Nikolaus Kawka hat technische Physik an der TU Wien studiert und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Forschung und Entwicklung im Bereich Informationstechnologie. Kawka forschte unter anderem beim Joint Research Center der Europäischen Kommission und war Geschäftsführer der Hagenberg Software GmbH. Heute leitet der Experte die Zühlke Engineering Austria GmbH – ein international tätiger Lösungsanbieter für Entwicklung multidisziplinärer Lösungen, die von der Pro-zessberatung über die Firmware bis zur Internet-Anwendung und kompletten Produktentwicklung reichen.

Gastkommentar

Digitalisierung: Über die Hälfte der traditionellen Industriejobs wird verschwinden.

Nikolaus Kawka, GF Zühlke Engineering, über die Folgen der digitalen Transformation und warum Industrie 4.0 im Grunde nur ein verordnetes , technologisches Modernisierungsprojekt von Verbänden und Regierung ist.

Zühlke Engineering Digitalisierung Meinung Blog Industrie

Nikolaus Kawka: "Nach einer Studie von Roland Berger könnte Europa bis 2025 einen Zuwachs von 1,25 Billionen Euro an industrieller Bruttowertschöpfung erzielen, oder aber einen Wertschöpfungsverlust von 605 Milliarden Euro erleiden."

Viele Branchen stehen vor einem Umbruch: Die digitale Transformation bietet den Unternehmen große Chancen, stellt sie aber auch vor enorme Herausforderungen. Nach einer Studie von Roland Berger könnte Europa bis 2025 einen Zuwachs von 1,25 Billionen Euro an industrieller Bruttowertschöpfung erzielen, oder aber einen Wertschöpfungsverlust von 605 Milliarden Euro erleiden. Außerdem werden rund 59 Prozent der traditionellen Industriejobs in Mitteleuropa bis zur Jahrtausendwende verschwinden. Es ist also dringend notwendig, dass die Unternehmen lernen, innovativ zu denken, um von der Digitalisierung zu profitieren und den Wertschöpfungsverlust zu verhindern.

Vierte industrielle Revolution

Die digitale Zukunft wird immer unvorhersehbarer und bringt mit immer größerer Geschwindigkeit Innovationen in die Märke. Diese werden dadurch extrem volatil und wenig prognostizierbar. Gleichzeitig steigt als zusätzlicher Komplexitätstreiber die Nachfrage nach hochindividualisierten Gütern. Die Digitalisierung markiert somit die vierte industrielle Revolution, in der die zunehmende Komplexität in der Produktion durch Vernetzung und Dezentralisierung bewältigt wird. Das genau ist die Idee von Industrie 4.0: Zentrale Steuerungen und Organisationen verlieren an Bedeutung, weil sie in der zunehmend komplexen Welt nicht funktionieren. Physische Gegenstände sind mit Sensoren und Rechenleistung ausgestattet und können Informationen über sich selbst und ihre Umgebung austauschen. Im Idealfall entscheiden Maschinen dann autonom, was und wie produziert wird.

Industrie, IoT und Cloud

In der Industrie ist bereits eine solide Basis für die digitale Transformation vorhanden. Systeme wie standardisierte Steuerungstechnik bieten eine gute Basis für Vernetzung. Im nächsten Schritt gilt es nun, die Kommunikation der Systeme zu verbessern, die Prozesse zu optimieren und Medienbrüche zu reduzieren. Hier spielt das Thema Internet of Things, also die Vernetzung von digitaler und realer Welt, eine wichtige Rolle. Wenn beispielsweise die Produktion den Lieferanten frühzeitig über Materialbedarf informiert oder Maschinen selbsttätig ihren Wartungszustand und die benötigten Ersatzteile an den Techniker kommunizieren, spart das Zeit und Kosten ein. Die IT-Systeme und die Cloud haben dabei eine zentrale Bedeutung, auch wenn das Thema Security und der illegale Zugriff auf Unternehmens- und Kundendaten zunehmend Probleme bereiten.

White Paper zum Thema

Mehr als Technologie

Die meisten europäischen Unternehmen und Entscheidungsträger denken jedoch zu stark auf Technologien bezogen. Typisches Beispiel ist das Thema Industrie 4.0 in Deutschland, das von Regierung und Verbänden als (technologisches) Modernisierungsprojekt quasi verordnet wurde. Die Herausforderungen der digitalen Transformation gehen jedoch weit über technologische Effizienzinnovationen in der Produktion hinaus. Viel entscheidender für die Wettbewerbsposition von Unternehmen sind Forschung & Entwicklung, innovative Geschäftsprozesse, das Schaffen von begeisternden Nutzererlebnissen und von Produkten mit Mehrwert. Ein aktuelles Projektbeispiel: Ein Hersteller von Schließsystemen entwickelt gemeinsam mit Zühlke ein vernetztes Zutrittssystem und wird so vom Produkthersteller zum digitalen Service-Provider. Anwender können ihr System einfach betreiben und überwachen, indem sie beispielsweise selber Zutrittsrechte dynamisch vergeben.

Innovation als Triebfeder

Der Schlüssel für eine erfolgreiche digitale Transformation heißt Innovation. Ziel dabei ist es, neue Märkte zu schaffen und nicht nur Effizienzinnovationen. Traditionelle Geschäftsmodelle werden zukünftig durch neue „digitale“ Modelle abgelöst. Um nochmals das Beispiel des vernetzten Zutrittsystems zu zitieren: Mechanische Schließsysteme werden zunehmend durch elektronische Systeme verdrängt, das eigene Geschäftsmodell muss also neu gedacht werden. Innovation heißt aber nicht nur technologiezentriert zu denken, sondern sich auf die User Experience, also Nutzen und Mehrwert für den Kunden, zu konzentrieren. Erfolgreiche digitale Produkte weisen oft eine Reduktion auf wesentliche Features, perfekte Ausgestaltung und intuitive Benutzung auf – Unternehmen wie Apple stellen das unter Beweis.

Zeit zählt

In der digitalen Ökonomie ist Time to Market extrem wichtig – nach dem Motto: The Winner takes it all. Wer mit einer Innovation als Erster am Markt ist beherrscht das Geschäft, der Zweite und Dritte hat es schwer zu überleben. Wie aber bekommt man Innovationskraft ins Unternehmen? Eine Tochter zu gründen oder ein Start-up zu kaufen scheint als Maßnahme auf der Hand zu liegen. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Weg oft nicht nachhaltig ist. Effizienter ist es, im Transformationsprozess mit einem Partner zusammen zu arbeiten, der Expertise, kreative Köpfe und Innovationsmethoden wie Design Thinking, „Stars to Road“ oder „Rent a Start-up“ ins Unternehmen einbringt. Ein externer Berater kann besser Chancen im Unternehmen erkennen und helfen, völlig neue Vernetzungsmuster und menschenzentrierte Lösungen zu entwickeln. Inkrementelles Innovationsmanagement alleine ist meist zu wenig, die disruptive Komponente fehlt. Ein gutes Beispiel ist die Einführung Elektromobilität bei Automobilherstellern: Die traditionellen Marken hingen lange Zeit an herkömmlichen Designdisziplinen und wurden vielfach von innovativen Herstellern wie etwa Tesla überholt. Eines steht fest: Die digitale Transformation findet statt – wir können in Europa noch aufschließen und die neuen Chancen nutzen. 

Verwandte tecfindr-Einträge