Nachgefragt

Österreichs Sch(w)eiss-Bürokratie: Warum die SZA-Pleite die Wirtschaftskammer in Schockstarre versetzt

Guido Reuter, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Gesellschaft für Schweißtechnik (ÖGS) über die Suspendierung der Schweißtechnischen Zentralanstalt (SZA) bei internationalen Gremien, fehlende Zertifikate und die untragbare Schockstarre der Wirtschaftskammer Österreich.

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"Die Wirtschaftskammer ist in einer Schockstarre." Guido Reuter, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Gesellschaft für Schweißtechnik (ÖGS)

Es war eine Schocknachricht Anfang des Jahres 2019: 70 Jahre nach der Gründung muss das renommierte Wiener Schweiß- und Prüftechnikzentrum aufgeben. Die Schweißtechnische Zentralanstalt (SZA GmbH) ist pleite. Jahrzehntelang wurden dort Schweißer ausgebildet. Gleichzeitig war die SZA Österreichs Gesicht nach außen, wenn es um internationale Zertifizierungen und Gremien ging. All das ist nun passé und zieht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich, die für großen Unmut in der Branche sorgen. Helfen könnte die Wirtschaftskammer, treibende Kraft hinter der SZA. Aber statt endlich zu handeln, verfällt der Kammerapparat in Schockstarre. Eine „untragbare Situation“, wie Guido Reuter, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Gesellschaft für Schweißtechnik (ÖGS) im Interview mit FACTORY berichtet.

Factory: Herr Reuter, Sie müssen zurzeit laufend auf ein Thema reagieren– die Pleite der Schweißtechnische Zentralanstalt (SZA).

Guido Reuter: Zu Recht. Die Situation mit der SZA ist völlig unbefriedigend und für die österreichischen Schweißer untragbar. Unser internationales Image ist gefährdet.

Weil Österreich keine internationalen Zertifikate mehr ausstellen darf?

Reuter: Dass es derzeit keine Zertifikate zur internationalen Schweißaufsicht gibt, ist tatsächlich ein Riesenproblem. Jene Personen, die dieses Jahr eine schweißtechnische Weiterbildung absolviert und eine entsprechende Prüfung absolviert haben, laufen Gefahr, dass ihnen das entsprechend der Richtlinien des International Institute of Welding (IIW) und der European Welding Federation (EWF) nicht ausgestellt wird.  

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Aber Prüfung geschafft, heißt doch Zertifikat in der Tasche?

Reuter: So einfach ist es eben nicht. Denn nach einer bestandenen Prüfung müsste die benannte Stelle das Zertifikat innerhalb von zwölf Wochen ausfertigen.

Und diese benannte Stellen ist die SZA?

Reuter: Richtig. Nach der Pleite der SZA GmbH und der Schockstarre des SZA Vereins, laufen nun Teilnehmer oder Unternehmen, die für diese Kurse bezahlt haben, Gefahr die Zertifizierung nicht fristgerecht oder im schlimmsten Fall gar nicht zu bekommen.

Ein Schuss ins Leere…

Reuter: Richtig. Die nächste Krux ist, dass dadurch Ausbildungsanbieter eigentlich ab Herbst, also jetzt, keine neuen Kurse mehr anbieten können, da den Teilnehmern kein Zertifikat garantiert werden kann.

Guido, Reuter © Thomas Topf

"Nach der Pleite der SZA laufen nun Teilnehmer oder Unternehmen, die für diese Kurse bezahlt haben, Gefahr die Zertifizierung nicht fristgerecht oder im schlimmsten Fall gar nicht zu bekommen." Guido Reuter, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Gesellschaft für Schweißtechnik (ÖGS)

 

Aber für was braucht es diese Zertifikate?

Reuter: Diese werden bei internationalen Aufträgen verlangt. Im Moment werden also Unternehmen massiv behindert, da sie wegen der derzeitigen Situation die Schweißaufsicht zukaufen müssen. Niemand wird deshalb einen Millionenauftrag fallen lassen, aber Fakt ist, dass Unternehmen einen organisatorischen Mehraufwand und höhere Kosten auf sich nehmen müssen.

Warum machte sich Österreich so abhängig von einer einzigen Stelle?

Reuter: Das verstehen Sie falsch. In jedem Land gibt es immer nur eine Stelle. Die SZA war mit ihrem „Authorized Nominated Body“ (ANB) Österreichs verantwortliche Vertretung in den internationalen Schweißgremien IIW und EWF. Leider nahm sie seit langem diese Aufgabe nicht ernst, woraus die jetzige Situation resultiert.

Nach den Regeln dieser internationalen Gremien wird also ausgebildet und zertifiziert?

Reuter: Richtig. Beide internationalen Stellen haben die SZA jedoch im Sommer diesen Jahres suspendiert. Das heißt, sie verweigern die Übermittlung neuer Vordrucke für die Ausstellung von Zertifikaten.

Warum wurde die SZA suspendiert?

Reuter: Der Grund dafür ist folgender: Auch die SZA beziehungsweise der ANB muss von Zeit zu Zeit selbst zertifiziert werden. Das ist im November des Vorjahres passiert, aber es gab nur ein Zertifikat mit Einschränkungen. Ein Nach-Audit wäre für Mitte Mai geplant gewesen.

Dann Anfang Januar die Konkurs-Meldung.

Reuter: Genau. Und weil es nach der Pleite der SZA GmbH kein Personal mehr für dieses Nach-Audit gab und der Verein bis heute noch keine neue Struktur hat, wurde dieses notwendige Audit nicht angemeldet. Die Folge war die Suspendierung durch die internationalen Gremien. Dabei hätte der SZA Verein ausreichend Zeit gehabt, diese Angelegenheiten mit den internationalen Stellen zu klären.

Guido, Reuter © Thomas Topf

"Die SZA ist derzeit ein diktatorisches Vehikel der Wirtschaftskammer Österreich." Guido Reuter, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Gesellschaft für Schweißtechnik (ÖGS)

Was ist, wenn die SZA ihren Hintern für dieses Audit weiterhin nicht hochbekommt?

Reuter: Dann kann sich jemand anderer um Akkreditierung als ANB in Österreich bewerben.

Die Chance für die ÖGS.

Reuter: Natürlich stehen wir bereit, um gegebenenfalls in die Bresche zu springen. Aber allein würde ich das ungern tun. Die ÖGS ist ein Verein mit sehr engagierten Mitgliedern, aber eben ein privater Verein. Hinter der SZA steht die öffentliche Hand – nämlich die Wirtschaftskammer. Mir wäre lieber, wenn es uns gemeinsam gelingen würde, die Situation zu klären, die internationale Reputation Österreichs wiederherzustellen und dafür zu sorgen, dass weder die Unternehmen noch deren Mitarbeiter weiter behindert werden.

Die SZA wird also von der Wirtschaftskammer getragen. Ein bekanntlich träger Apparat. Will man hier die Schuld vertuschen?

Reuter: Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Gemeinsam das Ruder wieder rumreißen. Gibt es da Überlegungen?

Reuter: Ja. Vorstellbar wäre, dass alle Stakeholder gemeinsam, also die ÖGS und die SZA sowie die ASMET und deren Arge Schweißtechnik einen Dachverband gründen. Aber dafür muss erstmal Einigkeit zwischen den drei Gründervereinigungen herrschen. Dieser Dachverband sollte alles gemeinschaftlich und ruhig regeln. In Österreich und auf internationaler Ebene seine Hausaufgaben erledigen und vor allem in internationalen Gremien vertreten sein. Letzteres war zuletzt auch nicht mehr der Fall.

Warum ist die Vertretung in den internationalen Gremien wichtig?

Reuter: Dort gibt es Arbeitsgruppen, die Ausbildungsinhalte und Prüfungen für die jeweiligen Mitgliedsorganisationen vergleichbar zu machen. Ähnlich dem Bologna-System für universitäre Abschlüsse. Es geht darum, schriftliche und mündliche Prüfungsfragen sowie Antworten und Bewertungen zu vereinheitlichen. Österreich, beziehungsweise die SZA, hat dazu den Termin verpasst, was wiederum zu einer Pönale führt.

Guido, Reuter © Thomas Topf

"Die Situation mit der SZA ist völlig unbefriedigend und für die österreichischen Schweißer untragbar." Guido Reuter, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Gesellschaft für Schweißtechnik (ÖGS)

Pönale und trotzdem hat die Wirtschaftskammer immer noch nicht reagiert?

Reuter: Die ÖGS hat angeboten, einzuspringen. Wir hätten Vorschläge eingereicht, die bei den entsprechenden Sitzungen der jeweiligen Gremien im Oktober behandelt hätten werden können – leider erfolglos.

Aus welchem Grund?

Reuter: Wir haben leider keine Delegierten Zulassung bekommen, da die SZA einfach nicht reagiert hat.

Und trotzdem könnten Sie sich vorstellen, in einem Dachverband mit der SZA gemeinsam zu agieren…

Reuter: Natürlich müsste die Aufgabenverteilung gut ausdiskutiert werden. Es müssten sich ein paar Leute hinsetzen, einen Plan machen und dann Arbeitsgruppen bilden. Die Statuten der SZA müssten sich ändern.

Sie sind kein Fan dieser Statuten?

Reuter: Die SZA ist derzeit ein diktatorisches Vehikel der Wirtschaftskammer Österreich. Ich bin aber ein Demokrat.

Können Sie diesen Vorwurf präzisieren?

Reuter: In der SZA hat immer die Wirtschaftskammer den Präsidenten nominiert. Der war aber gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrates und hatte bei Stimmengleichheit im Aufsichtsrat eine Vorzugsstimme. Zeitgleich hatte die SZA die Macht über den ANB, die wiederum bestimmt, wer als Ausbildungsstelle zugelassen wird.

Klingt fast nach einem Ausbildungs-Kartell.

Reuter: Das ist zumindest der Grund, warum es bisher kaum Mitbewerber für die Wifis gibt. Einzige Ausnahme ist das BFI in der Steiermark, das 2011/12 interessanterweise zugelassen wurde. Aber als sich vor zwei Jahren ein freier Unternehmer (seinen Namen möchte ich nicht nennen), der in anderen Sektoren mit Ausbildungen, Zertifizierungen und ähnlichem tätig war, darum beworben hat  – blieb das ohne Erfolg.

Sie haben gesagt, dass Sie einen Alleingang der ÖGS nicht bevorzugen würden. Aber was, wenn es nicht anders geht?

Reuter: Wenn wir das allein stemmen müssten, wäre das für uns ein Kraftakt. Das würde dann noch andere Forderungen nach sich ziehen.

Guido, Reuter © Thomas Topf

Zur Person: Guido Reuter (62) hat Montanistik in Deutschland studiert. Kam 2003 nach Österreich und ist seitdem als Berater in der Schweißtechnik in ganz Österreich unterwegs. 2004 engagierte sich Reuter dann bei der Österreichischen Gesellschaft für Schweißtechnik (ÖGS). Heute ist dort Präsidiumssprecher.

Welche Forderungen?

Reuter: Wir würden an die Wirtschaftskammer, Ministerien und die Industrie herantreten, damit sie sich kostenmäßig beteiligen. Es geht dabei zum einen um Installationskosten für die notwendige  IT, zum anderen um laufende Kosten.

Es gibt also bereits einen Businessplan?

Reuter: Ja – und da zeigt sich deutlich, dass niemand von den Prüfungsgebühren allein die internationalen Aufgaben, insbesondere den ANB wirtschaftlich führen  kann.

Wenn die Zertifizierungen kein Geschäft zu sein scheinen, warum engagieren Sie sich so stark?

Reuter: Weil unsere Mitglieder unter der aktuellen Situation leiden. Und weil es uns wichtig ist, dass Österreichs Ansehen in den internationalen Organisationen weiter hochgehalten wird. Schließlich spielen die heimischen Unternehmen eine große Rolle in der internationalen Schweißtechnik.

Sie werfen der Wirtschaftskammer also nicht nur vor, dass sie jahrzehntelang die SZA kontrolliert hat, sondern auch, dass sie sich jetzt zu wenig um die Lösung des Problems bemüht.

Reuter: Das ist wirklich etwas, das ich nicht verstehe. Es geht schließlich um Menschen, Unternehmen und das Image Österreichs. Am 5. August habe ich als Sprecher der ÖGS, die immerhin knapp 100 Firmen- und 180 persönliche Mitglieder zählt, Harald Mahrer, dem Präsidenten der Wirtschaftskammer, die Sachlage in einem Brief beschrieben und ihn um rasches Handeln ersucht.

Und hat sich Mahrer gerührt?

Reuter: Nein, die WKO ist in einer Schockstarre. Zwei Wochen, nachdem ich das Mail an den Präsidenten abgeschickt hatte, kam eine erste Reaktion. Ich erhielt ein Schreiben, in dem mir mitgeteilt wurde, dass mein Anliegen in der Wirtschaftskammer angekommen sei. Zwei Tage darauf wurde mir in einem Telefonat mitgeteilt, dass man sich darum kümmern werde. Der Idealfall wäre gewesen, wenn wir bei der Messe Schweißen, die vom 10. bis 12. September in Linz über die Bühne gegangen ist, einen gemeinsamen Erfolg hätte präsentieren können. Leider war dem nicht so.

Eine letzte Frage: Sollte die Kooperation mit der SZA gelingen, wäre das nicht das erste Mal.

Reuter: Das ist richtig. Beide Vereine waren 1948 Gründungsmitglieder des International Institute of Welding (IIW). Bis 2006 war die ÖGS dort Responsible Member, seit 2007 ist es die SZA.

Vielen Dank für das Gespräch! Das Gespräch führten Ursula Rischanek und Elisabeth Biedermann.

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