Volker M. Banholzer ist Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht zu Innovations- und Technikkommunikation in Unternehmen, Journalismus, Politik und Gesellschaft sowie zu Leadership- und Innnovationskulturen.

Volker M. Banholzer

Sinnkrise: Warum die Cebit in der Klemme steckt

Es sollte ein IT-Festival im Frühsommer werden. Aber der Versuch einer neuen Cebit hat keine Trendumkehr bewirkt, er hat weiter polarisiert. Vom Lob als „Innovationsvorbild“ bis "IT-Kirmes in der Sinnkrise" war alles dabei. Die Cebit steckt Klemme.

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Auf der Suche nach dem Sinn: Vom Lob als „Innovationsvorbild“ bis „IT-Kirmes“ in der #Sinnkrise war alles dabei. Die Cebit steckt Klemme.

Inzwischen integrieren Industriemessen erfolgreich IT-Themen: Mit dem neuen Termin liegt die Cebit jetzt zwischen der Hannover Messe und der jüngst zu Ende gegangenen Automatica. Und dort stehen inzwischen die Themen IT, KI und Digitalisierung prominent neben Automatisierung und Robotik. Auf beiden Messen sind die IT-Größen von SAP und Microsoft bis Google oder Huawei vertreten. Die Automatica wächst und die Hannover Messe ist als politische Plattform für die Digitalisierung in der Industrienation Deutschland gesetzt. Warum sollten also Maschinen- und Anlagenbau als Austeller oder Besucher auf die Cebit gehen?

Zwischen Spektakel und Seriosität

Die Cebit hat sich selbst das Ziel gesetzt, „Europas führendes Business-Festival für Innovation und Digitalisierung“ zu sein. So misst man sich mit angesagten Branchenevents wie der CES in Las Vegas oder der SXSW in Texas. Mit neuem Termin und mit neuem Konzept wollte die IT-Messe den jahrelangen Bedeutungsverlust und Besucherschwund stoppen. Das Festival fand dann vor allem auf dem Außengelände statt, das Riesenrad von SAP oder der „Cloud-Lifter“ von IBM bringen das bildlich zum Ausdruck. Bällebad, Streetfood und Konzerte runden den Festival-Charakter ab. In den Hallen dagegen mehr Traditionsveranstaltung und wenig Resonanz.  Kein Wunder, dass mittelständische Industrieunternehmen enttäuscht sind und ihre Teilnahme für eine Cebit 2019 infrage stellen. Das weist auf den dritten Grund hin.

cebit © Deutsche Messe AG

Emotion und Erlebnis auf der Cebit: Ein Schritt, der zumindest die Entscheider der Industrie am Messekonzept zweifeln lässt. 

Schlips und Sneakers sind Ausdruck zweier Kommunikationskulturen: Die klassischen Entscheider aus der Industrie irritiert ein Bällebad, andersherum wollen interaktive Millenials keinen Frontalvorträgen zuhören. Beide Zielgruppen gleichermaßen mit einem Veranstaltungsformat ansprechen zu wollen muss schief gehen. Die Digitalwirtschaft ist geprägt durch die Generation Y, die künftig Entscheiderinnen und Entscheider in Wirtschaft und Politik stellen. Aktuell dominiert aber noch die Generation „Schlips“. Die Alternativen „mehr Bällebad wagen“ oder „back to the roots“ führen jeweils in eine Sackgasse. 

Die Lösung: Zuspitzung und Verbreiterung

Die Cebit muss sich auf das besinnen, was die Generationen Y und „Schlips“ verbindet: das Bedürfnis nach Einschätzung, Wissen, Austausch und Networking. Gerade in Zeiten der Transformation suchen Menschen gleichermaßen Impulse und Orientierung aber auch Vergewisserung.  Das ist die Chance der Cebit - als Dialogplattform für einen gleichberechtigten Digitalisierungsdiskurs von Beteiligten, als Plattform für eine branchen- und generationenübergreifende Digital-Community. Was erfolgreiche Formate wie die SXSW bieten, ist die Gelegenheit zum Austausch auf Augenhöhe. Einer der erfolgreichsten Momente der Cebit 2018 war die die Runde mit Sascha Pallenberg, Head of Digital Content der Daimler AG. Ein Mensch, der etwas zu sagen hat, diskutiert und vor allem auch die Besucher untereinander zur Diskussion anregt. Das ist eine Form von Kommunikation, die sowohl die an Podiumsrunden und Frontalvorträge gewohnte Generation Schlips anspricht als auch die Generation Y, die jenseits aller virtueller Netzwerke den persönlichen Austausch sucht. Wenn dann noch der Start-up-Bereich Scale 11 ausgebaut wird und sich so auch in Richtung innovativem Mittelstand öffnet, dann kann aus der Cebit eine North by Northeast werden.

Zur Person: Volker M. Banholzer ist Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht zu Innovations- und Technikkommunikation in Unternehmen, Journalismus, Politik und Gesellschaft sowie zu Leadership- und Innnovationskulturen.