Jürgen Weiss hat viel Erfahrung in IT-Konzernen gesammelt und ihnen allen den Rücken gekehrt. Heute steht er auf Hackathons und Digital Thinking: Als Vordenker zieht er der Enge klassischen Abteilungsdenkens kreatives Innovieren vor und berät damit große Industriebetriebe in ganz Österreich. #BesserWeiss

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Gratuliere, Sie haben einen digitalen Zwilling?

Jeder will ihn, nur wenige besitzen ihn: Sensoren, Algorithmen, Big Data sind die Grundzutaten für einen digitalen Zwilling. Welche Branche hier die Nase vorne hat, überrascht ein wenig.

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Mit eigens dafür entwickelten Multikoptern, die Luftaufnahmen machen, digitalisiert das Start-up Festmeter Wälder. 

Man könnte wohl sagen: Alles begann mit der AutoCAD-Zeichnung, dann kamen 3D Animationen und jetzt geistert eine weiterentwickelte Variante davon herum: Der digitale Zwilling. Ein digitaler Zwilling als virtuelles Modell eines Prozesses, eines Produkts oder einer Dienstleistung, welches die reale und virtuelle Welt verbindet. Diese digitalen Abbilder verwenden dabei reale Daten von installierten Sensoren, welche z.B. die Arbeitsbedingungen oder Position von Maschinen repräsentieren. Was leicht klingt, entpuppt sich in der Praxis freilich viel komplizierter. Denn Fabriken wachsen bekanntlich von „außen nach innen“. Soll heißen, in jeder Fertigung gibt es einen alten Maschinenpark. Und diesen virtuell zu durchleuchten ist mitunter sehr schwierig. Da reicht der beste Sensor, der meist im Nachhinein adaptiert wird, nicht.

Sensor allein reicht nicht

In meiner Vergangenheit war ich viel an solchen digitalen Projekten beteiligt. Und habe gelernt, dass eine klassische IoT-Lösung (der funkende Sensor an der Maschine) noch lange keinen digitalen Zwilling bedeutet, dafür ist eine Fabrik viel zu komplex. Nur eine Branche ist da ein echter Vorreiter. Hätten Sie gewusst, dass die Papierindustrie die Idee eines digitalen Zwillings heute bereits am besten verkörpert? Und zwar indem sie ihren besten Zulieferer, den Wald, digitalisiert. Der digitale Zwilling optimiert sozusagen die gesamte Supply Chain vom Pflanzen eines Baumes bis zum Blatt Papier. Initiator war dabei der IT-Dienstleister Tieto. Der IT-Dienstleiter hat dabei ein Konsortium von Start-ups aus Österreich und Finnland zusammengestellt, um diesen digitalen Wald-Zwilling zu ermöglichen. Das Start-up aus Österreich heißt Festmeter, besteht aus Programmierern, Physikern, Maschinenbauern, Forstwirten und Aeronautikern, arbeitete in den vergangenen zweieinhalb Jahren intensiv daran für Forstwirte eine technologische Unterstützung zu entwickeln. Während Tieto dabei einen innovativen Augmented-Reality Ansatz verfolgt, nutzt die Metsä Group das für neue Geschäftsmodelle. Der finnische Dienstleister der Papier- und Forstindustrie übernimmt damit die Verwaltung bzw Verwertung des Waldes für Waldbesitzer. Sie optimieren damit sozusagen den Wert des Waldes für ihre Kunden.

Der digitale Wald

Wie das funktioniert? Mit eigens dafür entwickelten Multikoptern wurden Waldgrundstücke im Rastersystem überflogen und dabei mit einer Spezialkamera Luftbildaufnahmen gemacht, die später am Computer ausgewertet werden. Die spezielle Aufnahmetechnik und die Datenanalyse ermöglicht nicht nur das Auffinden von abgestorbenen, sondern auch das Erkennen von gefährdeten und geschädigten Stämmen noch bevor das durch das menschliche Auge möglich wäre.  Mit diesen Daten können sie zB den Borkenkäferbefall pro Baum genauestens dokumentieren. Damit wissen die Waldbesitzer in der virtuellen Realität genau, wie sich ihr Wald verändert, welche Bäume gefällt und was gepflanzt werden kann. Wie viele Laufmeter seiner besten "steirischen" Eiche in das Sägewerk kommen und was sie unterm Strich an Umsatz bzw. Gewinn erwartet. Mathematische Hochrechnungen, Algorithmen und Künstliche Intelligenz sind für diese Branche längst kein Fremdwort mehr.