Volker M. Banholzer ist Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht zu Innovations- und Technikkommunikation in Unternehmen, Journalismus, Politik und Gesellschaft sowie zu Leadership- und Innnovationskulturen.

Tech-Crasher

Industrie 4.0: Der alte Maschinenbau und die neuen Geschäftsmodelle

Die Vokabeln sind seit Jahren dieselben: Die Industrie ist 4.0 ready und die Digitalisierung bringt neue Geschäftsmodelle. Nur weil aber ein Ding mit der Cloud vernetzt wird, ist das noch nicht smart. Wenn ein Maschinenbauer plötzlich das Consulting-Geschäft für sich entdeckt, aber schon.

Dabei soll alles Smart werden. Alleine die Suchanfrage bei Google zum Begriff „Smart Factory“ ergibt 41 Millionen Treffer. In der Kategorie News sind es immerhin noch 17 Millionen. Da fällt es wohl nicht mehr ins Gewicht, wenn die die Trumpf AG hat aktuell eine neue Smart Factory in Chicago eröffnet hat, die nach eigenen Angaben erste komplett mit digital vernetzten Produktionsprozessen geplante Smart Factory für Industrie 4.0-Lösungen. Vielleicht bewegt sich doch etwas, denn Trumpf und Kuka haben auch schon mit Bezahlmodelle mit Daten experimentiert. Nur, wer über die einschlägigen Messen wie die EMO 2017 in Hannover läuft, muss sehr intensiv nach neuen Geschäftsmodellen suchen. Dass sich etwas bewegt und dass sich vor allem die Spielregeln durch neue Player ändern ist aber nicht zuletzt durch den Markteintritt des Plattformanbieters für CNC-Aufträge Orderfox AG aus Liechtenstein offensichtlich.

Laufenden Betrieb nicht auf den Kopf stellen

Die Digitalisierung erlaubt neuen, bislang branchefremden Unternehmen in etablierte Märkte einzudringen. Das wird ist für die bislang marktbeherrschenden Wettbewerber eine Herausforderung, zumal wenn die einzige Digitalisierungsstrategie darin besteht, proprietäre Cloud-Lösungen anzubieten. Natürlich darf und kann eine Industrie im laufenden Betrieb nicht alles umorganisieren und auf den Kopf stellen, nur weil Digitalisierung und Industrie 4.0 vor der Tür stehen. Der Leiter der größten BMW-Werkes Dingolfing, Andreas Wendt, mahnt denn auch, man müsse neue Themen nicht per se umsetzen, sondern diese müssten in die bestehenden Gerüste von Firmenprozessen und vor allem in bestehende Kulturen integriert werden. Das ist angesichts eines Werkes von über 17.000 Mitarbeitern richtig. Trotz dieser Einschränkung hat Wendt auch die Digitalisierung ernst genommen, angepackt und neue Dinge für seinen Prozess ausprobiert.

Maschinenbauer werden zu Consultern

Die Integration innerhalb der Wertschöpfungsketten schreitet voran. Das ist aktuell bei Beratungsunternehmen sichtbar, die nicht mehr nur abstrakte Analyse und Strategieprozesse anbieten, sondern auch Kompetenzen in der Strategieumsetzung und Prozessgestaltung aneignen und aus einer Hand anbieten und damit zu Konkurrenten von Agenturen werden. Da erscheint es nur konsequent, wenn SEW, zwar versteckt, die eigene Erfahrung in Fertigungsplanung und als Ausrüster in ein Consultinggeschäft erweitern will. Ein Modell, das die Maschinenfabrik Reinhausen in der Vermarktung der eigenen Produktionssoftware ebenso verfolgt. Das, was Siemens in der Aren der Digitalisierung gezeigt hat, den Einsatz der eigenen digitalen Tools zur virtuellen Inbetriebnahme von Werkzeugmaschinen, zum Shopfloormanagement oder zur Anforderungsplanung sind die Schritte, die in die Zukunft weisen. Offiziell hält sich Siemens bedeckt, die Kompetenz sehe man nicht bei sich, sondern beim Anwender. Allerdings ist kaum davon auszugehen, dass dieses durchgängige digitale Planungstool nur für das eigene Fertigungsmanagement genutzt würde. Es kommen nicht nur neue Player auf den Markt, auch die etablierten, vor allem großen, Unternehmen werden sicher ihre Wertschöpfungskette erweitern. Neue Anwendungsfelder für bestehendes Wissen und für vorhandene Daten suchen. Das ist dann smart.