Außenwirtschaft

Warum die Industrie nach Afrika blickt

Unbemerkt und oft unterschätzt: Afrika mausert sich immer mehr zu einem Kontinent auf der industriellen und innovativen Überholspur. Welche Unternehmen davon schon Wind bekommen haben und was den Kontinent besonders macht.

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Aufstrebende Industrie: Das afrikanische Bruttoinlandsprodukt ist in den letzten 10 Jahren um 30 % gewachsen.

Afrika hat viel zu bieten. Rohstoffvorkommen, Wirtschaftswachstum und die voranschreitende Industrialisierung bieten Unternehmen Marktchancen. Außerdem kann man von der afrikanischen Startup-Szene viel lernen. Viele junge afrikanische Unternehmen haben bei der Problemlösung keine Berührungsängste mit neuen Technologien und dem entwickeln neuer Wege. Ein Kontinent im Aufschwung, der viel zu bieten hat.

Startup-Spirit mit Wagemut und neuen Technologien

Der Zukunftsoptimismus in Nairobi, Südafrika und Kenia ist groß. Start-ups sprießen. Altbewährtes wird hinterfragt und Geschäftslogiken, die in Europa und den USA für unumstößlich gelten, werden übersprungen. Afrika strotzt vor Potenzial. Die Geschwindigkeit, mit der sich Demographie und Wirtschaft entwickeln, ist mit keinem anderen Kontinent vergleichbar. Nichtsdestotrotz, die einzelnen Länder klaffen hinsichtlich Armut und Reichtum stark auseinander. Auf keinem Kontinent ist der durchschnittliche Lebensstandard so niedrig wie in Afrika. Gerade diese Gegensätze schaffen scheinbar einen idealen Nährboden für Neues. Wohl ein Grund, weshalb der afrikanischen Start-up-Szene ihr Ruf vorauseilt.

Innovation vor Gesetz

Der sogenannte „bottom of the pyramide“, Menschen, die von wenigen Euro im Monat leben, sind Zielmarkt für viele der Lösungen. Einfache Lösungen, sogenannte frugale Innovationen, die nahe an den Bedürfnissen der Menschen liegen. Günstig, aber hochwirksam. Neue Technologien werden genutzt, um grundlegende Probleme zu lösen. Dabei hilft mancherorts auch die Einstellung der Politik, die – ähnlich wie in China – den Standpunkt vertritt: Innovative Lösung kommt vor gesetzlicher Regulierung. Schwer denkbar ein Europa. Umso interessanter macht es Afrika für die Entwicklung neuer Lösungen.

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Airbus, Nestlé und afrikanische Startups

So sucht Airbus in Afrika nach Lösungen für die Luftfahrtindustrie, Nestlé nach Innovationen für nachhaltige Lebensmittelverpackung und Distribution und große Pharmakonzerne veranstalten regelmäßig Innovationswettbewerbe am wilden Kontinent. Häufig wird hier auch ein „Open Innovation“ Ansatz gewählt, wo junge afrikanische Startups mit den F&E-Abteilungen der internationalen Konzerne nach gemeinsamen Lösungen suchen. „Diese Offenheit und die Unbeschwertheit Neues auszuprobieren sind oft der Weg zum Erfolg“, meint Afrikaexperte Johannes Brunner. Der Wirtschaftsdelegierte in Johannesburg verweist dabei gerne auf die Finanzdienstleistungen. „Hier gehen viele afrikanische Länder neue Wege“, so Brunner. „In großen Städten ist das Mobiltelefon Zahlungsmittel Nummer Eins.“

Anleger-Hotspots für große Konzerne

Am sogenannten „ungezähmten“ Kontinent finden sich ideale Vorbilder, um über Zukunftsmärkte zu lernen. Es lohnt sich nach Südafrika, Nigeria, Kenia, Ägypten und Marokko zu blicken. 600 Tech-Hubs haben sich dort gebildet, was einem Zuwachs von über 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Während sich die Tech-Szene in Nigeria auf Lagos konzentriert, entwickeln sich in Südafrika Startup Ökosysteme in Johannesburg, Kapstadt und Durban. Im Großraum Nairobi sprießen junge Technologie-Unternehmen mit innovativen Apps, Produkten und Services. Die Anleger-Hotspots schlecht hin sind Nigeria, Südafrika und Kenia. „Es herrscht eine unglaubliche Dynamik“, so Brunner. Allen Standorten gemeinsam ist die Zusammenarbeit mit bzw. Unterstützung durch internationale Großunternehmen, wie z.B. IT- oder Mobiltelefonkonzerne und Banken. „Google, Facebook, Microsoft oder IBM sind hier alle aktiv, weiß Brunner.

Österreichische Verkaufsschlager

Keine Unbekannte: Die reichen Rohstoffvorkommen des Kontinents. China, Europa, Nordamerika und Indien geiern seit Jahren nach dem Exportschlager des wilden Kontinents, von dem so viele afrikanische Volkswirtschaften abhängig sind und nicht selten auch deswegen ausgebeutet werden. Ein hohes Risiko, bei schwankenden Preisen. Definitiv eine Herausforderung, aber - „Mit der Nachfrage nach Rohstoffen steigt auch der Bedarf nach verlässlicher Infrastruktur, die vielerorts nicht gegeben ist“, so Brunner. Eine Chance für den heimischen Markt. Der Ausbau dieser Infrastruktur z.B. im Energie- oder Transportsektor, und die Lieferung von Anlagen für den Bergbau gehören nämlich längst zu den österreichischen Verkaufsschlagern. Neue Segmente stecken aber bereits in den Startlöchern: Gerade für Hersteller von Nahrungsmittel-, Verpackungs- und Baumaschinen prognostizieren Experten goldene Zeiten.

Von Doppelmayr über Alpla bis Skidata

Der Anschein, dass Afrika mit Exporten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro nicht im Fokus der österreichischen Exportwirtschaft liegt, trügt. Eine Reihe von Unternehmen sind höchst erfolgreich am afrikanischen Markt. „Alpla, AVL, Biomin, Doppelmayr, ILF und Skidata, um nur einige Beispiele zu nennen“, so Brunner. „Punkten in Afrika mit lokalen Partnern und Innovationen.“ Alpla beispielsweise hat Produktionsstätten und Fertigungsstandorte aufgebaut. AVL liefert Motoren-Prüfgeräte nach Südafrika, Nigeria und Ägypten. Biomin ist mit seinen Futterzusatzstoffen in Ländern wie Äthiopien, Kenia, Nigeria und Ghana vertreten. Doppelmayr ist in Algerien - dem Seilbahnland Afrikas – führend und in Südafrika im Bereich Materialtransporte aktiv. Skidata ist in Afrika führend im Stadionsektor und bei Parkzugangssystemen.

Johannes, Brunner © WKO Außenwirtschaft

„Alpla, AVL, Biomin, Doppelmayr, ILF und Skidata punkten in Afrika mit lokalen Partnern und Innovationen.“ Johannes Brunner, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Johannesburg

 

Freihandelsabkommen als große Chance

Mit 30.5.2019 trat das Afrikanische Freihandelsabkommen (AfCFTA ) in Kraft. Das größte Abkommen nach Gründung der WTO. Der Markt umfasst 1,2 Milliarden Menschen. Auf die 55 Mitgliedsstaaten wird ein Bruttoinlandsprodukt von 2,5 Billionen US Dollar erwartet. Die UN-Wirtschaftskommission für Afrika schätzt, dass bereits 2020 der Binnenhandel um mehr als 52 % zunehmen wird. Es wird sich zeigen, ob sich diese optimistische Prognose 2020 tatsächlich bewahrheiten wird. „Gemeinsame Märkte, Zoll- und Währungsunionen machen die Regionen auch für ausländische Investitionen und Kooperationen attraktiver“, so Brunner. Er ist davon überzeugt, dass Afrika ein bedeutender Markt für Österreich ist. Ein Markt, der jedoch besondere Ansprüche stellt. Die 54 afrikanischen Länder lassen sich nicht mit der gleichen Strategie bearbeiten. Das würde auch in Europa nicht funktionieren. „Man kann in Skandinavien und auf der iberischen Halbinsel nicht mit den gleichen Rezepten arbeiten“, so Brunner. Umso mehr gilt das für den riesigen Kontinent. „Afrika entwickelt sich in vielen Märkten schneller als die westliche Welt, weil aufgrund des steigenden Bedarfs und der fehlenden Infrastruktur manchmal Technologiestufen übersprungen werden müssen, um voranzukommen.“ Kenia oder Äthiopien weisen seit Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten auf.

Afrika, Vorbild und/oder Zielmarkt?

Die Entwicklung von mehr Wohlstand wird in vielen Staaten durch politische Instabilität, Korruption und schlechte Infrastruktur massiv behindert. Der vorherrschenden Situation müssen sich Unternehmen bewusst sein. Internationale Technologietrends und sich radikal verändernde Geschäftsmodelle fallen dafür auf fruchtbaren Boden. Es entstehen disruptive Ideen und neuartige Vertriebskonzepte. Experten sehen dem Marktpotenzial positiv entgegen. Den Kontinent nicht zu beachten – ob als Markt oder Taktgeber für Neues - könnte sich als gravierender Fehler herausstellen.

Fakten zu Südafrika

  • 2018 stiegen die österreichischen Exporte nach Südafrika um 37,7 % auf 588 Mio. Euro
  • 1/3 aller österreichischen Exporte gingen 2018 nach Südafrika und knapp 1/5 aller Afrika-Importe kommen aus Südafrika.
  • 60 österreichische Unternehmen haben in Südafrika (in Tochtergesellschaften) investiert und beschäftigen mehr als 2.000 Mitarbeiter im Lande.
  • österreichische Exportwirtschaft: Südafrika liegt 2018 auf Platz 32 – vor Norwegen und den Vereinigten Arabischen Emiraten, hinter Finnland und Serbien.
  • Kunststoffmarkt (entlang der gesamten Wertschöpfungskette) trägt knapp 2% zum BIP Südafrikas bei
  • Kunststoffverarbeitungsbranche gibt es rund 1.800 Unternehmen, die etwa 75.000 Arbeitnehmer beschäftigen.
  • Rund 40 % der in Südafrika produzierten Kunststoffprodukte werden recycelt – was einer Verdopplung der Recyclingrate seit 2010 entspricht à der Recyclingsektor ist ein vielversprechendes Marktsegment
  • Produktion von Komponenten für die Automobilindustrie: Der südafrikanische Automotive Masterplan sieht eine Anhebung des lokalen Zulieferanteils auf 60 % vor.
  • Segment Verpackungsmaterialien bietet aufgrund der wachsenden Mittelschicht ebenso gute Chancen. Südafrikanische Hersteller von Kunststoffverpackungen sind jedoch am Markt relativ gut etabliert. Dieser Bereich macht insgesamt mehr als 50% der Produktionskapazität der Kunststoffbranche in Südafrika aus.

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