Intralogistik

Unsichtbares sichtbar

Ein Knapp-Tochterunternehmen sorgte auf der letzten LogiMAT für Aufsehen. Nun soll ein Nachfolgeprodukt den Einsatz von KI in der Produktion noch einfacher machen.

Jeder Arbeitsschritt wird mithilfe des ivii.smartdesk überwacht und validiert.

Rund 35 Millionen Euro investiert die Knapp AG jährlich in die Forschung und Entwicklung – intelligente Automatisierung ist hier das oberste Gebot. Im Juni wurde das steirische Familienunternehmen mit dem „Best Product Award 2021“ der größten europäischen Logistikmesse LogiMAT ausgezeichnet. Das aufsehenerregende Produkt: Das ivii.smartdesk, ein intelligenter Arbeitsplatz, der die Antwort auf den Fachkräftemangel in der produzierenden Industrie sein soll und den Kunden eine hundertprozentige Fehlervermeidung verspricht. Das innovative Produkt wird von der ivii GmbH produziert, ein Tochterunternehmen der Knapp AG, das mit dem Anspruch auf effiziente Innovation 2016 aus dem Mutterkonzern ausgegliedert wurde.

Ausgliederung beflügelt Innovation

Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt zu sein. Vom Bäckereiunternehmen bis zur Automotive-Industrie werden die smarten Arbeitsstationen, die auf einem intelligenten Bilderkennungssystem basieren, eingesetzt.

Anfänglich wurde das Tochterunternehmen mit acht Mitarbeitern geführt, derzeit arbeiten in der Firmenzentrale rund 25 Mitarbeiter. Ziel der Ausgliederung war es, die Innovation in den Vordergrund zu stellen und Entscheidungswege zu verkürzen. „Die Knapp AG ist ein sehr großes Unternehmen, wo Stabilität und Innovation anders koordiniert werden als bei uns. Bei uns steht die Innovation im Vordergrund – wir haben schnellere Entscheidungsmöglichkeiten, kürzere Dienstwege und Prozesse. Das erleichtert die Innovation. Diese Faktoren waren die Beweggründe, wieso ivii als Spin-off gegründet wurde“, erzählt Geschäftsführer Peter Stelzer.

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Das erste Unternehmen, in dem das Smartdesk eingesetzt wurde, ist die Pankl Racing AG, die hochwertige Getriebe für den Motorradhersteller KTM produziert. Das Smartdesk liefert den Mitarbeitern in Echtzeit Rückmeldung über die Qualität jedes einzelnen Arbeitsschrittes – so soll eine fehlerfreie Produktion gewährleistet werden. „Es liegt in der Natur des Menschen, dass er nicht den ganzen Tag über eine hundertprozentige Leistung bringen kann. Das führt zu Flüchtigkeitsfehlern, die sich negativ auf das Unternehmen auswirken und zu Enttäuschungen bei den Kunden führen“, erklärt Stelzer. Mit der Einführung des smarten Qualitätssicherungssystems sei das persönliche Befinden des Mitarbeiters nicht mehr entscheidend, Fehler können zur Gänze vermieden werden.

Intuitive Bedienung erhöht Akzeptanz

Dabei werden die Arbeitsschritte mit einem 3-D-Bilderkennungssystem erfasst und in Echtzeit von einer KI ausgewertet. Der Vorteil gegenüber anderen Produkten ist laut Stelzer die Usability: „Das System ist so benutzerfreundlich gestaltet, dass die Mitarbeiter es binnen weniger Minuten intuitiv bedienen können und keine besondere Einschulung benötigen.“ Auch die im Hintergrund arbeitende KI muss nicht antrainiert werden, denn die Deep-Learning-Netze, die den Montageprozess steuern, werden schon ab Werk kalibriert.

Der Kunde muss dem System nur einmal den gesamten Montageprozess vormachen. Das System nimmt jeden Arbeitsschritt auf und kann diese Daten dann als Steuerungsvorlage verwenden. Das Smartdesk übersetzt somit jeden Arbeitsschritt in die Führung der Mitarbeiter und Validierung der Arbeitsschritte. „Unser Fokus ist es, KI zu vereinfachen. Es ist uns gelungen, die künstliche Intelligenz zu entmystifizieren. Wir alle benutzen KI täglich und merken es gar nicht. Diese Einfachheit der Benutzung steht im Zentrum des Produktes“, so Stelzer.

Zukunftstrend Gamification

Stelzer sieht die Gamification als großes Zukunftsthema in der smarten Produktion. So sollen mit spieltypischem Feedback Mitarbeiter motiviert und die Skepsis gegenüber neuen Technologien reduziert werden. Doch da mangelt es laut Stelzer noch an der Kundenakzeptanz. „Ich würde mir wünschen, dass die Kunden das in größerem Ausmaß zulassen würden. Das ist nämlich nicht mehr eine Frage der Technik, sondern eine Frage, wie innovativ der Kunde ist und für solche Anreizsysteme offen ist. Deswegen wird das derzeit noch sehr selten implementiert. Ich glaube, dass die Mitarbeiter es sehr schätzen würden.“

Know-how mit KI erhalten

Bei ivii sieht man das Smartdesk als Antwort auf den immer größeren Fachkräftemangel in der Industrie. Als Beispiel nennt Stelzer die Knapp AG, den Mutterkonzern, der ständig auf der Suche nach geeignetem Personal ist. „Es gibt sie einfach nicht“, kritisiert Stelzer. Der Lehrberuf sei in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden, was zu einem großen Mangel geführt habe, der sich durch die Pensionierungswelle in den nächsten Jahren noch verschärfen werde. „Mit dem Smartdesk können wir da ein bisschen gegensteuern.“ So soll das Wissen der Experten in KI-Systeme übertragen werden, um das Know-how in den Organisationen zu erhalten. „Ob man das schön findet oder nicht, dieser Prozess findet derzeit statt“, urteilt Stelzer. Hinzu kommt die Pandemie, die diesen Prozess deutlich beschleunigt habe: „Corona hat in diese Richtung einen massiven Push gegeben. Maschinen werden nicht krank und es gibt keine Abstandsregeln ...“

Nachfolgeprodukt „ivii iriis“ ab November

Nicht weniger als eine Revolution im Bereich digitaler Bildverarbeitung soll das neue Produkt aus dem Hause ivii sein, das bereits ab November ausgeliefert wird. Angelehnt an das menschliche Auge soll „ivii iriis“ Dinge sichtbar machen, die bisher unsichtbar waren. „Für das neue Produkt haben wir das User-Interface komplett neu gestaltet. Mit einem Referenzkunden haben wir Low-Fidelity-Prototypen entwickelt und haben in mehreren Zyklen die Userscreeens angepasst und optimiert.“ Es handelt sich also um eine Entwicklung, die sich stark an den Anforderungen der Endbenutzer orientiert.

„Es ist ein Balanceakt zwischen Kontrolle und Unterstützung. Der Benutzer soll sich unterstützt und nicht kontrolliert fühlen, weil er sonst die Lösung ablehnt“, erklärt Stelzer. Die Knapp AG beschäftigt sich schon seit Jahren intensiv mit Bilderkennunsystemen. Die größte Hürde war bislang, dass die Benutzer ein sehr großes Fachwissen haben mussten, um diese komplexen Systeme zu verwenden und zu betreiben. „Mit iriis haben wir ein System, wo wir die Komplexität herausgenommen haben. Die Expertise, die wir uns in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, haben wir dazu benutzt, um jene Prozesse zu automatisieren, die es dem Anwender ermöglichen, ganz ohne Fachwissen auszukommen.“