockieren statt Eruieren gesetzt.

Dem Wahlherbst sei dank liegt dieses Thema derzeit auf Eis. Auch eine SPÖ wird sich so kurz vor der Wahl hüten, diese Kontroverse noch einmal zum Thema zu machen. Hingegen die USA tun dies sehr wohl. Erst kürzlich erschienen Meldungen, wonach San Francisco darüber nachdenke, die Einnahmen aus einer Robotersteuer für Weiterbildungsmaßnahmen zu verwenden. Diese sollen dann eben jenen Menschen helfen, die ihren Job durch eine Maschine verloren haben. Ob Maschinensteuer, Wertschöpfungsabgabe, neues Lohnmodell: Auch unser politischer Vogelstrauß wird bald den Kopf aus dem Sand ziehen müssen, denn wie gesagt, Roboter sind gekommen, um zu bleiben. (eb)

https://www.youtube.com/watch?v=eVkC47zKQWc Wir sind gekommen, um zu bleiben.