Robert Kremnitzer unterstützt für ecoplus International GmbH Unternehmen aus Niederösterreich (u.a. aus der Mechatronik) dabei internationale Geschäfte zu entwickeln und unterrichtet an der FH Wr. Neustadt. Die Digitalisierung sieht er als Megatrend und Nährboden für neue Technologien, die vielen Unternehmen internationale Markteintrittsmöglichkeiten eröffnen.

Kommentar

Industrie 4.0: Wir sollten Arbeit endlich neu definieren

Planwirtschaft ist Mist, Marktwirtschaft ebenso. Beide Systeme haben sich als nicht tauglich herausgestellt, um eine Wirtschaft zu entwickeln in der unser aller Wohl an oberster Stelle steht. Ob das Industrie 4.0 ändern könnte?

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Arbeit 2.0 muss unabhängig von der Bezahlung gesehen werden, meint Robert Kremnitzer. Diese kann jedoch nur entstehen, wenn Arbeit nicht mehr als Einkommensquelle sondern als Beitrag zum Gemeinwohl gesehen wird und auch gesellschaftlich so anerkannt wird.

Wenn die Berater Recht haben und alles, was digitalisiert werden kann auch digitalisiert wird (was ich stark bezweifle), dann bleibt uns Menschen wenig zu tun. Die Mär, dass Arbeitsplätze in gleicher Zahl nachwachsen,  wie sie verschwinden, betraf bisherige Rupturen, da sie auf Branchen  oder Zweige beschränkt waren – nicht jedoch das Internet, das sich heute schon fast in jeder Faser unseres Lebens eingenistet hat und uns nun von innen heraus digitalisiert. Produktivität wird in Zukunft  immer mehr durch automatisierte Systeme geschaffen. Unterschiede in den Arbeitsproduktivitäten, wie sie derzeit in der EU zu beobachten sind werden im Übrigen durch eine flächendeckende Automatisierung wegfallen.

Wozu das Ganze?

Mit dem Rückgang der Arbeit wird– positiv formuliert - die Frage nach dem Sinn wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Wenn wir nicht mehr arbeiten um zu leben, und uns die Robotik, Internet und überaus smarte Produkte nicht leben lassen um zu arbeiten-  wozu dann das Ganze? Arbeit ist heute Synonym für bezahlte Arbeit und wofür nun bezahlt wird und wofür nicht, das regelt die Nachfrage - „der Markt“. Dahinter steckt jedoch nicht das Gemeinwohl (sonst würden Plastiksackerl, Dieselautos oder Atommeiler nur wenig gefragt sein) sondern Kapitalinteressen. Dies obwohl Wirtschaft eigentlich nur ein Ordnungsprinzip zur Maximierung des Gemeinwohls ist bzw. wäre. Zumindest wurde die Ökonomie schon vor 2000 + Jahren von  Platon u.a. als solche definiert.

Indem wir den Markt als Austauschprinzip zwischen das gemeinwohlorientierte Ziel unserer Ökonomie und unsere individuellen Bedürfnisse schieben verzerren und verschieben wir das Prinzip Wirtschaft.  Die Volkswirte haben das erkannt und als Lösung in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auch das Zielesystem in Ebenen unterteilt – sie trennen die Entstehungsrechnung des BIP von der Verteilungsrechnung (und auch der Verwendungsrechnung). Wenn der Kuchen  größer wird, dann wird es allen schon besser gehen! Fragen Sie Thomas Piketty – es stimmt nicht.

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Gemeinwohl statt Bezahlung

Mit der bezahlten Arbeit als von klein auf anerzogenem Lebenssinn wird auch die gesellschaftliche Wertlosigkeit von Arbeitslosigkeit impliziert. Wir sehen im Mitmenschen das Tauschmittel Geld statt dessen Potentiale für die Gemeinschaft. Auch wenn wir den durch die Digitalisierung zu erwartenden Schwund bezahlter Arbeit zunächst durch Umschichtungen, Effizienzsteigerungen oder Stundenreduktionen zu bekämpfen versuchen werden, so wird der Punkt kommen, an dem wir das Ziel des Spieles wieder in den Vordergrund rücken werden müssen. Nicht BIP, Umsatz, Wachstum oder Gewinn sondern ums Gemeinwohl geht es - das Wohl aller in der Gemeinschaft (wie auch immer diese dann definiert wird müssen sich die Rechtsnationalisten mit den Linksliberalen noch ausstreiten). Wir sollten Arbeit derweil neu definieren.  

Arbeit 2.0 als Beitrag zum Gemeinwohl

Diese Arbeit 2.0 kann jedoch nur entstehen, wenn Arbeit nicht mehr als Einkommensquelle sondern als Beitrag zum Gemeinwohl gesehen wird und auch gesellschaftlich so anerkannt wird. Arbeit muss unabhängig von der Bezahlung gesehen werden. Was uns allen dient ist gut, was uns nicht dient sollte nicht gemacht werden. Am Beitrag des Einzelnen zum Gemeinwohl wird sich auch sein Einkommen bemessen. Dabei wird es auch lohnen zum wiederholten Male über das nun schon in einigen Ländern getestete Grundeinkommen zu sprechen. In einem digitalisierten Europa zählen Produktivitätsunterschiede nicht mehr.  Eine Angleichung der Kaufkraft – eines der Hauptziele der EU – bedingt eine Gleichverteilung der Wertschöpfung. Die attestierte Leistungsfeindlichkeit des Grundeinkommens setzt voraus, dass Leistung in Geld umgesetzt wird. Wenn wir aber das eigentliche Ziel des Gemeinwohls voran  stellen, dann wird klar welchen gedanklichen Umweg wir mit der Leistungsdefinition heute gehen.

Planwirtschaft ist Mist, Marktwirtschaft ebenso. Beide Systeme haben sich als nicht tauglich herausgestellt, um eine Wirtschaft zu entwickeln in der unser aller Wohl an oberster Stelle steht. Aber nur, weil wir noch nichts passendes gefunden haben sollten wir die Suche nicht aufgeben….