Elisabeth Biedermann ist seit 2012 Teil des WEKA Industrie Medien-Teams. Als Chefredakteurin ist sie für die inhaltliche Gestaltung der Fachmagazine Factory und technik reportagen zuständig. Ihre Spezialität liegt bei Best-Practice-Reportagen sogenannter Nischenchampions aus ganz Österreich. Nebenbei ist Biedermann auch für die Programmplanung von Factory-Events wie der Instandhaltungskonferenz, Ersatzteiltagung und Industrieroboter@Work verantwortlich.

Meinung

Meine Suche nach dem digitalen Gral

Auf der Suche nach einem digitalen Gradmesser, stellt sich immer öfter die Frage: Wer darf denn nun bestimmen, ob ein Unternehmen hinterherhinkt oder führt.

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Auf der Suche nach dem digitalen Gral: Sind Betriebe, in deren Hallen sich die Bauteile von fahrerlosen Transportsysteme chauffieren lassen und ein cleverer Algorithmus die Fäden der Produktion zieht, der ultimative Maßstab?

Erstaunlich war das schon. Ausgerechnet ein eher seichter Beitrag sollte unsere Klick-Hitliste fast zwei Wochen lang anführen. „Wie Österreich digital fit werden soll“ tituliert die Überschrift. Der Beitrag selbst – eigentlich nur eine kurzer Einblick in die zwölf Handlungsfelder der Bundesregierung für die digitale Zukunft Österreichs. Die hohe Klickrate war aber wohl ein Indikator: Die Digitalisierung als Plädoyer des Mittelstands. Dort wird die digital-transformatorische Euphorik nämlich schleichend aber sicher zum Pflichtprogramm. Das beschäftigt vor allem jene, die so mancher digitalen Leerformel plötzlich Substanz verleihen müssen.

Wo beginnt die Fertigungsrevolution 

Kein Wunder also, dass sich das Suchaufkommen nach dem Begriff „digitale Transformation“ innerhalb der letzten drei Jahre mehr als verzehnfacht hat. Übrigens das Kürzel „IoT“ wird sogar fast 20-mal so häufig gesucht, wie noch vor drei Jahren. (Und wer jetzt immer noch nicht, das Geldtascherl für Google-Ads zückt, dem nützt der digitale, analoge nein verbale Wink mit dem Zaunpfahl auch nichts mehr.) Hinken wir Österreicher der Digitalisierung jetzt hinterher oder nicht?  Zumindest die Wirtschaftskammer und Unternehmensberater Arthur D. Little wollten letztes Jahr noch einen Aufholbedarf bei heimischen Unternehmen orten. Und wer macht’s wiedermal besser? Richtig, Deutschland. Nur gut, dass deren Pilotfabriken auch immer noch Pneumatikzylinder produzieren, die am Markt nicht bestehen und deswegen mehr oder weniger in der Rundablage landen. Die Frage, die sich also stellt: Wer ist denn überhaupt der Gradmesser dieser digitalen Transformation? Wo beginnt diese Fertigungsrevolution, von der alle sprechen, und wann verkommt sie zur leblosen Begriffskaskade so manches Beraterlings. (Schon mal aufgefallen, wie viele digitale Fitnesschecks es derzeit gibt?)

Auf der Suche nach dem digitalen Gral

Sind Betriebe in deren Hallen sich die Bauteile von fahrerlosen Transportsysteme chauffieren lassen und ein cleverer Algorithmus die Fäden der Produktion zieht, der ultimative Maßstab? Auf der Suche nach einem digitalen Gradmesser bin ich kürzlich auf die wohl erfrischendste Studie seit langem gestoßen. „Die Psychologie der Digitalisierung“ im Auftrag der Innovation Alliance, einem Verbund von Partnern aus der IT-Branche, beschäftigt sich eben nicht damit, wie es um die Digitalisierung steht, sondern warum diese nicht schnell genug vorankommt. Die Studie zeigt, dass beim Thema Digitalisierung gerade die Psychologie der Beteiligten eine entscheidende Rolle spielt. Freilich dachte ich zuerst auch an eine Art esoterischen Quatsch, wurde aber spätestens auf Seite 12 eines besseren belehrt. Jeder Dritte, der immerhin 500 befragten deutschen Mittelständler, verbindet nämlich Gefühle wie „Angst 😨“ oder (zu meinem Erstaunen) „Einsamkeit“ mit dem Thema Digitalisierung. Und jeder weiß, Entscheidungen, die unter Angst getroffen werden, gehören nicht gerade zu den besten. Interessant ist auch, dass fast jeder (88%) die Digitalisierung als Herausforderung gepaart mit Risikofreude und Hartnäckigkeit sieht. Also eine Unbekannte, auf die man sich einlassen muss und nicht lockerlassen darf. Quasi die "Femme fatale" vieler Produktionsbetriebe. Apropos 👉🏽 Frauen in Entscheidungspositionen verbinden laut dieser Studie deutlich weniger Angst mit Digitalisierung, als Männer das tun. (Tja, liebe Männer ...)

White Paper zum Thema

Subjektive Selbsteinschätzung

Am coolsten sieht man übrigens die Digitalisierung in den Bereichen HR, Fertigung und dem F&E-Bereich. Hingegen lässt es der Sales-Abteilung wie der Produktion bzw Bereitstellung von Services die Haare zu Berge stehen. Aber gerade die Produktion gibt sich wiederum am zuversichtlichsten. Wohingegen ausgerechnet Marketing, HR und – jetzt wird’s interessant – IT-Abteilung alarmiert sind. Was ich besonders schön finde, die letzte Folie: „Wie digital sind wir eigentlich?“ Wann ist ein Unternehmen komplett digitalisiert? Ganz richtig: Vermutlich gar nie. Die Befragung zeigt: Die Unternehmen wissen, dass sie noch nicht am Ziel sind. Nur ganz wenige glauben, zumindest die Hälfte eines Weges ohne konkreten Ziels schon geschafft zu haben. Selbsterkenntnis ist eben doch der erste Schritt zur Digitalisierung.(eb)