Halbleiter

Infineon: „Die Halbleiterindustrie ist global“

Wer am meisten unter den weltweiten Chip-Engpässen leidet und wo Europa aufholen kann.

Mindestens ein Fünftel der globalen Wertschöpfung der Chipbranche soll bis 2030 in Europa stattfinden.

Aufgrund der anhaltenden Engpässe bei Chiplieferungen an die Autokonzerne werden laut Schätzungen des Marktforschers IHS 2021 weltweit eine Million Fahrzeuge weniger gebaut. Das hat auch Auswirkungen auf Halbleiterproduzenten wie Infineon. Die Situation ist durch den Handelskonflikt zwischen China und den USA nochmals verschärft. Der Konflikt hat nicht nur zu weiteren Engpässen in der Chipversorgung geführt, sondern auch die Schwächen Europas im Technologiesektor noch hervorgehoben.

Das soll der „digitale Kompass“ bringen

Um dem gegenzusteuern, hat sich die EU in ihrem "Digitalen Kompass" bis 2030 große Ziele gesetzt: Mindestens ein Fünftel der globalen Wertschöpfung der Chipbranche soll bis dahin in Europa stattfinden. Derzeit sind es gerade mal vier Prozent. Geplant ist zudem eine eigenständige europäische Cloud-Infrastruktur ("Gaia-X"), die eine vollständige Abdeckung der bevölkerten EU-Regionen mit dem Mobilfunkstandard 5G zum Ziel hat sowie die vollständige Digitalisierung der wichtigsten öffentlichen Dienstleistungen mit Anbindung an das Web.

Vergabe der Produktion von Mikrocontrollern

Die Produktion von Mikrocontrollern wird von Infineon mehrheitlich an Dienstleister vergeben. Dieser Anteil soll hoch bleiben. „Infineon fertigt selbst, wenn sich daraus ein Wettbewerbsvorteil ergibt, zum Beispiel Leistungshalbleiter und Sensoren. Ausgelagert wird die Herstellung von Produkten, bei denen die Differenzierung zum Wettbewerb im Design und in der Architektur liegt, nicht aber in der Fertigungstechnologie“, erklärt Helmut Gassel, Infineon-Vorstand für Vertrieb, Unternehmensstrategie und Firmenübernahmen. Hierzu gehören auch Mikrocontroller, weshalb ihr Anteil an der Auftragsfertigung deutlich höher als bei anderen Chipprodukten ist.

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Wer leidet am meisten unter den Engpässen?

„Wir sehen nicht, dass Europa stärker betroffen wäre als die USA. Dort gibt es ebenfalls Engpässe, auf die die US-Regierung reagiert hat. Verschiedene Regierungen haben in den letzten Jahren die Bedeutung von Halbleitern erkannt und fördern die regionale Produktion. Dabei geht es zum einen um die lokale Wertschöpfung und zum anderen um den Erhalt und Ausbau der Kompetenz“, so Gassel. Die Diversifizierung von Lieferketten und Produktionsstandorten erhöht die Widerstandskraft der Branche und verringert im Krisenfall Lieferengpässe. Investitionen im zweistelligen Milliardenbereich durch Wirtschaft und Staat sind dafür laut Gassel ein wichtiger Schritt. „Zugleich muss uns dabei jedoch eines bewusst sein: Die Halbleiterindustrie ist global. Sie speist ihren Erfolg aus Skaleneffekten, der letztlich allen zugutekommt. Deshalb plädieren wir weiter für eine internationale Arbeitsteilung unter fairen Wettbewerbsbedingungen.“

Hier kann Europa nachsetzen

Europa ist etwa bei Leistungshalbleitern, Sensorik oder bei Sicherheitschips führend. Diese Stärken sollten ausgebaut werden, um konkurrenzfähig zu bleiben. „6G oder künstliche Intelligenz sind Themenfelder, die wir zusätzlich und frühzeitig angehen müssen. Hier sind allerdings hohe Investitionen notwendig. Daher muss meiner Meinung nach Europa insgesamt Initiative zeigen“, plädiert Gassel. Dafür braucht es laut ihm auch den politischen Willen, da das Benötigte über das hinausgeht, was ein Unternehmen alleine entscheiden und leisten kann.

Infineon hat mit zwei milliardenschweren Zukäufen im Silicon Valley, International Rectifier im Jahr 2015 und Cypress Semiconductor 2020, gezeigt, wie die Europäer in der Branche auch global aufzeigen können. Zudem hat Infineon auch während der Pandemie seine Fertigungskapazitäten ausgebaut. In Villach entsteht derzeit eine neue Fabrik für Leistungshalbleiter, die auch für Elektroantriebe benötigt werden.