Logistik

Kälte ohne Footprint

Die City-Logistik soll emissionsfrei werden. Aber gelingt das auch bei Kühltransporten? Ein Wiener Start-up hat eine erstaunliche Lösung gefunden.

Logistik Emissionen Umweltschutz Productbloks

„Wir haben lange recherchiert, ob es schon ähnliche Lösungen gibt“, sagt Dominik Radler, „aber offenbar ist es wirklich das weltweit erste gekühlte Fahrzeug, das im Betrieb völlig ohne Emissionen unterwegs ist.“ Radler ist CTO und Mitbegründer von Productbloks, einem Wiener Unternehmen, das sich auf E-Mobilität und nachhaltige Kühltransportlösungen spezialisiert hat. Und das es geschafft hat, eine schmerzhafte Lücke in der urbanen E-Mobiltät zu schließen.

Zwei Faktoren erschweren bislang emissionslose Kühltransporte. Einerseits die Kühlung selbst: Die Kältemittel, die im mobilen Bereich üblicherweise eingesetzt werden, erzeugen aufgrund fluorierter Verbindungen selbst schädliche Emissionen. Andererseits bedeutet die Mitnahme eines weiteren Akkus, dass eines der Kernprobleme der E-Mobilität – die hohe Masse – weiter verschärft wird.

Kühlen ohne Footprint

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Zero Logistics“ unter der Führung der Schachinger-Tochter iLog konnte für beide Bereiche eine elegante Lösung gefunden werden. Productbloks hat ein Kühlsystem entwickelt, das mit Propan funktioniert, einem natürlichen Kältemittel, dessen Treibhauseffekt nahe Null liegt. Dass sich Propan im mobilen Bereich bislang nicht durchgesetzt hat, ist vor allem seiner hohen Brennbarkeit geschuldet. Das Team um Dominik Radler hat es geschafft, die Füllmenge im dichten Kälte-Kreislauf auf nur 140 Gramm zu reduzieren, und auch für das Handling im Falle eines Propan-Lecks neue Ansätze gefunden. Patentrechtlich abgesichert und von externen Prüfinstituten wie TÜV Süd oder AIT zertifiziert.

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Zugriff auf den heiligen Gral

Der zweite Schritt ist fast noch spektakulärer: das Anzapfen des Antriebsstrangs, um auch das Kühlsystem zu betreiben. Und das, erzählt Radler, bedurfte einiger Überzeugungsarbeit. „Die Traktionsbatterie ist so etwas wie der heilige Gral der Hersteller. Sie gehen daher sehr protektionistisch damit um.“ Eingewilligt hat schließlich Nissan, in dessen im Projekt eingesetzten Van EVN 200 das Kühlaggregat direkt vom Primärantrieb gespeist wird.

Dass damit eine Batterie eingespart wird, bringt nicht nur Vorteile hinsichtlich Zuladung und Reichweite – es tangiert auch eine psychologische Komponente: Batterien sind Hightech-Produkte, um die man sich als Betreiber auch kümmern muss. „Wenn man die Batterie für die Kälteanlage nicht sauber thermisch managt, dann ist sie schon nach ein paar Jahren am Ende. Unser Zugang entlastet die Betreiber davon, zwei Batterien laden und überwachen zu müssen.“

Die Anbindung an die Motorsteuerung sei zudem für einen zuverlässigen Auslieferungsprozess unverzichtbar, sagt Radler. Standardmäßig wird jeder Nebenverbrauch beendet, wenn der E-Van abgestellt ist. Das Kühlaggregat müsse aber während des Be- und Entladens unbedingt weiterlaufen.

Neues Denken in der Flottenplanung

Dominik Radler ist, wie auch seine beiden Gründer-Kollegen, eingefleischter Techniker mit Industrie-Hintergrund. Doch sein Ansatz geht über Technik hinaus. „Ich glaube, dass die Betreiber von batterieelektrischen Flotten vor völlig neuen Herausforderungen stehen, die Flotte zu verwalten, die Touren richtig zu planen und auch die Fahrer dahingehend zu schulen, dass das Gesamtfahrzeug als Verbund betrachtet werden muss.“

Im Rahmen des „Zero Logistics“-Projekts beim oberösterreichischen Biohof Achleitner wurden in Echtzeit die Temperatur im Laderaum, der Energieverbrauch und die Kilometerleistung getrackt. Mit einigen spannenden Ergebnissen. So wurde etwa sichtbar, dass die Türen des Vans überraschend häufig und lange offenstanden. „Das mag auch damit zusammenhängen, dass Betreiber nicht immer wissen, was sie ihrer Anlage damit antun. Bei einem Dieselfahrzeug spielt das eine geringere Rolle, beim batterieelektrischen kann es darüber entscheiden, ob man die Tour zu Ende fahren kann oder nicht.“

Sobald man eine Kälteanlage auf ein batterieelektrisches Fahrzeug montiert, ist sie schlagartig der zweitgrößte Verbraucher nach dem Antriebsstrang – und das, sagt Radler, sei viel mehr als nur der Ersatz einer Technologie durch eine andere. Das Spannungsdreieck der E-Mobilität – Masse, Reichweite und Energieverbrauch – verlangt Radler zufolge also nach einem grundlegend veränderten Zugang zum Flottenmanagement. „Denn jedes der drei Ziele ist den anderen entgegengesetzt. Das ist für viele Betreiber neu, denn das gibt es im Diesel-Bereich so nicht.“ (red)