Leonhard Muigg ist als Industrie 4.0-Koordinator der Siemens AG Österreich tätig. Er fungiert als Kommunikator zwischen den Siemens-Bereichen und den Industriepartnern, um das Thema Industrie 4.0 zu positionieren und voranzutreiben.

Leonhard Muigg

Digitaler Zwilling oder doch erst digitaler Schatten?

Während sich manche im Definitions-Karussell eines digitalen Schattens oder eines digitalen Zwillings drehen, wäre es doch viel sinnvoller, die eigenen Abläufe zu überdenken.

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Ansichtssache: Wenn der Status Quo ein „digitaler Schatten“ ist, dann sollte aber das zugrundeliegende Ziel der „digitale Zwilling“ sein.

Es war eine interessante Diskussion, die ich vor kurzem mit Thomas Bauernhansl führen durfte. In meinen Vorträgen benutze ich gerne die Formulierung „digitaler Zwilling“ und betone dessen Wichtigkeit für eine zukunftsfähige Fertigung. Für den Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) ging dieser Begriff allerdings zu weit. „Digitaler Produktionsschatten“ träfe laut Bauernhansl aktuelle Entwicklungen in Industriebetrieben wohl eher. Ein Schatten ist per Definition der unbeleuchtete Raum hinter einen beleuchten Körper. Für mich zeigt das, dass ein „Schatten“ zu wenig Details abbildet, um die Kernkompetenz von Unternehmen mit der Digitalisierung zu stärken. Was aber im Umkehrschluss genau die jetzige Situation in der Industrie trifft - und damit Bauernhansl ebenso recht gibt wie mir. Gehen wir also davon aus, dass der Status Quo ein „digitaler Schatten“ ist, dann sollte aber das zugrundeliegende Ziel der „digitale Zwilling“ sein.

Stücklisten sind keine Plattformen

Habe ich in meinen letzten beiden Kolumnen über die Notwendigkeit einer digitalen Transformation und die möglichen Umsetzungsstrategien geschrieben, will ich mich heute dem Thema Technologie-Plattform widmen. Denn um hier nachhaltig sein zu können, müssen einige Hausaufgaben gemacht werden. Der Wandel von der Teilestückliste hin zur Prozessstückliste ist meiner Meinung nach der revolutionärste Wandel in der Produkt- und Produktionsplanungskette. Aber dafür – und das zeigt meine Erfahrung aus der Industrie – sind die Abläufe in der Wertschöpfungskette von Unternehmen und deren Verantwortliche noch nicht genug vorbereitet. Betrachtet man die letzten 15 Jahre wurde sehr viel Energie in die Darstellung von verschiedensten Stücklisten investiert. Man findet sie in Produktdaten- oder in Lifecycle-Managementsystemen. Wobei es auch hier noch Verbesserungspotenzial bei den Informationen gibt, die ein holistisches Produktmodell brauchen. Speziell, wenn man zukünftige Anforderungen in Richtung Kundenerwartung und fertigungsgerechtes Produktdesign erfüllen will. Aber das sind keine Plattformen, das sind Inseln, denn der Weg ist viel „prozesslastiger“.

Warum ein digitaler Schatten nicht reicht

Der Weg eines Fertigungsunternehmens in die digitale Zukunft wird primär mit der Optimierung von Abläufen zu tun haben. Es reicht nicht, Teilestücklisten als alleinige Basis einer detaillierten Fertigungsplanung zu verwenden. Ein digitaler Produktzwilling ist nur das untere Ende der Fahnenstange. Ein Produktmodell muss künftig auch die Anforderung mit Blick auf den Prozess abdecken können. Genauso werden diese Modelle die Anforderungen, die das Design beeinflusst haben, dokumentieren können. Neben dem „as required“ bleibt das „as designed“ das Ziel aus der Konstruktionsstückliste. Aber bei vielen Produkten reicht das nicht mehr aus, da die Modulbaukästen und Individualisierungsmöglichkeiten auch „as configured“ abbilden müssen. Die Überleitung zur Fertigungsstückliste wird immer wichtiger, und da sind wir genau an jenem Punkt, wo die Digitalisierung den größten Nutzen hat. Hier muss der Weg ganz klar weg von der Teilestückliste hin zur Prozessstückliste sein, an deren Ende ein digitaler Prozess- oder Produktionszwilling steht. Dass hier ein digitaler Schatten nicht mehr reicht, dürfte klar sein.

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