Interview

IT in der Industrie, Fachkräftemangel und Frauenquoten: Dell Technologies klärt auf

Mit dem Vorurteil eines Daseins als reiner Hardwarelieferant versucht Dell Technologies seit Jahren aufzuräumen und hat es dank der Fusion mit EMC auch fast geschafft. Aber der IT-Konzern will auch andere Vorurteile ausmerzen. FACTORY sprach mit Jeannine Peer, Regional Vice President Western Europe.

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Am Rande des Dell Technologies Forum in Wien sprach FACTORY mit Jeannine Peer, Regional Vice President Western Europe, über IT in der Industrie, Fachkräftemangel und Frauenquoten.

Factory: Frau Peek, was viele nicht wissen, Ihre Geräte verstecken sich in so manchem Industriebetrieb. was leistet Dell für Industrieunternehmen?

Jeannine Peek: Richtig. Mit unseren Anwendungen arbeiten z.B. Weba Werkzeugbau, Welser Profile und Lenzing. Eine weitere Geschäftssparte von uns ist auf Endgeräte spezialisiert, darunter auch Laptops für extreme Anforderungen.

Also kann man behaupten, Dell Technologies ist ein reiner Hardwarelieferant.

Peek: Fast. Wir liefern die Infrastruktur, die Fabriken für die Digitalisierung benötigen. In Industrieanlagen werden immer mehr Daten verarbeitet, gespeichert und analysiert. Dazu braucht es eine entsprechende Hardware und Software. Gerade mit dem Digitalisierungs-Hype gewinnt der Industriesektor für uns weiter an Bedeutung.

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Das ist lustig, man bringt eigentlich mit Digitalisierung mehr Microsoft (Azure) in Verbindung als Dell Technologies.

Peek: Es kommt darauf an, über welche Form der Digitalisierung wir sprechen. Mittlerweile tauchen viele neue Anwendungen wie Machine Learning oder Predictive Maintenance am Markt auf. Dabei helfen wir Kunden, ihre Prozesse über verschiedene Cloud-Möglichkeiten und Umgebungen hinweg zu verwalten und zu steuern.

Man hat das Gefühl, Dell dringt in den Markt von Cloudanbietern ein. Sind Sie ein Konkurrent von Microsoft?

Peek: Nein, im Gegenteil. Wir unterstützen verschiedene Cloud-Anbieter und sind ein Partner im Cloud-Umfeld. Microsoft zum Beispiel ist kein Wettbewerber, sondern ein wichtiger Partner, wenn es um Cloud-Services geht. Wir stellen sicher, dass unsere Kunden mit allen verschiedenen Cloud-Anbietern zusammenarbeiten und nahtlos zwischen verschiedenen Cloud-Umgebungen arbeiten können.

Factory: Versucht Dell das Image des klassischen Hardware-Providers los zu werden?

Peek: Wir wollen nichts loswerden. Natürlich bleibt die Hardware ein sehr wichtiger Teil dessen, was wir tun. Aber mit der Fusion mit EMC haben wir uns zu einem viel breiteren Unternehmen entwickelt. Wir sind kein klassischer Hardwarelieferant mehr. Deshalb heißen wir heute Dell Technologies und nicht mehr Dell Computer.

Factory: Mit der Übernahme von EMC haben Sie eine Metamorphose durchgemacht. Inwieweit spielt Künstliche Intelligenz (KI) dabei eine Rolle?

Peek: KI spielt eine wichtige Rolle auf dem Markt. Es ist ein sich abzeichnender Trend und wir sind ein wichtiger Lieferant, um Unternehmen bei ihrer Arbeit mit KI zu unterstützen.

© Marko Kovic

Zur Person: Jeannine Peek hat einen Ingenieurabschluss der Universität Twente (NL) mit dem Schwerpunkt Business ICT. Sie ist Regional Vice Presindet Western Europe bei Dell Technologies. In ihrem Zuständigkeitsbereich liegen die Märkte Dänemark, Finnland, Norwegen, Österreich, Portugal, Spanien und die Schweiz. Persönliche Schwerpunktthemen sind Diversity-Management und Frauenförderung.

Sie sind mittlerweile stark in den IoT-Support von Fabriken eingebunden, dazu zählt auch die Robotik.

Peek: Diese zunehmende Automatisierung stellt für uns einen sehr interessanten Übergang dar. Wir wollen die Rahmenbedingungen für die Einführung dieser Technologien mitgestalten.

Dell Technologies produziert aber keine Roboter?

Peek: Robotik ist für uns interessant, weil es sich um künstliche Intelligenz handelt. Natürlich baut Dell keine "Roboter", aber der maschinelle Helfer kann nie ohne eine Anwendung und die dahinterstehende IT-Infrastruktur laufen. In diesem Sinne sind wir sehr an der Robotik interessiert.

Sie reden davon, Rahmenbedingung für die Digitalisierung mitgestalten zu wollen. In welchen Gremien sind Sie dazu vertreten?

Peek: Wir haben ein sehr großes Team von Mitarbeitern, die sich mit allen möglichen Themen in der Europäischen Union befassen, nur um sicherzustellen, dass der Markt offen, transparent und fair ist. Die Bereiche reichen von der Normung bis zum Umweltschutz.

Trotzdem ist Ihr Unternehmen z.B. nicht in der OPC Foundation vertreten. Ein wichtiges Gremium für Kommunikationsstandards in der Industrie.

Peek: Ich sehe das nicht als Problem. Es ist etwas, was wir ständig sicherstellen müssen - dass verschiedene Kommunikationsstandards, die auf dem Markt verwendet werden, unterstützt werden müssen.

Factory: Predictive Maintenance ist ein Thema, in dem Sie jede Menge Wandel sehen. Inwieweit?

Peek: Weil es eine Kombination aus IoT und KI ist. Was ich sehe, ist, dass die vorausschauende Instandhaltung ein aufkommendes Problem in der Fabrikautomatisierung ist.

Ein Problem? Warum?

Peek: Vorausschauende Instandhaltung ist ein sehr effizienter Weg um sicherzustellen, dass die Wartung rechtzeitig durchführt wird, aber auch, um sicherzustellen, dass die Wartung nicht übermäßig durchführt wird. Der tatsächliche Wartungsbedarf lässt sich vorhersagen.

Gehen wir zurück zum IoT-Support von Fabriken. Spezialisiert sich Dell dabei auf Software oder auf Hardware?

Peek: Wir machen beides. Als Infrastrukturunternehmen liefern wir Hardwarekomponenten, die Sie für den Aufbau einer IoT-Umgebung benötigen. Dazu zählen Speicher, Gateways und andere Geräte, um Daten zu sammeln und zu verarbeiten. Aber ohne Software können Sie keine Daten verarbeiten. Deswegen bieten wir Unternehmen auch eine Plattform an, auf der sie IoT-Lösungen betreiben können - von Edge über Core bis Cloud.

Warum kämpfen Sie für Gleichstellung und mehr Frauen in der IT?

Peek: Die IT-Branche ist leider nicht sehr gut darin, zu verbalisieren, wie viel Spaß IT macht und wie wichtig sie für Menschen und den Fortschritt ist.

Worin liegt der Ansporn Frauen für IT zu begeistern?

Peek: Wenn du bloß einen Teil potenzieller Bewerber ansprichst, kannst du nicht das volle Potenzial des Arbeitsmarktes ausschöpfen. Wenn wir mehr Interessenten motivieren und anlocken, können wir das Problem des Fachkräftemangels zum Teil lösen. Dell Technologies will Zugang zum gesamten Potenzial am Arbeitsmarkt. Wenn wir als gleichbehandelnde Firma wahrgenommen werden und ein respektvolles Umfeld schaffen, ist das wesentlich einfacher.  

Dann ist doch die Frauenquote für Unternehmen ein ideales Mittel?

Peek: Es braucht eine aktive Förderung von Frauen. Dennoch bin ich kein Fan von Quoten. Manchmal ist es jedoch in Ordnung, dass wir überindexieren, um ein besseres Team zu bekommen. Das bedeutet aber nicht, dass Männer verdrängt werden. Für solche Spielchen haben wir nicht ausreichend Leute. Beide Geschlechter werden gebraucht.

Factory: In Österreich sind weniger als 20 Prozent der Managementposten von Frauen besetzt. Was sagen Sie zu diesem Wert?

Peek: Das ist nicht gut.

Was braucht es um den Prozentsatz zu erhöhen?

Peek: Überzeugungskraft. Ich habe es oft erlebt, dass sich auf eine offene Führungsposition 15 Männer bewerben. Sie kamen umgehend auf mich zu und sagten: „Ich kann das!“ Auch wenn mir klar war, dass sie es nicht können. Aber es gab nie eine Frau, die spontan vorbeikam. In solchen Situationen wäre es am einfachsten, den Besten unter den 15 Männern auszuwählen.

Frauenförderung ist also Management-Sache?

Peek: Letztendlich ist es die Suche nach der besten Person. Das ist die Aufgabe des Managements. Wenn ich nur fünf Lebensläufe am Tisch liegen habe und es sind alles Männer, dann gibt es zwei Optionen: Wähle einen von ihnen aus oder gehe zurück zur Talentakquise und sage: "Ich will auch fünf Frauen." Und wenn ich dann eine Entscheidung treffe und die richtige Person ein Mann ist. Gut. Und wenn es eine Frau ist, auch gut.

Was verändert ein höherer Frauenanteil in der Management-Ebene?

Peek: Management-Teams brauchen mehr Reibung und weniger Harmonie. In vielfältigen Teams gibt es mehr Reibung. Vielfältig bedeutet nicht nur hinsichtlich des Geschlechtes, sondern auch hinsichtlich Alter, Bildung und Berufserfahrung. Unterm Strich sind solche Teams erfolgreicher.

Ist Gender-Gap ausschließlich ein Thema im technischen Umfeld?

Peek: Ich war auch in der Personalbranche tätig. Dort sind 80 Prozent Frauen. In der IT-Branche 80 Prozent Männer. Ich war also auf beiden Seiten und kann sagen. Ein Managementteam mit 80 Prozent Frauen zu haben, macht auch keinen großen Spaß.

Auf einem Arbeitgeber-Bewertungsportal finden sich zu Dell Kommentare wie: „Wenn du eine Frau bist, wirst du hier gefördert. Als Mann hast du schlechte Karten.“ Was sagen Sie dazu?

Peek: Ein Index zu Gunsten der Frauen dient dem Ausgleich. Das bedeutet nicht, dass Qualität verloren geht. Ich bin kein Fan von Beförderung von Frauen, nur des Geschlechts wegen. Die Qualität der Auswahl muss stimmen.

Ist eine Frauenquote den Männern gegenüber nicht unfair?

Peek: Manchmal fühlt es sich an, als würden wir uns übermäßig auf die Frauen konzentrieren. Aber nur, solange der Frauenanteil nicht in der Nähe von 50 Prozent liegt. Betrachten Sie es aus einer anderen Perspektive: Männer besetzen in Österreich 80 Prozent der Managementpositionen. Ist das eine faire Verteilung?

© Marko Kovic

"Frauenquoten dürfen Männer nicht verdrängen. Für solche Spielchen haben wir nicht ausreichend Leute. Beide Geschlechter werden gebraucht."

Wie setzt sich Dell mit dem Thema Gleichstellung auseinander?

Peek: Vor 15 Jahren dachten wir: Wir schicken alle zu einem Training und dann geht es automatisch los. Das hat nicht funktioniert. Dann haben wir uns Ziele gesetzt. Das hat auch nicht funktioniert. Erst in den letzten fünf Jahre haben wir daran gearbeitet das Bewusstsein für das Männliche und Weibliche in der Firma zu schärfen. Wie man mit Vorurteilen umgeht. Wir alle haben die Tendenz, nach etwas zu suchen, das uns ähnlich ist, dann fühlen wir uns wohl. So wählen wir womöglich nicht die richtige Person für einen bestimmten Job aus. Es war auch in unserem Unternehmen eine Lernkurve.

Ist das nicht nur hohles Employer Branding?

Peek: Wenn es nur Employer Branding wäre, würden wir nicht so viel Geld dafür ausgeben. Michael Dell, der Gründer von Dell, investiert viel Geld in Forschung. Denn die Veränderung geschieht nicht automatisch.

Worin liegt die Herausforderung?

Peek: Die verzerrte Wahrnehmung. Wenn ich sage: Beschreibe mir eine Führungspersönlichkeit; beschreiben die meisten Menschen einen Mann. Das sind Vorurteile in unseren Köpfen. Sieht man sich Länder an, in denen die Führungspositionen zwischen Frau und Mann gleichverteilter ist, verschwindet die Voreingenommenheit. Ein spannendes Beispiel aus dem IT-Sektor ist Spanien. Man erwartet es nicht, aber die Anzahl der weiblichen Führungskräfte in spanischen IT-Unternehmen liegt beinahe bei 50 Prozent.

Abschließend, womit hatten Sie in Ihrer Karriere zu kämpfen?

Peek: Falscheinschätzungen meines Gegenübers habe ich in der Karriere oft erlebt.

Wie gingen Sie damit um?

Peek: Ich ignorierte es einfach. Spätestens, wenn es um Fachkompetenz geht, klärt es sich auf.

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