Digitalisierung

Warum Sandvik Coromant seinen Mitarbeitern Chips implantiert

Der schwedische Zerspanungsspezialist Sandvik Coromant hebt die Digitalisierung auf das nächste Level und lässt seinen Mitarbeitern NFC-Chips einpflanzen. Damit lassen sich nicht nur Türen öffnen, sondern auch Maschinen starten.

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Schwedische Leichtigkeit: Claes Nord, Senior Visitor Experience Specialist, war einer der fünf Pilot-Mitarbeiter, der sich einen Chip implantieren lies. Sein Fazit: Nur Vorteile. 

Claes Nord besitzt eine Offenheit gegenüber neuen Technologien, die andere wohl als leichtsinnig interpretieren würden. Der Senior Visitor Experience Specialist, zu deutsch Kundenberater, ist seit elf Jahren beim schwedischen Werkzeug- und Zerspanungspezialisten Sandvik Coromant beschäftigt. Dass der gebürtige Schwede für das Thema Digitalisierung geradezu brennt, zeigt er beeindruckend am Stand von Microsoft auf der Hannover Messe 2019. Sandvik ist dort einer von vielen Use Cases, die mithilfe der Cloud-Infrastruktur Azure die Digitalisierung in ihren Werkshallen realisieren. Dass die Schweden ihre Maschinen bereits seit Jahren zentral vernetzen und vorausschauende Instandhaltung betreiben, ist bekannt. Weit weniger bekannt ist aber, dass sie die Digitalisierung bereits auf das nächste Level heben. Claes Nord ist einer von fünf Angestellten, die sich vor einem Jahr einen Reiskorn-großen NFC-Chip in die Hand implantieren ließen - freiwillig wohl gemerkt. Er kann damit nicht nur Türen öffnen, sondern auch Maschinendaten abrufen. Ein Pilotprojekt, das Skeptiker wie Euphoriker gleichermaßen auf das Tablett holt. 

Pilotprojekt bei Sandvik Coromant

Ein kurzer Stich und schon ist der Zinnober vorbei. Das Implantieren des NFC-Chips war für Claes Nord "keine große Sache", wie er sagt, "und es macht mein Leben viel entspannter." Privat wie beruflich. Eine Offenheit gegenüber einer neuen Technologie, die wohl in der Natur der Skandinavier liegen dürfte. Denn in Schweden besitzen bereits jetzt rund 5.000 Bürger einen RFID-Chip unter der Haut. Damit bezahlen sie Eintrittskarten zu Konzerten, können Zugtickets kaufen und die Fitnessclub-Gebühr abbuchen lassen. Sandvik Coromant geht noch einen Schritt weiter. In einem Pilotprojekt mit Biohax, ein schwedischen Anbieter von Implantaten, will jetzt der Zerspanungsspezialist  fünf Mitarbeitern mit bereits implantierten Chips nutzen, um zu sehen, was denn alles möglich wäre. Diese Chips basieren auf der sogenannten Nahfeldkommunikation, eine auf RFID basierender Übertragungsstandard zum kontaktlosen Austausch von Daten per elektromagnetischer Induktion.  

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Nur die Größe eines Reiskorns: So in etwa sieht der Microchip aus, der den Mitarbeitern bei Sandvik implantiert wurde. 

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Mit dem Chip Maschinendaten abrufen

Für Claes Nord heißt das, nicht nur die Tür zu seinem Unternehmen kontaktlos zu öffnen. "Ich kann damit Maschinendaten in Echtzeit abrufen", so Nord. Und demonstriert das gegenüber FACTORY eindrucksvoll auf der Hannover Messe. Das Smartphone wird an den Chip gehalten und prompt hat der Schwede alle wichtigen Informationen zu seiner Maschine am mobilen Endgerät. "Condition Monitoring immer und überall ohne komplizierte Code-Eingabe", so der Schwede. Ein reizvoller Gedanke, gerade beim Thema der vorausschauenden Instandhaltung. Vor Ort kann er damit übrigens sogar Maschinen starten. Auf die Frage, ob sich damit Maschinen auch steuern lassen, sagt Nord: "Noch nicht, aber das wär doch eine super Ergänzung." 

Echtzeit-Tracking der Mitarbeiter nicht möglich

Natürlich kann nicht jeder mit einem NFC-Chip gleich viel. Jeder der fünf Sandvik-Mitarbeiter wurde für spezielle Daten autorisiert. Ein Echtzeit-Tracking und sonstiger Datentransfer ist übrigens nicht möglich. Das garantiert Sandvik Coromant seinen Mitarbeitern. Eine weitere Sicherheit sei, dass nicht jeder Fremde Daten ablesen kann. "Nur wer den Chip mit dem Smartphone berührt, erhält auch Daten", so Nord. "Das erweckt den Chip quasi erst zum Leben." Auch sein Mittagessen bezahlt der Schwede per Chip. Einmal implantiert hält das Implantat ein Leben lang. Nord besitzt keine Visitenkarten mehr. Er transferiert seine Daten via Chip. So auch auf der Hannover Messe: Indem Factory-Chefredakteurin Elisabeth Biedermann "Airdrop" am iPhone aktivierte, konnte sie sich sofort via LinkedIn mit Nord vernetzen. Das Pilotprojekt findet bei den Sandvik-Mitarbeitern mittlerweile so viel Anklang, dass ein Roll-Out bereits Ende des Jahres folgen soll. 

Ist das unsere Zukunft?

Das Land, das Unternehmen wie Skype, Spotify und den Sofort-Bezahldienst Klarna ins Leben gerufen hat, ist heuer Partnerland der Hannover Messe. Das Leitthema der Messe ist "Industrial Intelligence". Zeigt also das Chipimplantat von Sandvik Coromant, wo die Zukunft der Instandhaltung, unserer Gesellschaft liegt? "Imagination is your only limitation in life", sagt Claes Nord dazu. Was im übertragenen Sinn soviel heißt wie "Nur deine fehlende Vorstellungskraft kann dich im Leben einschränken." (eb)

Einen Kommentar zum Thema "Chip-Implantat: Würden Sie es wagen?" von Chefredakteurin Elisabeth Biedermann lesen Sie hier. 

https://www.youtube.com/watch?v=X9EcdjDsNiM Galileo-Beitrag: Mensch oder Cyborg? Mikrochips unter der Haut 

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