Siemens Österreich

Hesoun: Wichtig, so digital wie möglich zu produzieren

Der Siemens-Österreich-Chef befürwortet die neue EU-Industriestrategie und prognostiziert ein teilweises Bleiben des Home Office. Ein generelles Aus für Dienstreisen sieht er nicht.

Wolfgang Hesoun, Siemens-Österreich-Chef, spricht unter anderem über das weltweit größte "Smart City"-Projekt.

Seit September 2010 steht Wolfgang Hesoun an der Spitze von Siemens Österreich. Im APA-Interview betont er die Notwendigkeit der weiteren Digitalisierung der Industrie, bei der Siemens als Vorreiter in Entwicklung und Anwendung agiert. „Das Thema der Digitalisierung von Industrieprozessen wird uns begleiten. Es ist wichtig für den Standort Europa, so digital wie möglich zu produzieren.“ Der Industriestandort Österreich brauche gute Rahmenbedingungen für den Aufschwung. Ein erheblicher Anteil des Siemens-Portfolios sei Digitalisierung und Automatisierung der Industrieproduktion. Prozesse in der chemischen oder Nahrungsmittelindustrie werden digitalisiert, dabei sei die österreichische Niederlassung seit Jahren einer der Treiber im Siemens-Konzern. Auch bei klimaschonenden Umgestaltungen für CO2-Einsparungen sei Siemens Österreich aktiv und will die "Smart City" schaffen.

Das weltweit größte "Smart City"-Projekt ist laut Hesoun die Seestadt Aspern, wo gemeinsam mit der Stadt Wien seit acht Jahren gearbeitet werde. „Wir versuchen, mit unseren optimierten Lösungen hier beizutragen, um CO2 einzusparen und damit Klimaziele zu erreichen.“ Dabei gehe es sowohl um Verkehrslösungen als auch um den Energieverbrauch. Man optimiere die Zusammenarbeit zwischen Netzversorgung und Eigenversorgung durch Photovoltaik. Dabei sollte sowenig wie möglich aus dem Netz kommen und soviel Energie wie möglich selbst im Quartier erzeugt werden. An der Aspern Smart City Research (ASCR) hält die Siemens AG Österreich 44,1 Prozent, die weiteren Anteile halten Wien Energie, Wiener Netze, Wirtschaftsagentur Wien und Wien 3420 Holding GmbH. Die Forschungsgesellschaft nahm im Oktober 2013 ihre Tätigkeit auf.

Europas Digitalisierungsstrategie

Gerade bei der Digitalisierung will die EU mit einer neuen Industriestrategie erreichen, dass Europa gegenüber China und den USA nicht ins Hintertreffen gerät. Hesoun unterstützt die jüngst vorgestellte europäische Industriestrategie: Das sei der Versuch, eine Vergleichbarkeit am Markt herzustellen. Denn während Europa etwa viele Produkte gar nicht nach China exportieren dürfe, habe Europa bisher überhaupt gar keine schützenden Regeln. „Es ist wichtig, dieses berühmte "equal level playing field" herzustellen zwischen China und Europa“, fordert der Manager.

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Ein Beispiel aus der Praxis: Die Produktion von Zügen koste inzwischen in Europa und China das gleiche. So werde zu gleichen Kosten produziert, aber der chinesische Staat versuche den europäischen Markt zu erobern und die chinesischen Firmen böten um 20 Prozent billiger an, gestützt durch staatliche Subventionen. Diese Schieflasten durch staatliche Intervention wolle die EU nun verhindern. Auch bei den Lieferketten sei es wichtig, auf Stabilität zu setzen - die von etablierten europäischen Produzenten vermutlich besser garantiert werden könnte.

Auch in Österreich müsse die Industrie gute Rahmenbedingungen haben, fordert Hesoun. „Österreich ist ein guter Produktionsstandort, das gilt es auch zu erhalten durch eine wirtschaftsfreundliche Politik.“ Um nach der tiefen coronabedingten Krise wieder in einen Aufschwung zu kommen brauche es Erleichterungen für die Wirtschaft. Ein großer Teil des österreichischen Wohlstands werde schließlich von der Industrie beigesteuert.

Produktivitätsverlust durch Home Office?

Die Digitalisierung hat sich in Folge der Corona-Pandemie in der Arbeitswelt durchgesetzt, auch bei Siemens Österreich. Im Bürobetrieb werde zu einem hohen Prozentsatz im Homeoffice gearbeitet. In manchen Bereichen gebe es überhaupt keinen Produktivitätsverlust durch Homeoffice, es hänge aber stark von den räumlichen und sonstigen Möglichkeiten ab, ob Beschäftigte daheim in Ruhe ihre Arbeit verrichten könnten. Nach der Pandemie werde Homeoffice sicher zu einem Teil bleiben, erwartet Hesoun. Auch andere Kontakte könne man digital erledigen, aber nicht alle: „Ich sehe nach der Corona-Pandemie kein generelles Aus für Dienstreisen.“ Kundenbezogene Dienstreisen seien sehr sinnvoll, denn Siemens sei ja kein Internet-Shop, sondern die Technologien würden gemeinsam mit den Kunden erarbeitet. Bei den Siemensianern sei die Bereitschaft, sich gegen Covid19 impfen zu lassen, sehr groß. Man habe schon im Rahmen der Betriebsimpfungen mit dem Schlüsselpersonal begonnen und könnte sofort auch am Standort selber impfen, wenn es dafür Impfstoff gäbe. (apa/red)