Digitalisierung

Kremsmüller Industrieanlagen: Warum Predictive Maintenance noch dauert

Als ernüchternd beschreibt Gregor Kremsmüller die Versuche, Smart Maintenance & Co in seinem gleichnamigen Industrieanlagenbau-Unternehmen einzuführen. Sein Fazit: Industrie 4.0 ist ein gedankliches Kind des Maschinenbaus und nicht der gesamten Industrie. Zu Recht?

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"Hat es vor fünf Jahren also noch geheißen, die Digitalisierung wird uns alle überrollen, setzen wir heute Projekte nicht anders um als damals. Nichts hat uns überrollt." Gregor Kremsmüller, CEO Kremsmüller Industrieanlagenbau. 

„Ich mag das Wort ‚Industrie 4.0‘ nicht. Da wurde ein Hype aufgebaut und eine Blase ist entstanden“, sagt Gregor Kremsmüller. Ist der Chef des gleichnamigen großen Industrieanlagenbauers damit ein Digitalisierungsverweigerer? Weit gefehlt: Die oberösterreichische Kremsmüller Industrieanlagenbau KG hat sich schon früh mit der Thematik „Industrie 4.0“ beschäftigt. Vor allem die Bereiche "Predictive Maintenance" und "Smart Maintenance" trieb Gregor Kremsmüller voran. Drei Jahre später zieht er eine nüchterne Bilanz: „Die Digitalisierung verspricht uns, dass Anlagen so stark mit Sensoren ausgestattet werden, dass die Wartung vollautomatisch möglich ist. Die Frage ist aber: Brauchen wir das überhaupt?“ Technologien einzusetzen, die den Anwender ausklammern hält Kremsmüller für unnötig, schränkt aber auch gleichzeitig ein: „Ich kann bei der Digitalisierung nur für meine Kernbranche, der Prozessindustrie, sprechen.“ Industrie 4.0 hält er daher für das gedankliche Kind des Maschinenbaus.

Technologie als Bedrohung der Mitarbeiter unterschätzt?

Der Schlüssel bei neuen Technologien liegt für die Anlagenbauer in der Akzeptanz der Mitarbeiter. Sensoren in Maschinen, die nötige Reparaturen erkennen und an ein Computersystem melden, sind für sie nicht das Gelbe vom Ei. „Menschen werden hier nicht unterstützt, sondern ersetzt“, warnt Kremsmüller. Damit sinkt die Akzeptanz. Darüber habe man sich bisher offensichtlich zu wenig Gedanken gemacht: Es gebe zwar sehr viele Technologien die zweifelsohne funktionieren, doch bei deren Entwicklung sei der Faktor Mensch zu kurz gekommen. „Sehr viele 4.0-Produkte gehen wieder unter, weil die Art und Weise ihrer Verwendung zu wenig bedacht wurde“, ist sich Kremsmüller sicher. Mitarbeiter würden sich eher bedroht als unterstützt fühlen.

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Der Mensch an der Maschine ist viel wichtiger als man denkt

Ein Kurs, der eine falsche Richtung aufweist, denn damit schafft die Digitalisierung Unsicherheit und Angst. Was wiederum zu prozesstechnischen Blockaden führt. Für Gregor Kremsmüller hat das vor allem mit der zunehmenden Automatisierung in der Arbeitsvorbereitung zu tun. „Die Beziehung vom operativen Arbeiter zu seinem unmittelbaren Vorgesetzten hat sich verändert.“ Arbeitsanweisungen kommen nicht mehr von Menschen, sondern von Computersystemen. Das spare vielleicht Zeit und sorge für mehr Effizienz, „aber es nimmt auch viel Handlungsspielraum, Kreativität und Entwicklungspotential“, gibt Kremsmüller zu bedenken. Insgesamt werde der Technologie zu viel zugetraut. Der Mensch an der Maschine habe aber eine gewichtigere Rolle als viele denken. 

"Die Digitalisierung hat uns nicht überrollt."

Dazu komme, dass Industrie 4.0 bei vielen Entscheidungsträgern immer noch auf Skepsis stoße. Bedient damit der Anlagenbau das Klischee des alten Chefs der Teppichetage, der noch ein Tastenhandy benutzt? Wohl kaum. Dennoch bleibt es ein Generationsthema. „Wir haben nicht von heute auf morgen ausschließlich ‚Digital Natives‘ im Unternehmen sitzen“, so Kremsmüller. Gerade bei Dienstleistungen im Industrieumfeld gibt es lange Ketten an Entscheidungsträgern. Ein einzelner Mitarbeiter, der nicht vom System überzeugt ist und Dinge daher nebenbei auf eine andere Art und Weise abwickelt, kann alles zum Wanken bringen. Eine ablehnende Haltung, die den Anlagenbau wohl noch länger beschäftigen wird.

Predictive Maintenance spielt kaum eine Rolle

Die Industrieanlagenbauer haben also wie viele vor ihnen schon einiges ausprobiert. „Versuchsballone“ wurden gestartet, wie Gregor Kremsmüller es beschreibt. Eine Zusammenarbeit mit einem innovativen Start-Up war Teil dieser Versuche. Die Branche der Oberösterreicher verlange gar nicht nach Themen wie "Predictive Maintenance". Mitarbeiter wurden befragt, die Meinung von Kunden und Zulieferern eingeholt und hat die Industrieanlagenbauer auf den ernüchternden Boden der Realität geholt. „Keiner will das laut aussprechen, um nicht als Innovationsverweigerer dargestellt zu werden. Aber die Wahrheit ist: Predictive Maintenance spielt in unserer Kernbranche kaum eine Rolle.“ Zumindest nicht in der derzeitigen Ausprägung. „Sobald die Technologie Mensch-gerechter geworden ist, wird sich jeder gerne von Algorithmen unterstützen lassen“, behauptet Kremsmüller. Nicht zu vergessen: Datenschutz-Aspekte, die immer deutlicher "Show-Stopper" sind.

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Von Versuchsballonen und dem Boden der Realität

Hat es vor fünf Jahren also noch geheißen, die Digitalisierung wird uns alle überrollen – „Setzen wir heute Projekte nicht anders um als damals. Nichts hat uns überrollt“, zuckt Gregor Kremsmüller mit den Schultern. Selbst Kunden würden noch nach bewährter Arbeitsweise verlangen. „Sie wollen Projekte auch weiterhin „old school“ abwickeln“, so der CEO. Den Kopf in den Sand stecken die Anlagenbauer deshalb noch lange nicht: Es sei immer nötig nach dem Stand der Technik zu arbeiten, sich gemeinsam mit Anbietern weiterzuentwickeln. Sie werden auch weiterhin eine Pionierrolle beim Einsatz neuer Technologien übernehmen. Nur Innovationszyklen künstlich und mit Gewalt zu beschleunigen, davon hält man in Oberösterreich nichts mehr.

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