Holokratie

Führen ohne Chef: Keba verändert seine Arbeitsorganisation

Der Linzer Automatisierer Keba hat mit 253,6 Mio. Euro nicht nur den höchsten Umsatz seiner Geschichte erreicht. Zum 50-Jährigen hat sich die Gruppe auch eine neue Organisationsform verpasst. Bei Keba gibt es nämlich quasi keine Chefs mehr.

Keba Arbeitsorganisation Industrie 4.0 Automation Elektronik

Zum 50-Jährigen hat sich die Keba-Gruppe eine neue Organisationsform verpasst, wo es keine Chefs mehr gibt. 

Die Linzer Elektronik-Firma Keba hat zum 50-Jahr-Jubiläum mit 253,6 Mio. Euro den höchsten Umsatz ihrer Geschichte erreicht - "mit organischem Wachstum", betonte Vorstandsvorsitzender Gerhard Luftensteiner. Die Gruppe hat sich auch eine neue Organisationsform verpasst, in der Mitarbeiter statt einer klassischen Position mehrere Rollen übernehmen.

In der neuen, zellenbasierten Organisation, die seit einem knappen Jahr betrieben und zuvor mit den Mitarbeitern entwickelt wurde, setzt das Unternehmen auf Selbstverantwortung. Jeder habe nun drei bis vier selbst gewählte Rollen inne "in denen er Spaß und Kompetenz hat" - es bleibe auch keine ungeliebte Aufgabe über, jemand übernahm es etwa gern, die Verkaufszahlen für das Controlling aufzubereiten, was den Verkäufer enorm freute, brachte Luftensteiner ein Beispiel. Eine Person könne für Mitarbeiterführung zuständig sein, eine andere trage die Budgetverantwortung. "Es ist neu, aber extrem cool", zeigte er sich begeistert.

"Keine Arbeitsorganisation bei der alle mitquatschen können."

Es gebe keine klassische Führungskraft, wohl aber Leader, die je nach Aufgabe wechseln können. Ein Tool zeige sofort an, wer welche Rolle innehabe. "Es ist kein Modell, dass alle überall mitquatschen", betonte Luftensteiner. Ein oberster Kreis synchronisiere und stimme ab. Jede Zelle habe einen Zweck zu erfüllen und Ziele. Es gehe darum, dass sich "die Leute mit ihren vollen Fähigkeiten einbringen können und Spaß daran haben, sie sollen ihre berufliche Erfüllung finden". Die Bezahlung blieb gleich. Er selbst und auch andere hätten sich viel mit neuen Entwicklungen auseinandergesetzt, die Leute sollen - frei nach dem Prinzip des Neurobiologen und Buchautors Gerald Hüther - eingeladen, ermutigt und inspiriert werden. Der Umsatz wuchs im Geschäftsjahr 2017/18 (April bis März) um 31,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (193 Mio.). Dazu hätten alle Geschäftsfelder - unterstützt vom Wirtschaftsaufschwung - beigetragen, sagte Luftensteiner. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen ebenfalls von 38,1 auf 41,5 Mio. Euro.

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https://www.youtube.com/watch?v=9appV4HEBzQ Keynote vom weltweit renommierten Zukunftsforscher Peter Fisk auf der 50-Jahr-Feier von Keba. 

30.000 Steuerungen pro Jahr

Das Unternehmen sei in puncto Digitalisierung gut ausgerichtet, ein neues Bedien-Panel gebe dem Benutzer via Vibration direktes Feedback, ein volladaptiver Dreh-Drückknopf lässt zusätzliche Informationen erfühlen. Insgesamt wurden schon 400.000 Handbedienterminals geliefert. Keba verkauft pro Jahr 30.000 Steuerungen an Maschinen- und Roboterhersteller. 2017 wurden mit der Linie "evo" neue Geldautomaten eingeführt, deren Position der Benutzer an seine Größe anpassen kann. Auch ein unterfahrbarer Geldautomat, etwa für Rollstuhlfahrer oder Rollator-Benutzer, wurde entwickelt. Bei Cash- Recycling-Geldautomaten halte Keba in Österreich 80 und in Deutschland 33 Prozent Marktanteil, seit kurzem bietet man auch einen Automaten für den Außenbereich an. Luftensteiner gibt dem Bargeld, gerade in Europa, eine Zukunft.

Über 34.000 Ladestationen verkauft

Seit 2000 lieferte die Firma gut 6.500 Logistikautomaten und sieht sich als Marktführer in diesem Bereich. Die Übergabelösungen des deutschen Tochterunternehmens Kema seien mit 4.000 Systemen bei 600 Kunden ebenfalls sehr erfolgreich. In der Elektromobilität hat das Unternehmen seine Wallboxes in 45 Ländern zertifiziert und im vergangenen Geschäftsjahr über 34.000 Ladestationen verkauft. Man habe hier zum dritten Mal hintereinander Umsatz und Stückzahl verdoppelt.

Die Keba AG zählt 1.130 Mitarbeiter, davon 750 bis 800 am Hauptsitz Linz. "100 Mitarbeiter sind dieses Jahr dazugekommen", sagte Luftensteiner. Das braucht auch Raum, ein Werk in der Linzer Industriezeile soll von 5.000 m2 auf 15.000 m2 erweitert werden. Es gibt Niederlassungen in 11 Ländern, allein fünf Standorte in China, der lokale Vertrieb und Support in Asien werde weiter ausgebaut. Die Exportquote ist mit 87 Prozent unverändert hoch, 61 Prozent gehen in die EU, 16 Prozent nach Asien. (APA/red)

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