Die Faszination für Produktion begleitet Prof. Dr. Syska sein gesamtes Berufsleben. Nach Maschinenbaustudium und Promotion an der RWTH Aachen war er bei der Robert Bosch GmbH tätig, zuletzt als Produktionsleiter. Gegenwärtig ist er Professor für Produktionsmanagement an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und gibt seinen Studenten und Industriepartnern ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiter.

Andreas Syska

Digitalisierung: Turbolader für das Hamsterrad 4.0

Der Öffentlichkeit werden mit Steuergeldern subventionierte, medial spektakulär inszenierte Leuchtturmprojekte präsentiert, deren Strahlkraft nicht über die Grenzen der Werkshalle hinaus geht. Industrie 4.0 als Ticket für die Reise in das Land des rasenden Stillstands.

Die Industrie wird neu definiert - wir sollten aber endlich anfangen, die Digitalisierung von der Gesellschaft her zu entwickeln.

Industrie 4.0: Das digitale Kind des Maschinenbaus ist noch immer nicht erwachsen, bleibt in seinem Kinderzimmer und liegt seinen Eltern weiterhin auf der Tasche. Klar, dass die sich das ganz anders vorgestellt haben. Und, um nach außen nicht zugeben zu müssen, dass der Aufwand für dessen Erziehung in krassem Missverhältnis zu dem steht, was der Kleine wirklich kann, werden bereits geringste Fortschritte groß gefeiert.

Medial inszenierte Leuchtturmprojekte

So werden der Öffentlichkeit mit Steuergeldern subventionierte, medial spektakulär inszenierte Leuchtturmprojekte präsentiert, deren Strahlkraft in der Regel nicht über die Grenzen der Werkhalle hinaus geht - genau wie die Phantasie ihrer Schöpfer. Was war nochmals das Erziehungsziel? Ach ja, Effizienzgewinne. Diese bleiben aber hinter den - von wem eigentlich formulierten? - Erwartungen zurück. Stört aber kaum jemanden, kann man doch überall sagen: wir sind dabei!

Die Richtung stimmt nicht

Und was ist mit den neuen Geschäftsmodellen, von denen immer mal wieder die Rede ist? Es sind nichts anderes als Effizienzversprechen an den Kunden des Maschinenbauers: Bessere Anlagennutzung, Predictive Maintenance und diese ganzen Dinge. „It´s efficiency, stupid!“ War es das, etwa? Ich hoffe, schon – denn die Richtung stimmt nicht. Immer schneller, immer höher, immer weiter – und von allem immer mehr. Und das in einer Zeit, in der eine wachsende Zahl von Menschen dabei ein mulmiges Gefühl hat und sich fragt, ob diese Art des Wirtschaftens noch zukunftsweisend ist und ob Digitalisierung tatsächlich nichts anderes ist, als der Turbolader für das Hamsterrad.

White Paper zum Thema

Industrie 4.0: das Ticket für die Reise in das Land des rasenden Stillstands

Visionen? Ach, woher! Denn auch die Phantasie zu vieler Unternehmer - die diese Reise ja mitfinanzieren - ist arg limitiert. Sie geht nicht über die Grenzen des eigenen Auftragsbuchs hinaus und äußert sich lediglich in der Versicherung, für das Digitale gut aufgestellt zu sein und in der Formulierung von mittelfristigen Umsatzzielen. Au, weia!

Wenig Schmeichelhaftes 

War es das, etwa? Ich hoffe, nein. Denn, wenn wir einmal den Kopf heben und uns die Sache von oben ansehen, erblicken wir für uns wenig Schmeichelhaftes:

  • Während Industrie 4.0 an Datenschnittstellen tüftelt, entwickelt man an anderen Orten der Welt Plattformen für eine neue Art des Wirtschaftens.
  • Während Industrie 4.0 die Digitalisierung technisch verstehen möchte, will man dort verstehen, wie damit Geld zu verdienen ist.
  • Während Industrie 4.0 Datenmodelle entwirft, entwerfen andere neue Geschäftsmodelle.

Der hiesige Produzent betreibt fabrikfixierte Nabelschau und tüftelt im Kinderzimmer mit Hingabe an technischen Details – während draußen gerade das Spiel geändert wird. Seine Perspektive: er wird zerrieben zwischen Betreibern von Industrieplattformen und Billigproduzenten - als Air BnB der Wertschöpfung. Kann man buchen, muss man aber nicht.

Weg vom Bediener smarter Maschinen

Ja, das Spiel namens Industrie wird derzeit neu definiert. Und da reicht es einfach nicht aus, am Spielfeldrand zu stehen und die Bälle aufzupumpen. Ob dieses neue Spiel den Menschen nützt, ist zu bezweifeln. Denn bisher ist dieser nur Mittel zum Zweck – die Protagonisten der Digitalisierung weisen ihnen entweder die Rolle als Umsatzspender oder als Bediener smarter Maschinen zu. Und genau das ist unsere Chance. Wir sollten endlich anfangen, die Digitalisierung von der Gesellschaft her zu entwickeln. Können wir das? Ich denke ja. Sind Sie dabei? Ich hoffe es. 

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