Mutiger Schritt

E-Mobilität: Profitbringer für Maschinenbauer?

Beim Maschinenbauer Anger Machining hat man sich vor vier Jahren für eine Strategieänderung entschieden. Mit einer neuen Maschinengeneration wollte man eine Marktlücke schließen. Wie gesetzliche Vorgaben zu einem Nachfrageboom geführt haben.

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Bernhard Morawetz, Anger Machining-Geschäftsführer, und Dietmar Bahn, Head of Business Development (v. li. n. re.).

Mit der Entwicklung der SP-Maschinengeneration hat die Anger Machining GmbH 2016 eine weitreichende Strategieänderung vollzogen. Die Entscheidung, Bearbeitungszentren für Strukturbauteile und großvolumige Komponenten aus Aluminium und Magnesium auf den Markt zu bringen, war ebenso kostenintensiv wie riskant. Anger Machining eröffnete sich damit zwar eine Marktlücke im E-Mobility-Bereich, investierte aber gleichzeitig in eine Nische mit noch geringen Produktionsvolumina. Wenige Jahre später ist die Nachfrage aufgrund rigoros gesenkter CO2-Grenzwerte für Neuwagen sprunghaft angestiegen. Mehr als 20 SP-Anlagen hat Anger bisher verkauft. Das Maschinenbauunternehmen hat sich außerdem den prestigeträchtigen Auftrag für die MEB-Plattform von Volkswagen und anderen Premiumherstellern gesichert. Mit vollen Auftragsbüchern, 120 Mitarbeitern und 100 % Exportquote will Anger den Umsatz von zuletzt 24 Mio. Euro erneut deutlich steigern.

Emissionsziele sorgen für Nachfrageboom

„Wir stehen buchstäblich unter Strom“, sagt Anger Machining-Geschäftsführer Bernhard Morawetz. „Maschinen für Elektro- und Hybridantriebe machen bereits drei Viertel unseres Umsatzes aus.“ Dass der Kohlendioxidausstoß von Neuwagen und leichten Nutzfahrzeugen laut EU-Verordnung bis 2025 um 15 Prozent[1] sinken muss, spielt Anger Machining in die Karten. Die gesetzlichen Vorgaben haben einen Nachfrageboom nach Bearbeitungsmaschinen für Strukturbauteile und großvolumige Komponenten für E- und Hybrid-Autos ausgelöst. „Wir haben 2016 eine riskante Entscheidung getroffen. Jetzt können wir – als eines von ganz wenigen Unternehmen weltweit – technologisch ausgereifte und in der Praxis bewährte Anlagen anbieten“, sagt Morawetz. „Als sich Anger Machining 2016 entschied, Maschinen für die Bearbeitung von Strukturbauteilen zu entwickeln, haben wir auf einen Trend gesetzt, von dem niemand wusste, ob er tatsächlich kommen würde““ ergänzt Dietmar Bahn, Leitung Vertrieb und Business Development bei Anger Machining.

Herausfordernde Entwicklung

Die Bearbeitungszentren aus Traun nun für Bauteile der neuesten Generation von Elektro- und Hybridfahrzeugen von Volkswagen, Daimler oder Fiat Chrysler Automobiles eingesetzt. Neben Batteriewannen werden in deren Werken Seitenschweller, A-Säulen, Längs- und Querträger und Aluminiumprofile in den SP-Bearbeitungszentren fünfachsig gefräst, gebohrt und entgratet. Die Entwicklung dieser Bearbeitungszentren war eine vollkommen neue konstruktive Herausforderung, im Grenzbereich des physikalisch Möglichen bewegen. „Verglichen mit den kleinen, hochpräzisen Bauteilen, die unsere Transferzentren zuvor für Automatikgetriebe und Verbrennungsmotoren fertigten, bearbeitet die SP-Maschinengeneration jetzt sehr dünnwandige Teile mit bis zu zwei Metern Länge und mehr als einem Meter Breite. Dabei stellt die Spanntechnologie eine große Herausforderung dar. Gleichzeitig müssen hohe Stückzahlen und eine schnelle Beladung sowie flexible Umrüstbarkeit auf andere Werkstücke ermöglicht werden“ ergänzt Bahn.  

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Technologievorsprung in dynamischem Markt

Insbesondere die 5-Achs Doppelspindler der SP-Maschinengeneration erfreuen sich großer Beliebtheit, weil damit etwa zwei große Batteriewannen gleichzeitig bearbeitet werden können. Palettenwechsler erlauben die rasche Be- und Entladung der Bearbeitungszentren. Seit Anger Machining die erste Maschine für die namensgebenden Structural Parts (daher SP-Maschinengeneration) konstruiert hat, setzte eine enorme Marktdynamik ein, erklärt Dietmar Bahn, Head of Business Development. „Die Kunden verlangen neben den qualitativen Grat- und Reinheitsanforderungen ein enormes Maß an Flexibilität bei minimalen Zykluszeiten.“ Einerseits sei es für die Kunden schwer abschätzbar, welche Bauteile in den nächsten Jahren gefertigt werden müssen, andererseits seien der Produktionsdruck hoch und die Flächenkapazitäten in den Werken gering. „Dank unseres technologischen Vorsprungs und der bei einigen Referenzprojekten angewandten Prozessoptimierung hinsichtlich innovativer Werkzeug- und Spanntechnologien können wir auf diese Anforderungen rasch reagieren“, betont Bahn. Noch heuer erweitert Anger daher sein SP-Produktportfolio um weitere leistungsfähige Maschinentypen. Mit der Kombination von zwei unabhängigen Bearbeitungseinheiten zu einer Maschine ist bei Bearbeitungszeiten von bis zu zwanzig Minuten pro Bauteil ein enormer Effizienzgewinn bei gleichzeitiger höherer Flexibilität möglich. Denn damit können beispielsweise gleichzeitig linke und rechte Bauteile bearbeitet werden oder zwei Spindeln auf einem Bauteil zum Einsatz kommen. Damit erreichen die SP Maschinen die kürzesten Taktzeiten.

Bahn ist überzeugt, die strikten Vorgaben der EU zum CO2-Abbau werden die Autoproduzenten zwingen, die Produktion von E-Autos massiv auszubauen. „Selbst in bzw. nach der Corona-Krise muss die Produktion von Hybrid und E-Autos mit Priorität angekurbelt werden, um den Flottenverbrauch zu senken. Sonst ist die per EU-Verordnung festgelegte Senkung des Kohlendioxidausstoß von Neuwagen bis 2025 um 15 Prozent und bis 2030 um 37,5 Prozent im Vergleich zu 2021 nicht zu schaffen.“

[1] Die Verordnung (EU) 2019/631 zur Festsetzung von CO2-Emissionsnormen für neue Personenkraftwagen und für neue leichte Nutzfahrzeuge hob die Vorgänger-Verordnungen auf und trat mit 01 Jänner 2020 in Kraft. Da die vorangegangenen Verordnungen mehrfach und erheblich geändert wurden, entschied man sich - aus Gründen der Klarheit - die Verordnungen neu zu fassen.

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