Software

Low-Code: So will die Industrie künftig programmieren

Noch sind Industrieprojekte in der Low Code-Szene rar gesät. Mit Skepsis begegnet man den Drag & Drop-Projekten, wo aus vorgefertigten Codebausteinen ganze Applikationen zusammengeklickt werden. Doch eine Übernahme von Siemens lässt aufhorchen.

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Robotik IT Automation Siemens Scopeland Technology Mendix

Zukunftsmarkt: Low Code (oder auch No Code) geht von der Annahme aus, dass für das Entwickeln von Software-Applikationen entweder gar kein oder nur sehr wenig Programmierwissen erforderlich ist.

Als Siemens vor einem Jahr die Übernahme von Mendix bekannt gab, da mussten manche Branchenbeobachter und Journalisten den Übernahmekandidaten erstmal googeln. Das Ergebnis: Der deutsche Technologie-Konzern investierte in ein Low Code-Unternehmen, eine Low Code-Plattform. Das machte viele nicht wirklich schlauer. Die Mehrheit druckte brav die Pressemitteilung ab, die Idee dahinter hinterfragten nur wenige Branchenanalysten. Der Inhalt dieser Pressemitteilung hat es nur knapp geschafft, denn Journalisten konnten sich unter Low Code kaum etwas vorstellen. Wieder so ein IT-Thema? Ja, aber eines, das die Industrie und die Entwicklung verändern wird.

Was ist Low Code?

Low Code ist einfach. Low Code (oder auch No Code) geht von der Annahme aus, dass für das Entwickeln von Software-Applikationen entweder gar kein oder nur sehr wenig Programmierwissen erforderlich ist. Und die Experten von der Low Code-Plattform Simplifier aus Würzburg ergänzen: Die spezielle Plattformkategorie verfolgt das Prinzip, dass Anwender ohne Programmierkenntnisse in die Lage versetzt werden, eigene Anwendungen zu erstellen. Fast alle Aufgaben, Einstellungen, Designs, Logiken usw. lassen sich mittels einer UI-Oberfläche und entsprechenden Elemente konfigurieren und in die Systemlandschaften integrieren. Die Qualitätsanforderungen können damit trotzdem eingehalten werden. Die Idee dahinter klingt vielversprechend: Gerade für IT Abteilungen mit Ressourcenmangel bieten Low-Code Plattformen eine Möglichkeit, dem hohen Bedarf an Anwendungen und deren Anforderungen gerecht zu werden. Durch den Low-Code Ansatz können Anwendungen bis zu zehnmal schneller entwickelt werden, was die Entwicklungszeit deutlich beschleunigt und Kosten reduziert, heißt es bei Simplifier beispielsweise.

Ein 15 Milliarden Dollar Markt

Das heißt: Bei Low-Code-Plattformen wird die eigentliche Software komplett und durchgehend mit einem cockpitartigen Programm rein interaktiv und mit Drag and Drop aus vorgefertigten Funktionalitäten zusammengeklickt, erklären die Experten von Scopeland Technology, einer weiteren Low Code-Plattform. Für seltene Ausnahmen, die man so auf Anhieb nicht umsetzen kann, werden kleine ‚Codeschnipsel‘ in der Sprache des Zielsystems programmiert, die auf das automatisch generierte Objektmodell zugreifen können und deshalb sehr einfach und verständlich bleiben. Industrieprojekte sind noch rar gesät in der Low Code-Szene. Doch sie werden kommen, weil die Fachkräfte fehlen und die Budgets mit Low Code geschont werden. Der US-Analyst Forrester Research prognostiziert Low-Code-Produkten ein jährliches Marktvolumen von mehr als 15 Milliarden Dollar, und das schon binnen weniger Jahre.

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Siemens investiert in Low Code

Siemens investierte auch deshalb in Low Code, weil mit der schnellen Softwareentwicklung auch die App-Plattform Mindsphere schneller gefüllt, mehr Programme angeboten werden können und die Kunden mehr Auswahl haben. Das war ein kluger Schachzug. Dazu kam: Mendix brachte eine Community von über 60.000 Usern, Standard-Funktionalitäten, deren Entwicklung im Einzelfall teuer sind, und seit einigen Wochen auch eine Schnittstelle zu SAP HANA mit in die Verbindung ein. Continental ist von Low Code überzeugt. Auf der Mendix-World in Rotterdam berichteten Conti-Vertreter vor einer vollen Halle von ihren Erfahrungen mit Low Code. Ein Entwicklerteam setzt Mendix und schafft es damit veraltete Software in einem Viertel der Zeit und mit deutlich geringerem Personalaufwand auf Low Code umzustellen. Das tut er zunehmend mit freundlicher Unterstützung der Künstlichen Intelligenz, die angeblich besser als der Entwickler selbst weiß, wie die zu programmierende Applikation funktionieren soll.

99 Prozent des Codes automatisch generiert

Eine Anwendung außerhalb der Industrie sorgte vor einigen Wochen für Aufsehen in der Branche. Dass die Low-Code-Technologie auch ideal für Großprojekte geeignet ist, beweist das von Scopeland Technology jüngst umgesetzte Projekt für die deutsche Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Hierbei handelt es sich um eine mehr als 58 Fachmodule umfassende Softwarelösung für die Fischerei-IT, bei der von circa 1,9 Millionen Zeilen Programmcode mehr als 99 Prozent automatisch generiert wurden. Oder anders formuliert: Beim Fischerei-IT-Projekt musste insgesamt für nur 15.000 Zeilen, und somit 0,8% der gesamten für den Kunden entwickelten Software, händisch Programmcode geschrieben werden.

Konfigurationsfehler per Mausklick beheben

Anders als vielleicht zunächst erwartet hat sich beim Fischerei-IT-Projekt gezeigt, dass die Low-Code-Entwicklungsmethodik nicht auf Kosten der Stabilität, Performance, Sicherheit und sonstiger Qualitätsmerkmale einer Software geht, sondern deutlich weniger Programmfehler und sonstige technische Probleme mit sich bringt, schreibt Scopeland Technology stolz. Natürlich sind Low Code-Entwickler nicht davor gefeit, Fehler zu machen, aber sie profitieren davon, dass die eigentliche Software schon weitgehend fertig ist: Bei Low-Code-Technologien kommen zur Laufzeit fast nur vorgefertigte Programmkomponenten zum Einsatz. Konfigurationsfehler lassen sich in der Regel mit ein paar Mausklicks beheben und patchen. Das gesamte Programmpaket muss nicht erneut durchgetestet werden.

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